Zumeldung

Bayerischer Elternverband fordert grundlegenden Kurswechsel

Die heute (08.09.2026) veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie sind für den Bayerischen Elternverband (BEV) keine Überraschung – aber sie sind ein erneuter Anlass für Entsetzen. Deutschlands 15-Jährige erreichen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der PISA-Erhebungen.

08.09.2026 Bayern Pressemeldung Bayerischer Elternverband
  • Ein Schüler schreibt auf ein Blatt Papier. © Adobe Stock PISA zeigt erneut, dass der Bildungserfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft abhängt.

Rund ein Drittel der Jugendlichen verfehlt in Lesen und Mathematik das grundlegende Kompetenzniveau.

„Dass es so nicht weitergehen kann, wissen wir seit Jahren. Das eigentlich Erschreckende ist deshalb nicht mehr der nächste schlechte PISA-Wert, sondern dass die Politik daraus immer noch keinen grundlegenden Kurswechsel ableitet“, konstatiert Martin Löwe, der Landesvorsitzende des BEV.

Eltern können nicht die Schule ersetzen

Natürlich müssen auch Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden, denn sie sind wichtige Bildungsbegleiter ihrer Kinder. Wenn Familien zu Hause immer weniger miteinander erzählen, spielen, lesen, gemeinsam Dinge entdecken und sich konzentriert mit einer Sache beschäftigen, ist das problematisch. Aber aus diesem Befund darf sich die Schule nicht herausziehen. „Wenn sich die Lebenswelt von Kindern verändert, muss Schule darauf reagieren – und zwar nicht mit dem Ruf nach mehr Leistung allein, sondern mit besserem Unterricht“, erklärt Löwe.

Die Schule ist die Institution, die allen Kindern unabhängig von ihrer Herkunft Zugang zu Bildung ermöglichen soll. Gerade Kinder, die zu Hause weniger sprachliche, kulturelle oder lernförderliche Anregung erfahren, brauchen eine Schule, die diese Unterschiede ausgleicht. Indes zeigt PISA erneut, dass der Bildungserfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft abhängt.

Medienkonsum: nicht wegsehen, aber auch nicht vorschnell behaupten

Auch der Umgang mit digitalen Medien muss endlich ernst genommen werden. Die PISA-Ergebnisse geben Anlass zu großer Sorge über eine Lebenswelt, in der Kinder und Jugendliche zunehmend mit kurzen, schnell wechselnden digitalen Inhalten konfrontiert sind und längeres, konzentriertes Lesen schwieriger werden kann. Die OECD weist selbst auf diese Entwicklung hin, betont aber ausdrücklich, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und den PISA-Leistungen bislang nicht bewiesen ist. Gerade deshalb wäre es falsch, entweder das Problem zu leugnen oder vorschnelle Kausalbehauptungen aufzustellen.

„Die Politik muss trotzdem handeln. Sie darf nicht darauf warten, bis möglicherweise in zehn Jahren zweifelsfrei nachgewiesen ist, welche einzelnen digitalen Angebote welche Schäden verursachen. Notwendig sind mehr Prävention, Medienbildung und wissenschaftliche Begleitforschung ebenso wie eine wirksame Regulierung digitaler Angebote, die gezielt auf die Aufmerksamkeit und das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen einwirken“, fordert Löwe.

Wir vermessen die Bildungskrise – aber verändern das Lernen nicht

Die öffentliche Bildungsdebatte bleibt häufig an der Oberfläche: Gemeinschaftsschule oder gegliedertes Schulsystem? Eine zusätzliche Deutschstunde? Mehr Tests? Kleinere Klassen? G8 oder G9? Mehr Tablets oder weniger Bildschirmzeit? Neue Lehrpläne, neue Prüfungsformate, neue Förderprogramme?

All diese Fragen können wichtig sein. Sie greifen aber zu kurz, wenn wir nicht gleichzeitig die entscheidende Ebene verändern: Wie entsteht nachhaltiges Lernen tatsächlich?

