Internationales Symposium

Handschreiben hat Zukunft – auch im digitalen Zeitalter

Bei einem internationalen Symposium des Schreibmotorik Instituts in Kooperation mit dem Institut für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt diskutierten Vertreter aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis über die Zukunft des Handschreibens.

20.12.2017 Bundesweit Artikel Andrej Priboschek
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Schon mit vier Jahren beginnen die meisten Kinder – nämlich 61,4 Prozent – damit, ihren Namen zu schreiben. Bis zur Einschulung tun sie dies freiwillig im Schnitt 400 Mal, wie eine aktuelle Studie des Schreibmotorik Instituts ergeben hat. „Das korrekte Schreiben des Namens und das Lob der Erwachsenen dafür ist wahrscheinlich der erste bewusst wahrgenommene Bildungserfolg eines Kindes“, erklärt Institutsleiterin Dr. Marianela Diaz Meyer – entsprechend hoch sei der Schritt für die weitere Entwicklung einzuschätzen. Doch: Was passiert mit den Handschreiben im Zeitalter der Digitalisierung? Und was passiert mit der Bildung?

„Die Medien ändern sich, aber die Handschrift bleibt.“ Und: „Bildung benötigt das Handschreiben im sinnvollen digitalen Kontext.“ Das waren die zwei möglichen Antworten, die Wissenschaftler, Lehrerausbilder, Vertreter von Kultusministerien sowie Schulpraktiker und Ergotherapeuten als Arbeitshypothesen auf einem internationalen Symposium des Schreibmotorik Instituts in Kooperation mit dem Institut für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt im Gästehaus der Universität diskutierten. Im Mittelpunkt standen dabei die Chancen und Risiken des Handschreibens im Kontext der Digitalisierung – eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen der Bildungspraxis der Zukunft.

Handschreiben und digitale Technik sind keineswegs ein Widerspruch. Dies zeigen etwa die aktuellen technologischen Entwicklungen, die Handschrift als Eingabemedium nutzen. Denn „das Schreiben von Hand ist eine der benutzerfreundlichsten Interaktionsformen für die Mensch-Maschine Schnittstelle – direkt, flexibel, intuitiv und kreativ “, erklärte Ergonomie-Expertin Diaz Meyer. Vorgestellt wurden aktuelle Studien zum Schreiben mit digitalen und analogen Medien sowie erprobte praktische Ansätze von Kombinationen aus beiden Welten.

Bereits seit einigen Jahren gibt es internationale Bestrebungen, die Handschrift in der Schule zunehmend durch getippte Buchstaben zu ersetzen. Die Beiträge auf dem Symposium zeigten auf, welche Problematik sich daraus für den Bildungserwerb ergibt. Denn Handschreiben fördert die kognitive Entwicklung. „Nur drei Finger halten den Stift beim Schreiben, doch das gesamte Gehirn arbeitet.“ So lautete beispielsweise der Titel eines Vortrags von Ruud van der Weel, Professor für Kognitionspsychologie, Norwegian University of Science & Technology. Handschrift – idealerweise kombiniert mit Visualisierungen wie. kleinen Zeichnungen, Formen oder Pfeilen – berge Vorteile für die „sensorischmotorische Integration und für den Lernprozess“. Heißt: Das Lernen wird erleichtert und optimiert.

Gerald Lembke, Professor für digitale Medien an der Hochschule Mannheim, sprach in seinem Vortrag über die Risiken einer zu digital geprägten Bildung. „Da die Geräte aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind, müssen wir darauf achten, sie als Instrumente einzusetzen, als Mittel zum Zweck, um ein Ziel zu erreichen. Dann machen sie Sinn“, so meinte Lembke. „Aber lebensbestimmend dürfen sie nicht sein. Wir müssen die Digitalität beherrschen und nicht umgekehrt. Wir dürfen unsere bewährten Kulturtechniken nicht einfach so aufgeben – bloß der Faszination für das nächste digitale Gadget.“ Es gehe darum, so betonte der Wissenschaftler, einen „achtsamen und  verantwortungsvollen Umgang mit der Digitalität zu finden“.

Dass digitale Technik allerdings nicht nur Lernmittel sein kann, sondern auch die Arbeit von Lehrkräften erleichtern kann, machte das Referat von Dr. Christian Marquardt, Wissenschaftlicher Beirat des Schreibmotorik Instituts, deutlich – er stellte ein neues Instrument vor, einen neuen, einfachen Schreibmotoriktest für Schreibanfänger,  die „SMI KompetenzSpinne“ – er soll Antworten liefern auf die Frage: Wie fit ist das Kind für den Schreibunterricht? „Die SMI KompetenzSpinne ist das erste förderdiagnostische Screeningverfahren für Lehrkräfte zur Erfassung der Schreibfertigkeiten von Kindern. Es deckt alle zentralen Aspekte des Schreibenlernens in einem spezifischen, reliablen und praktikablen Instrument ab“, so erläuterte Marquardt. Aus den Ergebnissen ließen sich individuelle Förderansätze ableiten.

Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen wurden auch Erfahrungen aus der Praxis vermittelt. Die Berichte der Lehrerinnen Djoke Mulder aus den Niederlanden und Ina Herklotz aus Deutschland basierten auf verschiedenen Unterrichtsformen: Die eine (Mulder) setzt auf eine Kombination aus Handschrift und Tablets im Unterricht, während die andere (Herklotz) ausschließlich das Entdecken und Ausprobieren mit den Händen in den Mittelpunkt stellt. Welche wichtigen Anstöße ergeben sich für die Bildungspraxis? Darüber wurde interdisziplinär diskutiert. Diaz Meyer: „Es steht fest, dass die Zukunft digital wird.“ Wer das Handschreiben retten möchte, sollte das bedenken.

Die Institutsleiterin betonte: „Anstatt die fortschreitende Digitalisierung zu ignorieren, müssen wir uns intensiv damit befassen. Wir  sind in der Pflicht, neue pädagogische Ansätze durch entsprechende Forschungsergebnisse zu untermauern, grundlegende Anregungen zu deren Inhalten zu liefern und die Praxis gemeinsam mit den Pädagogen aktiv neu zu gestalten.“ Dann könnten Digitale Medien und innovative Technologien das Schreibenlernen in Zukunft sogar erleichtern. Und das sei nötig: Immerhin jedes dritte Mädchen und jeder zweite Junge seien aus Sicht der Lehrkräfte von signifikanten Schreibproblemen betroffen, Tendenz steigend.

Die Meinungswerte der Symposiumsteilnehmer zu den Arbeitsthesen, ermittelt über eine Abstimmung per SMS, fielen übrigens eindeutig aus: „Die Medien ändern sich, aber die Handschrift bleibt“ – dem stimmten 88 Prozent zu (ermittelt über eine Abstimmung per SMS). „Bildung benötigt das Handschreiben im sinnvollen digitalen Kontext" – das meinten sogar 97 Prozent. Dass das Schreiben mit der Hand zu den elementaren Bildungserfahrungen des Menschen gehört, wie die aktuelle Studie des Schreibmotorik Instituts zu den ersten Schreiberfahrungen von Kindern belegt, wurde als Bestätigung der Thesen gewertet. „Es ist eine große Chance, dass Kinder Freude am Handschreiben und damit am Lernen entwickeln“, betont Diaz Meyer. Wer wollte diese Gelegenheit verpassen?


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