"Wir brauchen eine Offenheit für Neuerungen auf allen Ebenen des Bildungssystems"
(red/pm). Für moderne Lehrwerke plädiert Hannes Schwaderer, Geschäftsführer der Intel GmbH und Präsident der Initiative D21: "Wir sollten die Chance ergreifen und interessante, aufregende, neuartige Lehrwerke erstellen, die Kinder motivieren zu lernen."
27.11.2012 ArtikelHerr Schwaderer, die Vermittlung von Medienkompetenz ist heute unstrittig von grundlegender Bedeutung, wenn es darum geht, junge Menschen auf gesellschaftliche Teilhabe und berufliche Perspektiven vorzubereiten. Laut eines aktuellen Berichts der Europäischen Kommission tragen jedoch die Schulen in Deutschland dieser bereichsübergreifenden Kompetenz noch nicht ausreichend Rechnung. Wie sieht denn Ihrer Ansicht nach die moderne Schule heute aus? Gibt es Vorbilder?
Schwaderer: Es gibt bei uns ganz hervorragende Schulen, die sich vom Durchschnitt deutlich abheben. Ihr Kennzeichen ist ein Kulturwandel – sie haben sich auf Veränderungen eingelassen. Grundlage ist jeweils ein fundiertes didaktisches Konzept. Moderne Schulen zeichnet aus, dass Schulleitung und Lehrkörper den Wandel mittragen. Es gibt bereits innovative Ansätze in Schulen, in denen es neben dem Klassenraum für jede Schülerin und jeden Schüler einen eigenen festen Arbeitsplatz mit Rechner gibt. Gruppensituationen wechseln sich mit konzentrierten individuellen Lernphasen ab. Der Einsatz digitaler Lern- und Lehrwerkzeuge fördert selbstbestimmtes und kooperatives Lernen gleichermaßen. Die Rolle der Lehrkraft wandelt sich hin zum Moderator und Coach. Wir erhalten also ein komplett neues Konzept von Schule, dass konzeptuelle, technische, räumliche und pädagogische Veränderungen mit sich bringt.
Den Beteiligten scheint bisher nicht klar zu sein, von welcher Seite sie das Pferd aufzäumen sollen, um Schulen mit zeitgemäßen Lehrmaterialien auszustatten: Muss zuerst die Technik perfekt stehen, und die Verlage stellen dann passende Materialien her. Oder statten die Schulen besser erst dann aus, wenn die Materialien bereits vorhanden sind?
Schwaderer: Ich würde gern das Bild von dem Pferd aufgreifen. Henry Ford hat gesagt: "Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde." Dieses Zitat zeigt uns deutlich, dass es oftmals eines vollständigen Paradigmenwechsels bedarf, um Innovationen zu entwickeln. An einem ähnlichen Punkt wie Ford damals stehen wir heute in Bezug auf den Unterricht und das Lehrmaterial: Technische Entwicklungen bei digitalen Lehr- und Lernwerkzeugen eröffnen ganz neue Perspektiven für den Unterricht. Wir sollten dem Reflex widerstehen, diesem Fortschritt mit der jeweils scheinbar nahe liegenden Lösung zu begegnen. Wir sollten die Chance ergreifen und interessante, aufregende, neuartige Lehrwerke erstellen, die Kinder motivieren zu lernen.
Wie können wir uns solche zeitgemäßen Lehrwerke und Unterrichtsmaterialien vorstellen?
Schwaderer: Unser zweiter Runder Tisch im November in Hannover stand unter der Überschrift "Medienkompetenzförderung und Lehrwerkseinsatz: Was muss ein Schulbuch des 21. Jahrhunderts leisten?". Im Austausch der Expertinnen und Experten hat sich gezeigt, dass zeitgemäße digitale Lehrwerke optimiert sind für den Gebrauch mit unterschiedlichen Lehr- und Lernwerkzeugen. Sie beinhalten multimediale Elemente, die den Forschergeist der Schülerinnen und Schüler wecken und ein Thema auf verschiedene Art und Weise veranschaulichen. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, dass die Materialien flexibel handhabbar sind und zum Beispiel auch erlauben nur einzelne Kapitel auszuwählen und zu bearbeiten. Es gibt Entwicklungen in diese Richtung, das begrüßen wir sehr.
Jetzt haben wir über die Schüler und die Unterrichtsmaterialien gesprochen. Wird denn auch im Bereich der Lehrerausbildung bereits genug getan?
Schwaderer: In den Ländern gibt es im Bereich der Lehreraus- und -weiterbildung ganz viele gute Konzepte. Das ist auch notwendig, denn allen Beteiligten ist bewusst, dass ein Veränderungsprozess in der Schule eng verbunden ist mit den Kompetenzen der Lehrkräfte. Es liegt aber auch noch ein weiter Weg vor uns. Denn analog dazu, wie technische Innovationen Einzug in unseren Alltag halten, sollte es einen stetigen Prozess geben, der die entsprechende Medienkompetenz in die Schule trägt.
Was muss passieren, damit wir den Anforderungen an lebenslanges Lernen mit und für digitale Medien gerecht werden und international nicht den Anschluss verlieren oder Teile der Gesellschaft abhängen?
Schwaderer: Wir brauchen einen grundlegenden Kulturwandel, eine Offenheit für Neuerungen – und zwar auf allen Ebenen des Bildungssystems. Mit kurzfristigen Einzelprojekten oder Aktionismus werden wir als Gesellschaft dieser zukunftsentscheidenden Herausforderung nicht erfolgreich begegnen können.
(Das Interview führte Sabrina Ortmann, Initiative D21 e.V.)
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