Die neue Realität
Viele Auszubildende starten heute nicht bei null, sondern arbeiten mit KI-generierten Inhalten – oft ohne sie zu hinterfragen. Ökonomin Anne-Sophie Mayer erklärt, warum das den Kompetenzerwerb verändert und welche Fähigkeiten jetzt entscheidend werden. Interview: Viktoria Udjbinac
26.06.2026 Bundesweit Artikel BildungspraxisBildungspraxis: Generative KI verändert zunehmend die Arbeits- und Lernprozesse. Wie zeigt sich das in der Beruflichen Bildung?
Anne-Sophie Mayer: Auszubildende lagern heute viele eher einfache oder standardisierte Tätigkeiten zunehmend an KI-Systeme aus. Dazu zählen beispielsweise das Erstellen von Berichten, Präsentationen, Rechercheaufgaben oder auch die Strukturierung von Inhalten. Sie beginnen also häufig nicht mehr bei null, sondern arbeiten mit einem bereits generierten Output, passen diesen an oder entwickeln ihn weiter. Aber manche Auszubildenden überprüfen diese Ergebnisse kaum oder gar nicht mehr und über nehmen sie teilweise ungefiltert. KI hat also einen enormen Einfluss auf den Kompetenzaufbau.
Anne-Sophie Mayer ist Professorin für Digitale Arbeit an der LMU München und forscht zu den Auswirkungen digitaler Technologien auf die Arbeitswelt und zur Frage, wie generative Künstliche Intelligenz das Miteinander in Unternehmen verändert.
Einen guten oder schlechten Einfluss?
Beides. Auf der einen Seite eröffnet KI neue Möglichkeiten für individualisiertes und unab hängigeres Lernen. Auszubildende sind weniger auf klassische Lernformate oder externe Unter stützung angewiesen. Gerade bei individuellen Herausforderungen, etwa einer Lese-Rechtschreibschwäche oder sprachlichen Hürden, kann KI gezielt unterstützen. Inhalte lassen sich unterschiedlich aufbereiten, etwa visuell durch Grafiken, textlich oder auditiv. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass Azubis durch den Einsatz von KI grundlegende Kompetenzen nicht ausreichend entwickeln. Wer nie gelernt hat, selbst einen Text zu strukturieren oder Inhalte kritisch zu hinterfragen, wird Schwierigkeiten haben zu beurteilen, ob ein KI-generierter Output sinnvoll ist.
Wie wirkt sich KI auf den Lernprozess aus?
Auf individueller Ebene kann KI Kreativität för dern, auf kollektiver Ebene zeigt sich jedoch eine starke Homogenisierung. In Gruppenarbeiten entstehen oft ähnliche Ergebnisse, da viele auf vergleichbare KI-Outputs zurückgreifen. KI kann bestehende Unterschiede im Ausgangs niveau schneller ausgleichen: Auszubildende mit unterschiedlichen Bildungsbiografien oder Herausforderungen erschließen sich Inhalte gezielt und bedarfsgerecht. Darüber hinaus kann KI Hemmschwellen abbauen: Auszubildende, die sich aus Unsicherheit oder Scham scheuen, Fragen zu stellen, finden über KI eine niedrigschwellige Möglichkeit, Unterstützung zu erhalten und Wissenslücken zu schließen. Dennoch ersetzt KI den eigentlichen Lernprozess nicht. Kompetenzen entstehen durch eigenes Verstehen, Anwenden und Reflektieren. Generative KI produziert auch fehlerhafte Inhalte, oft sehr überzeugend, was besonders für Einsteiger schwierig einzuschätzen ist.
Welche Fähigkeit brauchen junge Menschen dafür?
Die Fähigkeit, ihre eigenen Gedanken klar zu strukturieren und ihre Intention präzise zu formulieren. Nur wer weiß, was er oder sie erreichen möchte, kann KI sinnvoll einsetzen. Wenn beispielsweise unklar ist, wie ein Bericht aufgebaut sein soll, welche Inhalte relevant sind oder wer die Zielgruppe ist, wird das Ergebnis der KI unzureichend sein. In diesem Sinne verändert KI nicht nur das Lernen, sondern stellt auch neue Anforderungen an kognitive und methodische Kompetenzen. Es geht weniger darum, Antworten zu finden, sondern vielmehr darum, die richtigen Fragen zu stellen und Ergebnisse einordnen zu können.
Wie können Ausbildende und Berufsschullehrkräfte die jungen Menschen dabei unterstützen?
Indem sie weiterhin gezielt Grundlagenwissen vermitteln – und zwar bewusst auch ohne den Einsatz von KI. Auszubildende müssen zunächst lernen, Inhalte eigenständig zu erarbeiten, bevor sie KI als unterstützendes Werkzeug sinnvoll nutzen können. Dabei geht es nicht um ein pauschales Verbot von KI, sondern darum, den Azubis fundamentales Wissen anzueignen und erst dann die Möglichkeiten und Grenzen dieser Technologien zu beleuchten. Auszubildende sollten nachvollziehen können, warum grundlegende Kompetenzen notwendig bleiben und welche Risiken mit einem unreflektierten KI-Einsatz verbunden sind.
