"Wir wollen die naturwissenschaftlichen Fächer anschaulich gestalten"
(red) FFFFt… mit einem kräftigen Zischen rast das Styropor-Auto durch den Raum. Die Zweitklässler sind begeistert. Rund 20 Mädchen und Jungen besuchen an diesem Morgen den Workshop zum Thema Luftantrieb in der Autostadt in Wolfsburg. Klar, dass sie nach dieser beeindruckenden Vorführung jetzt ihr eigenes Auto bauen wollen. Mit Hochdruck geht es an die Arbeit. Später werden sie ihre selbst gebauten Flitzer ins Rennen schicken und sich einiges an Wissen zum Thema Antrieb angeeignet haben. Im Nachbarraum widmen sich Drittklässler einem komplexeren Thema: Strom. Auch hier wird heftig gewerkelt. Und auch hier geht es um Fortbewegung. Angetrieben werden die selbst gebastelten Vehikel diesmal nicht mit Luft, sie fahren mit Strom.
07.11.2011 ArtikelWenn ein Lehrer mit seinen Kindern hierher kommt, hat er ganz unterschiedliche Motivationen, erläutert der Leiter der Inszenierten Bildung der Autostadt, Dr. Michael Pries. "Er kann die Autostadt an sich besuchen. Wir haben hier permanent eine Ausstellung, beispielsweise unser Level Green, wo es um die Idee der Nachhaltigkeit geht, wo man an verschiedenen Exponaten bestimmt Inhalte erörtern kann. Er kann bei uns aber auch ein Lernarrangement buchen, einen Workshop beispielsweise, an dem die Kinder zwischen 3 bis vier stunden teilnehmen und sich zu einem ganz bestimmten Thema vor allem praktisch abarbeiten. Das ist nach Altersgruppe unterschiedlich. Wir fangen im Bereich der frühkindlichen Bildung an mit unserer technischen Frühbildung und das geht hoch - lebenslanges Lernen ist für uns wirklich auch Programm - bis ins hohe Alter. Aber beispielswiese auch Berufsschüler, Gymnasiasten, Haupt- und Realschüler finden bei uns Lerninhalte. Wir versuchen einen Teil der Berufsorientierung hier mitzugeben und wir versuchen vor allem aber die naturwissenschaftlichen Fächer anschaulich und interessant zu gestalten."
Die Autostadt in Wolfsburg ist einer von vielen so genannten außerschulischen Lernorten in Deutschland und noch dazu ein ganz besonderer. Die pädagogische Arbeit der Autostadt zeichnet sich nämlich durch eine in Deutschland einmalige Kooperation aus: Gemeinsam mit dem Niedersächsischen Kultusministerium hat die Autostadt das "Curriculum Mobilität" entwickelt, einen fächerübergreifenden Lehrplan rund um das Thema Mobilität, der 2002 an allen Niedersächsischen Schulen eingeführt wurde.
"Die Idee dahinter war, insbesondere auf das Thema Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung einzugehen", erklärt Pries. "Zu sagen, wir müssen heute nicht mehr nur lernen, wie man über die Straße kommt oder von A nach B. wir müssen uns auch die Frage stellen warum wollen wir denn darüber kommen, warum haben wir bestimmte Herausforderungen in der Gesellschaft, wenn so viele Kulturen zusammenleben. Warum ist es manchmal sinnvolle das eine oder andere Verkehrsmittel zu nutzen Worauf muss ich achten wenn ich heute mobil sein will. All diese Fragen wollte man hier integrieren und fächerübergreifend erörtern."
Außerschulische Lernorte sind nichts Neues – schon früher nutzten Lehrer vielfältige Lernmöglichkeiten außerhalb des Klassenraums. Sie besuchten mit Ihren Schülern Museen, Theater oder auch Betriebe. Doch in den letzten Jahren ist - insbesondere im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich - das Angebot an speziellen Lernorten enorm gewachsen. Hier wird keinem Schauspieler zugehört und keine Exponate werden bewundert: Hier wird gelernt.