Auch wissenschaftlich hochwertige Instrumente wie das bayerische Lesescreening können hier nur einen Teil der Antwort geben. Ein standardisierter Test kann zuverlässig feststellen, ob ein Kind Schwierigkeiten mit Leseflüssigkeit, Dekodierung oder bestimmten Bereichen des Leseverständnisses hat. Aber ein gutes Messinstrument ist noch keine Verbesserung des Lernens. Es zeigt, dass ein Kind Schwierigkeiten hat – nicht automatisch, wie Lesen, Verstehen und nachhaltiges Lernen bei diesem Kind wirksamer entstehen können.

Deutschland ist damit in Gefahr, die Bildungskrise immer genauer zu vermessen, ohne die Lernprozesse selbst grundlegend zu verändern.

Schule muss sich daran orientieren, wie Lernen tatsächlich funktioniert

„Für das bayerische Schulwesen brauchen wir weder die nächste große Strukturdiskussion noch einen weiteren Reparaturaktionismus, der sich im Klein-Klein einzelner Maßnahmen verliert. Die entscheidende Frage lautet: Wie lernen Kinder und Jugendliche optimal – und wie muss Unterricht gestaltet sein, damit dieses Lernen möglich wird?“ erklärt Löwe.

Die Erkenntnisse aus Neurowissenschaften und Kognitionspsychologie haben unser Wissen über Lernen in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend erweitert. Trotzdem erinnert der schulische Alltag vielerorts noch immer an ein Unterrichtsverständnis vergangener Generationen: Lehrkraft erklärt, Schülerinnen und Schüler hören zu, Arbeitsblatt wird bearbeitet, anschließend wird abgefragt und benotet. So kann Lernen funktionieren – aber es ist längst nicht die einzige und häufig auch nicht die lernwirksamste Möglichkeit.

„Wir wollen Menschen unterrichten, keine Computer mit Daten füttern“, sagt Oliver Kunkel, Lehrer und Sachgebietsleiter für nachhaltiges Lernen im BEV. Sein Ansatz des gehirngerechten Lernens setzt deshalb auf die aktive Beteiligung der Schülerinnen und Schüler. Lernen soll nicht beim Zuhören enden, sondern durch eigenes Denken, Ausprobieren, Erklären, Bewegung und Anwendung vertieft werden.

Das bedeutet konkret:

  • Aktivierung statt passivem Konsum: Schülerinnen und Schüler müssen kognitiv tatsächlich mitdenken und sich Inhalte selbst aneignen.
  • Lernen mit mehreren Sinnen: Bewegung, Sprache, Bilder, Modelle, Handlungen und räumliche Erfahrungen können Lerninhalte miteinander verknüpfen.
  • Verstehen, anwenden und abrufen: Wissen wird nicht dadurch nachhaltig, dass es einmal erklärt wurde. Es muss wiederholt aus dem Gedächtnis abgerufen, angewendet und in unterschiedlichen Zusammenhängen genutzt werden.
  • Neugier und Sinn: Gute Lernaufgaben sollten Kinder vor echte, verständliche Herausforderungen stellen und ihnen ermöglichen, eigene Fragen zu verfolgen.
  • Kooperation und Dialog: Kinder lernen voneinander und miteinander – durch Erklären, Argumentieren, Vergleichen und gemeinsames Entwickeln von Lösungen.
  • Phänomen- und projektorientiertes Lernen: Die Welt ist nicht nach Schulfächern sortiert. Schule sollte deshalb stärker an realen Phänomenen und Problemen ansetzen und Zusammenhänge über Fachgrenzen hinweg erfahrbar machen.
  • Mehr formative Rückmeldung statt Prüfungsfixierung: Leistungsmessung sollte nicht nur am Ende feststellen, was ein Kind nicht konnte, sondern den Lernprozess begleiten, Lernfortschritte sichtbar machen und Hinweise geben, was als Nächstes gelernt werden muss.
  • Digitale Medien gezielt und reflektiert einsetzen: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob ein digitales Werkzeug das Lernen verbessert – und nicht, ob es lediglich modernen Unterricht suggeriert.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, den Unterricht einfach möglichst spielerisch oder „bunt“ zu machen. Auch ein vermeintlich aktivierender Unterricht ist nicht automatisch lernwirksam. Entscheidend ist die kognitive Aktivierung: Schülerinnen und Schüler müssen denken, erinnern, anwenden, erklären und Zusammenhänge herstellen. Genau diese Verbindung von Hirnforschung und Unterrichtspraxis steht im Mittelpunkt der von Kunkel mitentwickelten FutureLab- und „Activation is the Key“-Ansätze.

