Berufliche Schulen werden ausgehungert
Die Beruflichen Schulen im Lande werden systematisch ausgehungert, so schildert die Vorsitzende des Berufsschullehrerverbandes (BLV), Margarete Schaefer, am Montag (22.04.2013) die Situation der beruflichen Schulen. Wenn man das Bildungsangebot im ländlichen Raum ausdünnt, durch Vorgaben des Organisationserlasses Berufliche Schulen benachteiligt, durch statistische Tricks das strukturelle Defizit kleinrechnet und den beruflichen Schulen den vollen Ersatz für ausscheidende Lehrkräfte verweigert, dann muss man von einem Aushungern der beruflichen Schulen sprechen. Zwar hat das Land zusätzliche Klassen an beruflichen Gymnasien eingerichtet, es hat aber versäumt, die Schulen auch mit entsprechenden Lehrkräften auszustatten. Unsere wiederholte Forderung, diesen Ausbau durch zusätzliche Stellen zu finanzieren, wurde sträflich vernachlässigt.
22.04.2013 Pressemeldung Berufsschullehrerverband Baden-WürttembergDer Unmut an den Beruflichen Schulen im Lande wächst. Heute z.B. sind als Protest um 13 Uhr Mittagspausenaktionen in Mannheim, Freiburg, Sindelfingen, Schwäbisch Hall und Reutlingen geplant. Dabei geht es den Lehrkräften nicht nur um Nullrunden in der Besoldung, geplante Arbeitszeiterhöhungen und Verschlechterungen bei der Beihilfe, sondern auch um die Benachteiligung der Beruflichen Schulen in der Bildungspolitik des Landes.
Der Unmut bei Lehrkräften aber auch bei den Schulleitungen, Schülern und Eltern wird durch folgende Fakten erzeugt:
- Auch im kommenden Schuljahr werden die beruflichen Schulen nur unzureichend mit Lehrerstellen versorgt. Zum zweiten Mal in Folge werden nicht alle freiwerdenden Stellen besetzt; im Gegenteil: Das Einstellungskontingent wird um 102 Stellen gekürzt.
- Entgegen dem eindringlichen Rat aller Experten hat das Kultusministerium die gekürzte Stellenzahl nur zögerlich zur schulbezogenen Stellenausschreibung freigegeben.mmMehr als die Hälfte der Stellen sollen erst im Listenverfahren Ende Junim2013 besetzt werden. So lange werden die Schulen, Lehramtsbewerber/innen aber auch Eltern und Schüler bzw. Schülerinnen im Unklaren gelassen. Unklarheiten und Verunsicherungen bestehen an den Schulen, welche Lehrerwochenstunden im nächsten Schuljahr tatsächlich zur Verfügung stehen, ob das Bildungsangebot in vollem Umfang aufrechterhalten bleiben kann, ob der Lehramtsbewerber eingestellt wird und ob ein Schulplatz an der gewünschten Schule zur Verfügung steht. Darüber hinaus besteht die Gefahr der Abwanderung der für teures Geld gut ausgebildeten Lehrkräfte.
- Die Überstunden-Bugwelle steigt trotz strenger administrativer Vorgaben weiter. Die Schulen müssen sich jede einzelne Wochenstunde, die z.B. aufgrund des Lehrermangels, in Vertretungsfällen für Langzeiterkrankungen und Schwangerschaften als Überstunde anfällt und auf die Bugwelle angerechnet werden soll, durch die Schulaufsichtsbehörde genehmigen lassen. Die Überstundenbugwelle beträgt nunmehr 1.826 volle Deputate. Das ist die dreifache Zahl der geplanten Lehrereinstellung 2013 und entspricht einem Kredit an die Landesregierung von ca. 100.000.000 EUR. Kreditgeber sind die Lehrerinnen und Lehrer.
- Nach wie vor leiden die beruflichen Schulen unter einem strukturellen Unterrichtsdefizit von 2,7 %. Dabei ist der badische Landesteil mit 4 % in Nordbaden und 3,6 % in Südbaden besonders betroffen.
- Im letzten Jahr hat das statistische Landesamt für die Beruflichen Schulen einen Schülerrückgang von 15.000 Schülern vorausgesagt. Dies war auch die Grundlage für die Verteilung der Stellen und die vorgenommene Stellenkürzung. Als dann feststand, dass der tatsächliche Schülerrückgang nur ein Drittel der prognostizierten Zahl betrug, weigerte sich das Land, Korrekturen bei der Stellenzuweisung vorzunehmen.
- In der Schülerprognose des Statistischen Landesamtes wird nur unzureichend berücksichtigt, dass in 2012 und 2013 die Zuwanderung nach Baden-Württemberg wieder deutlich zugenommen hat. Um dies an einem Beispiel deutlich zu machen: In Mannheim betrug der Geburtensaldo (Differenz zwischen Geborenen und Gestorbenen) in den ersten drei Quartalen des Jahres 2012 minus 254. Im gleichen Zeitraum betrug der Zuwanderungsgewinn der Stadt 3.355. Landesweit machte dieser Zuwanderungsgewinn 58.000 Menschen aus, unserer vorsichtigen Schätzung nach strömen davon ca. 5.000 in Berufliche Schulen.
- Durch Ausdünnung des Bildungsangebots im ländlichen Raum versucht das Kultusministerium Klassen einzusparen. Dies ist im laufenden Schuljahr mit 240 Klassen gelungen. Will man diesen Weg weiter gehen, wird das nachhaltige Folgen für die betroffenen Bildungsregionen haben. Wenn der Schulweg für Auszubildende zu weit ist und zuviel Ausbildungszeit für den Schulweg benötigt wird, wird Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft abnehmen und die strukturelle Entwicklung des betroffenen Wirtschaftsraumes Schaden nehmen.
