„Demokratie ist kein Modethema“
Extremistische Positionen werden bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer häufiger, die Bindung zur Demokratie nimmt ab. BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser erklärt, warum gerade die Berufsbildung das als Anlass zum Handeln sehen muss. Interview: Vincent Hochhausen
17.03.2025 Bundesweit Artikel BildungspraxisBildungspraxis: Sie haben in letzter Zeit häufiger gefordert, dass die Demokratiebildung in der Berufsbildung ein größeres Gewicht braucht. Warum ist das so wichtig?
Friedrich Hubert Esser: Junge Leute haben die Demokratie nicht in ihrer DNA. Daher müssen wir das Wissen darüber fördern. Wir Älteren sind, zumindest in Westdeutschland, in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Demokratie selbstverständlich war. In meiner Generation war allen der Zusammenhang von Demokratie und wirtschaftlichem Erfolg klar bewusst. Für Jugendliche heute gilt das nicht mehr. Demokratische Werte, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit werden zunehmend infrage gestellt, sowohl in Deutschland als auch international. Laut dem Demokratieindex des Economist lebt mittlerweile nur noch acht Prozent der Weltbevölkerung in einem vollständig demokratischen System. Muss das nicht Grund genug sein, etwas zu tun?
Ist es in der Ausbildung nicht schon zu spät für Demokratiebildung?
Nein. In der Berufsbildung geht es nicht nur um berufliche Kompetenzen, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung. Junge Menschen kommen in einem Alter in die Ausbildung, in dem sie dabei sind, zu Erwachsenen zu werden. Das ist eine wichtige Phase für die intellektuelle und moralische Entwicklung. In der Ausbildung wird großer Wert darauf gelegt, dass die Auszubildenden Schlüsselqualifikationen wie Kommunikationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Reflexionsvermögen, Verantwortungsübernahme und Toleranz erlernen. All diese Eigenschaften haben eine direkte Auswirkung auf die Demokratiefähigkeit der jungen Menschen. Aber wir bauen dabei natürlich auf der Arbeit der anderen Bildungsstufen auf.
Friedrich Hubert Esser ist gelernter Bäcker, Wirtschaftswissenschaftler und seit 2011 Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung.
Welche Grundlagen sollten Jugendliche aus der Schule mitbringen?
Schon im Kindergarten lernen Kinder, wie man sich in einer Gruppe verhält, wie man mit anderen zusammen etwas macht, wie man teilt. Im Geschichts- oder Politikunterricht in den Schulen ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der SEDDiktatur ein Muss. Demokratie und Autokratie dürfen in der Schule nicht abstrakt bleiben, sie müssen konkret werden. Kinder müssen lernen, das demokratische System zu verstehen – nicht nur formal politisch, sondern an plastischen Beispielen. Sie müssen auch lernen, autokratische Systeme zu erkennen, zu unterscheiden und zu beurteilen. Eine partizipative Schulkultur mit einem Miteinander aller Beteiligten hilft dabei, all das erlebbar zu machen.
Welche Verantwortung kommt den Betrieben zu?
Es geht nicht nur um die Lerninhalte des Berufes, sondern darum, dass man einen Menschen vor sich hat, den man prägt und formt. Ausbilderinnen und Ausbilder sind Vorbilder. Betriebe und deren Ausbildungspersonal haben eine große Verantwortung für die Entwicklung junger Menschen. Aus dieser Verantwortung dürfen sie sich nicht stehlen.
Ist das Ausbildungspersonal sich dieser Rolle bewusst?
