Inklusion

Jakob Muth-Preis für inklusive Schule geht erstmals an ein Gymnasium

Inklusion gehört zu den großen Herausforderungen des deutschen Schulsystems. Während der gemeinsame Unterricht aller Kindern an Grundschulen immer selbstverständlicher wird, haben sich bisher nur wenige Gymnasien für das inklusive Lernen geöffnet. Wie Inklusion in allen Schulformen gelingen kann, zeigt der Jakob Muth-Preis.

03.06.2016 Pressemeldung Deutsche UNESCO-Kommission e.V.
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Der im Jahr 2009 ins Leben gerufene "Jakob Muth-Preis für inklusive Schule" geht in diesem Jahr erstmals an ein Gymnasium. Als eines der ersten Gymnasien in Deutschland hat sich das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim (NRW) vor drei Jahren dafür entschieden, Kinder mit besonderem Förderbedarf aufzunehmen und zieldifferenziert zu unterrichten. Im laufenden Schuljahr lernen zudem in zwei internationalen Willkommensklassen Flüchtlingskinder am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Die anderen Preisträger sind: die Grund- und Mittelschule Thalmässing in Bayern und die Saaleschule Halle in Sachsen-Anhalt. Damit geht der Jakob Muth-Preis auch zum ersten Mal in diese Bundesländer. Zudem wird der nordfriesische Schulverbund um die Pestalozzi-Schule Husum in Schleswig-Holstein geehrt. Alle vier Preisträger überzeugten die Jury mit ihren inklusiven Konzepten. 

Mit dem Preis wollen die Projektträger zeigen, dass in Deutschland viele Schulen und Schulverbünde trotz teilweise schwieriger Rahmenbedingungen bereits auf hohem Niveau inklusiv arbeiten. Projektträger sind die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Verena Bentele, die Bertelsmann Stiftung und die Deutsche UNESCO-Kommission. Der Jakob Muth-Preis wird am 22. Juni 2016 in Pulheim verliehen. 

"Ich freue mich ganz besonders darüber, dass wir erstmals ein Gymnasium unter den Preisträgern haben. Die Arbeit für Inklusion an der Preisträgerschule ist der beste Beleg dafür, dass gemeinsames Lernen in jeder Schulform gelingt", sagte Verena Bentele bei der Bekanntgabe der Preisträger. "Das Geschwister-Scholl-Gymnasium, für das Vielfalt zum Selbstverständnis gehört, ist auch ein überzeugendes Beispiel dafür, dass inklusive Schulen offen sind für alle, auch für die Integration von Flüchtlingskindern ins deutsche Bildungssystem." 

Am Geschwister-Scholl-Gymnasium mit seinen über 1.500 Schülerinnen und Schülern wird derzeit in den Jahrgangsstufen fünf, sechs und sieben jeweils eine Klasse des gemeinsamen Lernens gebildet. So können die sonderpädagogischen Ressourcen für die Schüler mit Förderbedarf gebündelt werden. Begünstigt wird das inklusive Lernen durch eine ausgeprägte Kultur der individuellen Förderung und die Angebote im gebundenen Ganztag. Auch durch die internationalen Willkommensklassen ist Vielfalt im Schulleben verankert. 

Die Grund- und Mittelschule Thalmässing macht unter den bayerischen Rahmenbedingungen eine hervorragende Inklusionsarbeit. Bereits seit dem Jahr 2000 nimmt die Schule auch Kinder mit Autismus, sogenannter geistiger Behinderung oder nach schweren Erkrankungen auf. Die Schule zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie das Potenzial digitaler Medien im gemeinsamen Unterricht nutzt. 

An der Saaleschule Halle, einer integrierten Gesamtschule (Klassen 5 bis 13) in freier Trägerschaft, haben 54 von insgesamt 440 Schülerinnen und Schülern einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Ab der zehnten Klasse können Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung eine dreijährige Berufsschulstufe besuchen. Sie lernen dann durch Praktika die Berufswelt kennen, während sich ihre Mitschüler aufs Abitur vorbereiten. 

Die Pestalozzi-Schule in Husum steht im Zentrum des inklusiven Schulverbunds im mittleren Nordfriesland. Sie ist "eine Schule ohne Schüler". Seit dem Schuljahr 2008/09 unterrichten die 35 Sonderpädagogen alle 294 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf inklusiv an den 17 allgemeinbildenden Schulen des Schulverbunds. Die Sonderpädagogen kümmern sich auch um präventive Maßnahmen in Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen. Das reicht von Maßnahmen zur Sprachförderung bis hin zum Projekt "Uno – letzte Karte", mit dem Schulverweigerer wieder in die allgemeinbildenden Schulen integriert werden sollen. 

Inklusion ist eine der größten schulpolitischen Aufgaben. Deutschland hat sich im Jahr 2009 mit der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, allen Kinder den Besuch einer Regelschule zu ermöglichen. Die Bundesländer setzen den gemeinsamen Unterricht in unterschiedlichem Tempo um. Die Herausforderungen sind groß, die Regelschulen mit den für Inklusion nötigen Kompetenzen und Ressourcen auszustatten. Denn jeder Schüler – ob mit oder ohne Förderbedarf – soll individuell bestmöglich gefördert werden. Dafür sind Beispiele wichtig, die zeigen, wie es gehen kann – eine Grundüberzeugung des Namensgebers Jakob Muth (1927-1993), Vorkämpfer und Wegbereiter des gemeinsamen Lernens von Kindern mit und ohne Behinderungen. Die Einzelschulen erhalten ein Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro; der Schulverbund bekommt 5.000 Euro. Für die Auszeichnung hatten sich 58 Schulen und 8 Schulverbünde mit über 100 beteiligten Schulen und Institutionen beworben. 

Die Preisverleihung ist medienöffentlich und findet am 22. Juni 2016 ab 9.30 Uhr in der Mensa des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Pulheim statt. 

Weitere Informationen:

Unter www.jakobmuthpreis.de finden Sie Porträts der Schulen, Fotos und weitere Informationen zum Jakob-Muth-Preis. 

Webseite der Deutschen UNESCO-Kommission zur inklusiven Bildung

Hintergrundinformationen 

Der Jakob Muth-Preis ist eine Initiative der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung und der Deutschen UNESCO-Kommission. Er wurde 2009 ins Leben gerufen und wird in diesem Jahr zum siebten Mal verliehen. Immer mehr Schulen öffnen sich für das gemeinsame Lernen. So besuchen inzwischen schon 34,1 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf allgemeine Schulen. 2009 waren es noch 18,4 Prozent. Während der Inklusionsanteil in den Grundschulen 44,9 Prozent beträgt, fällt er in der Sekundarstufe auf 35,3 Prozent. Von den Förderschülern in der Sekundarstufe lernen nur 5,8 Prozent an einem Gymnasium. Detaillierte Informationen zur Entwicklung in den Bundesländern veröffentlicht die Bertelsmann Stiftung anlässlich des Jakob Muth-Preises 2016 in der Publikation "Inklusion kann gelingen – Forschungsergebnisse und Beispiele guter schulischer Praxis". 


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