Lehrpläne, Unterricht und Prüfungen müssen zusammenpassen

„Wenn wir tatsächlich wollen, dass Kinder Kompetenzen erwerben, die sie in einer komplexen Welt benötigen, können wir nicht gleichzeitig Lehrpläne, Unterrichtsmethoden und Leistungsmessung an einem Bildungssystem ausrichten, dessen Grundprinzipien aus einer anderen Zeit stammen. Es reicht deshalb nicht, Lehrpläne regelmäßig umzuschreiben. Wir müssen die gesamte Lernkultur verändern“, so Kunkel.

Dazu gehört auch eine andere Lehrerbildung. Lehrkräfte brauchen nicht nur Fachwissen und Methodenrepertoire, sondern ein fundiertes Verständnis davon, wie Lernen, Gedächtnis, Motivation, Aufmerksamkeit und Selbstregulation funktionieren. Sie brauchen Zeit und Möglichkeiten, Unterricht gemeinsam zu entwickeln, zu erproben und wissenschaftlich begleitet weiterzuentwickeln.

Andere Bildungssysteme zeigen, dass kontinuierliche Weiterentwicklung möglich ist. Die aktuelle PISA-Auswertung verweist unter anderem auf Länder, die weniger Stoff mit größerer Tiefe vermitteln und Lehrkräften mehr Raum für guten Unterricht und die individuelle Begleitung von Schülerinnen und Schülern geben. Warum lernen wir nicht konsequenter von erfolgreichen Bildungssystemen?

Bildung darf nicht auf Verschleiß gefahren werden

Schließlich braucht es eine ehrliche Debatte über die Finanzierung. „Ein Bildungssystem so zu finanzieren, dass es gerade noch nicht kollabiert, ist keine Bildungspolitik mit Zukunftsperspektive“, mahnt Löwe. Wenn Klassen groß sind, Lehrkräfte fehlen, Förderangebote nicht ausreichend vorhanden sind und Schulen kaum Zeit für Unterrichtsentwicklung haben, darf man sich über sinkende Leistungen nicht wundern. Gute Bildung ist nicht zum Nulltarif zu haben.

Das Ziel muss aber mehr sein als zusätzliche Milliarden für ein unverändertes System. Wir brauchen Investitionen in ein anderes Lernen. Geld muss dort ankommen, wo es die Qualität des Lernens verbessert: bei gut ausgebildeten und ausreichend vorhandenen Lehrkräften, multiprofessionellen Teams, individueller Förderung, früher Unterstützung, moderner Lernumgebung und vor allem bei Zeit für gute Unterrichtsentwicklung.

„Nach 25 Jahren PISA wissen wir genug über die Probleme. Wir wissen auch vieles darüber, wie gutes Lernen gelingen kann. Was fehlt, ist der politische Mut, daraus Konsequenzen zu ziehen“, resümiert Löwe.

Die heutige PISA-Studie sollte deshalb kein Anlass für die nächste kleine Reparaturmaßnahme sein. Sie sollte der Anlass sein, Schule und frühkindliche Bildung endlich vom Kind und vom Lernen her neu zu denken.


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