- Mit statistischen Tricks wird das Unterrichtssoll kleingerechnet. Um dies an einem Beispiel festzumachen: Die Stundentafel sieht für das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) drei bis sechs Wochenstunden Mathematik vor, je nach Förderbedarf des Jugendlichen. Kann eine Schule trotz erhöhtem Förderbedarf aufgrund des Lehrermangels nur drei Stunden Mathematik erteilen, darf als Unterrichts-Soll nur drei Stunden ausgewiesen werden. Das statistische Unterrichts-Soll entspricht dann dem Unterrichts-Ist, und damit wird ein Abmangel vertuscht.
- Die beruflichen Gymnasien werden gegenüber den allgemeinen Gymnasien gravierend benachteiligt. Dort betragen die Höchstwerte für Lehrerwochenstunden in den Jahrgangsstufen 1 und 2 pro Schüler 1,65 Lehrerwochenstunden. Bei den beruflichen Gymnasien stehen für die gleiche Schülergruppe nur 1,6 Lehrerwochenstunden zur Verfügung. Bei einem vierzügigen Gymnasium und 200 Schülern macht dies 10 Lehrerwochenstunden aus. Dies schränkt die Angebotsvielfalt im Wahl- und Wahlpflichtbereich der beruflichen Gymnasien unvertretbar ein und ist ein Beispiel dafür, dass die Gleichwertigkeit der allgemeinen und beruflichen Bildung nicht angestrebt wird, obwohl sie im Koalitionsvertrag postuliert wurde.
- Dabei werden die beruflichen Schulen im Vergleich mit den Gemeinschaftsschulen hinsichtlich des Klassenteilers deutlich benachteiligt. An Gemeinschaftsschulen beträgt der Klassenteiler 28, an beruflichen Schulen dagegen 30. Dabei wird die Integrationsleistung gerade der beruflichen Vollzeitschulen völlig unterschätzt und nicht anerkannt. An keiner anderen Schulart erwirbt ein höherer Anteil an Migrantinnen und Migranten eine Hochschulzugangsberechtigung wie an den Berufskollegs. Nirgends ist die Schülerschaft so heterogen zusammengesetzt wie an den Beruflichen Schulen.
- Im Übrigen fehlt immer noch ein Konzept der regionalen Schulentwicklung. Ein wohn- und betriebsnahes Berufsschulangebot ist für die ausbildungsplatzsuchende Jugend und für die ausbildende Wirtschaft unverzichtbar. Eine Vernetzung des Bildungsangebots der flächendeckend angebotenen beruflichen Gymnasien und Berufskollegs als Oberstufe der Gemeinschaftsschulen ist allemal kostengünstiger als der Aufbau von Parallelsystemen (Oberstufen an Gemeinschaftsschulen, die kaum existenzfähig und aufgrund der geringen Größe im Vergleich zu den Beruflichen Gymnasien ein deutlich geringeres Angebot im sprachlichen und naturwissenschaftlichen Bereich haben werden).
Bei all dem muss man die heutigen Regierungsfraktionen immer wieder an ihr Minderheiten-Votum in der Enquétekommission kurz vor der Landtagswahl erinnern, im Bereich der beruflichen Schulen in den nächsten drei Jahren jährlich 400 zusätzliche Lehrerstellen zu schaffen:
"Die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung an den beruflichen Schulen ist zu bedeutend, um sie allein von der demographischen Entwicklung und einer daraus resultierenden Rendite abhängig zu machen. Vor diesem Hintergrund haben SPD und GRÜNE (im Bericht der Enquétekommission Fit fürs Leben) eine eigene Handlungsempfehlung eingebracht, die allerdings von der Mehrheit der Enquétekommission nicht mitgetragen wurde. SPD und GRÜNE halten ihre Handlungsempfehlung als Minderheitenvotum aufrecht."
Vor diesem Hintergrund fordert der Berufsschullehrerverband:
- Stellenumschichtungen zugunsten der beruflichen Schulen bis die Bugwelle und das strukturelle Unterrichtsdefizit abgebaut sind. Maßstab ist für uns dabei die im Minderheitenvotum von SPD und Grünen geforderten 400 zusätzlichen Stellen pro Jahr.
- Frühzeitige schulbezogene Ausschreibung von 80 % der Stellen.
- Beseitigung der Benachteiligung den Beruflichen Schulen im Organisationserlass.
- Senkung des Klassenteilers auf 28 für alle Regelschularten.
- Ein Konzept zur regionalen Schulentwicklung zum Erhalt eines flächendeckenden Berufsschulangebots im ländlichen Raum und Vernetzung der beruflichen Gymnasien und der Berufskollegs mit den Gemeinschaftsschulen. Hierbei muss ein Konsens aller Beteiligten (insbesondere Personalvertretung und Berufsschullehrerverband, Kammern, Schulträger, Beratungsgremien des Kultusministeriums, aber auch die Mitarbeiter der Referate Berufliche Schulen der Regierungspräsidien) hergestellt werden.
- Erhalt des Bildungsangebots der Beruflichen Schulen im Vollzeitbereich, d. h. dieMöglichkeit Fachschulreife, Fachhochschulreife und Allgemeine Hochschulreife aneiner beruflichen Schule im Umkreis erwerben zu können. In diesem Zusammenhang fordern wir den Erhalt und die Sicherung der Übergangsmöglichkeiten von den allgemein bildenden Schulen in die Schularten des beruflichen Vollzeitbereichs.
An den beruflichen Schulen werden im laufenden Schuljahr landesweit rund 357.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet.
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