Berufswahl ohne Schubladen
Noch immer entscheiden sich junge Menschen für Berufe, die als geschlechtstypisch gelten. Zwischen unbewussten Erwartungen und neuen Chancen zeigt sich, wie viel Einfluss Klischees heute noch haben – und was sich gerade verändert. Von Viktoria Udjbinac
31.07.2026 Bundesweit Artikel BildungspraxisObwohl junge Menschen in Deutschland frei in ihrer Berufswahl sind, zeigen sich in der Verteilung auf die einzelne Branchen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Laut Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung begannen 2025 beispielsweise 16.206 Frauen eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten, aber nur 1.068 Männer. Umgekehrt starteten 22.599 Männer eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, während lediglich 1.452 Frauen diesen Weg wählten. Auch wenn es einzelne ausgeglichenere Bereiche wie den Verkauf gibt, in dem 11.580 Männer und 9.984 Frauen eine Ausbildung begannen, ist die Gesamtverteilung in vielen Branchen unausgewogen. Die Frage, warum sich diese Muster so hartnäckig halten, bleibt daher hochaktuell. Die Initiative Klischeefrei setzt genau hier an. Sie wurde 2016 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung so wie dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufen und verfolgt das Ziel, junge Menschen bei einer Berufswahl ohne Geschlechterklischees zu unterstützen. Dabei geht es vor allem darum, den Blick auf individuelle Interessen und Stärken zu lenken. „Viele Jugendliche schließen bestimmte Berufe von vornherein aus, weil sie meinen, diese passen nicht zu ihrem Geschlecht“, erklärt die wissenschaftliche Fachreferentin Arzu Şahin, die die Arbeit der Initiative begleitet.
Individualität stärken
Die Folgen der klischeegeprägten Berufswahl sind deutlich sichtbar in der Struktur der Arbeitswelt. „Würde man Berufe nach Geschlecht sortieren, wären rund zwei Drittel männlich dominiert, vor allem im Handwerk und in technischen Bereichen“, verdeutlicht Şahin. Etwa ein Viertel aller Berufe wird überwiegend von Frauen ausgeübt, insbesondere im sozialen und pflegerischen Bereich, so Şahin: „Nur etwa jeder zehnte Beruf weist ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auf“. Diese Ungleichverteilung hat nicht nur individuelle Konsequenzen, sondern ver stärkt auch strukturelle Probleme. „Je ausgeprägter die Zuordnung von Berufen zu einem Geschlecht ist, desto stärker wirkt sich das auf den Fachkräftemangel aus“, betont Şahin.
Dass Vielfalt auch wirtschaftlich relevant ist, zeigen zahlreiche Studien. So belegt etwa die McKinsey-Stu die „Diversity Wins“, dass divers zusammengesetzte Teams bessere Ergebnisse erzielen. Gleichzeitig ver weist die Bertelsmann Stiftung darauf, dass klischeehafte Berufswahl jungen Menschen Chancen nimmt und bestehende Ungleichheiten weiter verstärkt – etwa den Gender Pay Gap, also die geschlechtsspezifische Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Auch Unternehmen spüren die Folgen, wenn bestimmte Berufsfelder durch stereotype Zuschreibungen weniger Nachwuchs finden.
Ein wichtiger Ansatzpunkt ist daher nicht nur die individuelle Entscheidung junger Menschen, sondern auch die Umgebung, in der diese Entscheidungen entstehen. Dazu gehören Schulen, Berufsberatung, Medien und Unternehmen gleichermaßen. „Berufsorientierung muss früh ansetzen und vor allem Vielfalt sichtbar machen“, erklärt Şahin. „Berufsorientierung bedeutet, dass wir Jugendlichen klischeefreie Einblicke in alle Berufe geben und ihre individuellen Talente in den Mittelpunkt stellen.“ Dazu gehöre auch, Bildsprache und Sprache zu reflektieren, da sie unbewusst bestimmte Gruppen ansprechen oder ausschließen können. „Gemeint ist damit etwa eine geschlechtergerechte Ansprache, aber auch die bewusste Auswahl von Bildern und Bei spielen: Wenn in Materialien zur Berufsorientierung überwiegend Männer in technischen Berufen oder Frauen in sozialen Berufen gezeigt werden, verfestigt das stereotype Vorstellungen“, so Şahin.
Ebenso wichtig sei die Sichtbarkeit von Vorbildern, die mit klassischen Rollenbildern brechen – beispielsweise Männer in sozialen oder pädagogischen Berufen und Frauen in technischen Ausbildungs berufen. Solche Beispiele machen deutlich, dass Kompetenzen nicht an Geschlecht gebunden sind. „Durch klischeefrei gestaltete Inhalte, vor allem auch durch Bildsprache, fühlen sich alle Menschen angesprochen“, erklärt Şahin. Gleichzeitig sind viele Stereotype tief verankert: „Mädchen wird oft weniger technisches Geschick zugetraut, Jun gen in sozialen Berufen weniger Empathie.“ Diese Erwartungen beeinflussen Entscheidungen junger Menschen frühzeitig.
Blick in die Zukunft
Es ist entscheidend, so früh wie möglich mit der Berufsorientierung anzusetzen – idealerweise bereits in Kita und Grundschule. Die Initiative Klischeefrei betont, dass sich Geschlechterstereotype bereits im frühen Kindesalter entwickeln und sich im Laufe der Kindheit verfestigen. Damit beeinflussen sie auch die spätere Berufsorientierung. Klischeefreie Ansätze können hier gezielt gegensteuern und den Blick auf individuelle Fähigkeiten öffnen. Die Initiative Klischeefrei stellt dafür umfangreiche Materialien zur Verfügung – von Praxisbeispielen über Arbeitsblätter bis hin zu digitalen Lernangeboten. Angesichts des Fachkräftemangels und einer zunehmend sensibilisierten jungen Generation wird es für Gesellschaft und Wirtschaft immer wichtiger, auf Talente unabhängig von Geschlechterbildern zu setzen. Langfristig soll eine Berufswahl selbstverständlich werden, die sich an Interessen und Fähigkeiten orientiert – nicht an überholten Klischees.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Bildungspraxis, Ausgabe 2/2026, S. 12-13, www.bildungspraxis.de
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