Das hängt stark vom Betrieb ab. Viele finden das Thema wichtig und pushen es von sich aus, andere wollen dafür keine ihrer knappen Kapazitäten verwenden. Aber: Wir sprechen hier nicht von einem optionalen Zusatzaufwand. Paragraf 14 des Berufsbildungsgesetzes besagt, dass Ausbildende ihre Auszubildenden nicht nur fachlich, sondern auch charakterlich fördern sollen. Demokratiebildung ist auch in den Bildungsplänen verankert: Die Standardberufsbildposition der Nachhaltigkeit bietet zum Beispiel viele Anknüpfungspunkte dafür. Demokratiebildung ist auch in Förderprogrammen integriert, etwa in „Nachhaltig im Beruf - zukunftsorientiert ausbilden“ oder im Bildungsportal Leando. Es gibt dort viele Anregungen, wie man Demokratiebildung einfach in der Ausbildung umsetzen kann.
Wie kann das in einem Ausbildungsalltag gelingen, der oft belastend ist?
Demokratiebildung soll kein zusätzliches curriculares Deputat sein. Es geht um niedrigschwellige Ansätze, die Alltagssituationen nutzen, etwa die Frage, warum es sinnvoll ist, wählen zu gehen. Auch sollten sich Azubis und Ausbilder gemeinsam bewusst machen, was das, was man im Betrieb tut, mit Demokratie zu tun hat. Das äußert sich schon im Führungs- und Ausbildungsstil: Regelmäßige Mitarbeitergespräche zum Austausch sind eine Form demokratischen Handelns. Ebenso haben Dinge wie Teamarbeit, Feedback, sich einzubringen, wenn es um gemeinsame Regeln geht, direkte Bezüge zur Demokratie. In größeren Betrieben sind Betriebsräte und Jugendvertretungen demokratische Institutionen. Und es gilt, gemeinsam über die Normen und Ziele in den Betrieben zu sprechen. Eine große Hilfe kann es zudem sein, sich mit anderen Institutionen zusammenzutun.
Wer eignet sich da als Partner?
Neben den Verbands- und Kammerorganisationen sowie den gewerkschaftlichen Einrichtungen sind insbesondere regionale Initiativen, wie die Demokratiewerkstätten im Quartier in NRW, als besonders geeignet herauszustellen. Und natürlich sind die Schulen wichtige Partner, um zum Beispiel die Demokratiebildung aus den Schulen in die Betriebe bringen. Davon können beide Seiten profitieren. Sich zu vernetzen oder Erfahrungswissen von anderen zu holen, ist auch deshalb wichtig, weil Ausbilder dann nicht alleine mit dem Thema dastehen.
Ressourcen zur Demokratiebildung
› Auf dem Ausbilderportal Leando sind Informationen zur Demokratieförderung in der betrieblichen Ausbildung zusammengestellt.
› Das DGB Bildungswerk und einige andere Kooperationspartner haben sich im Kompetenznetzwerk „Demokratieförderung in der beruflichen Bildung“ zusammengeschlossen und bieten Fachstellen und Ansprechpartner für Ausbildungspersonal zu diesem Thema.
Wie geht man als Ausbilderin oder Ausbilder mit extremistischen Tendenzen bei den Jugendlichen um?
Solche Herausforderungen verlangen einiges an Fingerspitzengefühl. Ein Patentrezept dafür gibt es nicht, aber auch hier rate ich dazu, sich mit anderen Ausbildenden auszutauschen. Auch Kammern, Beratungsstellen oder Bildungswerke können in solchen Fragen Unterstützung und Rat geben. Dieses Miteinander ist für mich einer der wichtigsten Aspekte für gute Demokratiebildung.
Sind Sie optimistisch, dass Demokratie in Zukunft in der Ausbildungspraxis einen größeren Stellenwert erhält?
Ja. Das muss sie einfach. Ich will auf keinen Fall, dass Demokratiebildung eine Weile als Modethema mit halber Kraft mitläuft, das irgendwann versandet und keine Wirkung auf die Jugendlichen hat. Die Politik- und Demokratieverdrossenheit nimmt vor allem bei jungen Menschen zu. Wir alle müssen es als dringende Aufgabe sehen, daran etwas zu ändern.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 1/2025, S. 4-7, www.bildungspraxis.de
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