Im Prinzip kann zwar auch die Bäckerei um die Ecke den Schülern vor Augen führen, wie man Brötchen backt, wie man sie anbietet, wie man kalkulieren muss oder wie man mit Kunden umgeht. Doch erfüllt sie allein schon dadurch die Kriterien eines außerschulischen Lernorts?
"Die Frage, die man sich stellen muss ist: Wie werden diese Lerninhalte aufbereitet, wer vermittelt sie und inwieweit passen sie beispielsweise auch zu den schulischen Lerninhalten", so Michael Pries. "Und da sind wir im Moment dabei mit einer Gruppe anderer außerschulischer Lernorte dieses ein bisschen nicht zu reglementieren aber zu mindest abzubilden, zu zeigen, dass an Orten wie unserem ausgebildetes Personal ist, dass wir mit Lehrern, mit Schule mit dem Kultusministerium gemeinsam unsere Lerninhalte erarbeiten und dass es eben nicht darum geht ein bestimmtes Produkt oder ein bestimmtes Unternehmen in den Vordergrund zu schieben sondern wirklich Schulunterricht anschaulich zu gestalten."
Rund 200 000 Schüler besuchen pro Jahr diesen außergewöhnlichen Lernort im Norden der Republik. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich eine weitere Besonderheit: das phaeno – ebenfalls ein außerschulischer Lernort. Hier setzt man in erster Linie auf eigenständiges Experimentieren, berichtet Alexandra Schautz, wissenschaftliche Mitarbeiterin im phaeno:
"phaeno als außerschulischer Lernort hat einmal das Konzept des selbstständigen Ausprobierens. Unser Ansatz ist phänomenorientiert, das heißt, auf der Ausstellungsfläche finden Sie Stationen zu einzelnen Naturphänomenen oder technischen Umsetzungen, die der Besucher der kommt, selbstständig ausprobiert. Und das Ganze behandeln wir dann an unterschiedlichen Themen mit dem Schwerpunkt physikalische Phänomene aber auch im Bereich Biologie und zum Beispiel planen wir jetzt gerade die Ausstellung die im Dezember startet zum Thema Kugelbahnen. Ich würde mir wünschen, dass jeder Lehrer den Mut hat, seine Schüler auch eine gewisse Zeit frei laufen zu lassen und wirklich frei entdecken zu lassen. Es gibt auch Angebote von uns, das Ganze in bestimmten thematischen Richtungen zu nutzen, also zum Beispiel unsere Workshops oder unsere Entdeckertouren, wo die Schüler durch einen gewissen Teil der Ausstellung in gewisser Weise geleitet werden. Aber das freie Entdecken steht im Vordergrund."
Um in diese Welt der Phänomene eintauchen zu können, nehmen die Besucher mitunter lange Wege auf sich. So besuchen an diesem Tag alle Schüler und Lehrer aus der Sekundarschule 1 aus Bitterfeld/Wolfen das phaeno, Anreisezeit: zweieinhalb Stunden. Marion Schulz, Physiklehrerin der Schule, ist sich sicher, dass dieser Aufwand lohnt. "Ganz konkret ist dieser Behaltenseffekt für Schüler, der ja viel größer ist, als wenn ich im Unterricht irgendetwas zeige. Wir fahren zum Beispiel mit den achten Klassen immer nach Berlin in das Spektrum und noch in der zehnten Klasse erzählen die Schüler davon: Das haben wir dort gemacht und das haben wir dort gemacht. Wir erhoffen uns das jetzt auch vom phaeno, dass die Schüler anschließend sagen: Das haben wir da gesehen, das kenne ich. Der Behaltenseffekt ist viel größer."
Und dieses Behalten, das ist nicht neu, hängt entscheidend ab vom eigenen Tun, vom selbstständigen Entdecken. Und das kommt bei den Bitterfelder Schülern, so erzählen sie, besonders gut an: "Das Beste finde ich am phaeno ist, dass man ganz alleine ausprobieren kann, ohne Hilfe und Touren sondern alles ganz allein experimentieren kann."
Weiterführende Links
- Homepage Autostadt
- Homepage phaeno
- VIDEO "Wir wollen die naturwissenschaftlichen Fächer anschaulich gestalten"
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