Welche didaktischen Formate eignen sich dafür?
Vor allem praxisnahe. Beispielsweise können Auszubildende KI-generierte und selbst erstellte Arbeiten vergleichen und gemeinsam analysieren. Oder sie reflektieren ihre Nutzung, etwa in Form eines Lerntagebuchs. Solche Ansätze führen häufig zu Aha-Momenten. Viele erkennen dabei, dass KI-Outputs nicht immer von hoher Qualität sind und es in vielen Fällen Sinn macht, Aufgaben ohne KI zu lösen, weil die Anpassung von KI-Outputs viel zeitaufwendiger ist. Diese Erkenntnisse sind besonders wertvoll, weil sie aus eigener Erfahrung entstehen. Letztlich geht es darum, Lernprozesse aktiv zu begleiten und Reflexionsfähigkeit zu fördern, anstatt KI ent weder unkritisch zu akzeptieren oder vollständig abzulehnen.
Aber nicht alle Berufsbranchen sind gleichermaßen gezwungen, sich mit KI auseinanderzusetzen, oder?
Das ist tatsächlich branchenabhängig. In hand werklichen oder pflegerischen Berufen bleibt die eigentliche Kernkompetenz weitgehend unberührt, da KI diese Tätigkeiten nicht ersetzen kann. Hier kann KI vor allem bei unterstützenden Aufgaben, etwa in der Dokumentation oder Verwaltung, einen Mehrwert bieten, ohne den eigentlichen Kompetenzerwerb zu beeinflussen. In anderen Bereichen, insbesondere in administrativen, kreativen oder managementnahen Tätigkeiten, ist die Situation anders. Dort kann KI direkt in Kernarbeitsprozesse eingreifen. Auszubildende sind hier stärker gefordert, ihren eigenen Mehrwert sichtbar zu machen. Entscheidend ist, dass die Verantwortung weiterhin beim Menschen liegt. Auch wenn KI Inhalte generiert, bewerten Ausbildende die Leistung der Azubis. Lernende können Fehler oder Qualitätsmängel nicht einfach der Technologie zuschreiben.
Brauchen die Azubis dafür auch technologische Kompetenzen?
Ja, grundlegendes technisches Verständnis gewinnt an Bedeutung. Es geht dabei nicht darum, KI-Systeme selbst zu programmieren, sondern zu verstehen, wie sie funktionieren, auf welchen Daten sie basieren und welche Grenzen sie haben. Darüber hinaus spielen rechtliche und ethische Fragen eine immer größere Rolle. Themen wie Datenschutz oder Urheberrecht sind vielen jungen Menschen nicht ausreichend bewusst. Gerade im beruflichen Kontext kann ein unreflektierter Umgang mit sensiblen Daten problematisch sein. Trotz aller technologischen Möglichkeiten bleibt der Austausch mit anderen Menschen zentral. Auszubildende sollten ihr Wissen nicht ausschließlich in KI-Systeme auslagern, sondern weiterhin im Team teilen und gemeinsam weiterentwickeln. Mentoring, Feedback und Zusammenarbeit bleiben wesentlich für erfolgreiches Lernen.
Bleibt die KI-Revolution also aus?
KI ist zweifellos eine transformative Technologie, aber nicht überzubewerten. Auch in der Vergangenheit gab es technologische Umbrüche, und dennoch haben grundlegende menschliche Fähigkeiten ihre Bedeutung behalten – insbesondere kritisches Denken, Reflexionsfähigkeit und soziale Kompetenzen. Diese sollten weiterhin im Zentrum der Ausbildung stehen.
Die Sorge, KI könnte Fachkräfte ersetzen, ist unbegründet?
Viele Entwicklungen am Arbeitsmarkt haben andere Ursachen und werden vorschnell mit KI erklärt. In der Realität geht es in vielen Fällen weniger um vollständige Ersetzung, sondern um eine Veränderung von Aufgaben und Rollen. KI kann unterstützen und Prozesse effizienter machen, aber sie ersetzt keine fundierte Ausbildung oder menschliche Expertise. Entscheidend ist, wie wir diese Technologien einsetzen. Der Berufseinstieg wird sich verändern, aber nicht verschwinden. Die Anforderungen steigen sowohl qualitativ als auch quantitativ. Gleichzeitig eröffnen sich für Azubis neue Möglichkeiten, schneller Verantwortung zu übernehmen und sich in komplexe Aufgaben einzuarbeiten. Unternehmen sind weiterhin auf Nachwuchskräfte angewiesen. Ohne Ausbildung können keine Fachkräfte entstehen. Entscheidend wird sein, dass Berufseinsteigende ihren eigenen Mehrwert klar darstellen und sich aktiv weiterentwickeln.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Bildungspraxis, Ausgabe 2/2026, S. 4-6, www.bildungspraxis.de
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