Berufsbildungsprojekt

Vom Delta nach Deutschland

Ein deutsches Unternehmen stellt im Anschluss an das Projekt „Fachkräfte für Afrika“ spontan zwei junge Männer aus Botsuana ein. Eine Erfolgsgeschichte, trotz des großen bürokratischen Aufwands. Von Anna Petersen und Sascha Schüler

02.01.2026 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Kompassnadel zeigt auf das Wort Ausbildung © Adobe Stock Seit 2016 lief unter dem Titel „Fachkräfte für Afrika“ in mehreren Ländern ein groß angelegtes Berufsbildungsprojekt des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA.

Nicholas Maphane und Condrad Sekgwathe haben vieles gemeinsam. Beide stammen aus dem im Süden Afrikas gelegenen Botsuana, beide haben ihr Studium abgebrochen – und beide arbeiten dennoch heute in Deutschland, beim Rheinland-Pfälzer Maschinenbauunternehmen Hahn Automation. Das verdanken sie neben ihrer eigenen Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit vor allem der Initiative „Fachkräfte für Afrika“ des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, kurz VDMA. Die Initiative bot vor Ort dreijährige Ausbildungen analog zum deutschen System. Beim anschließenden Praktikum öffneten sich den beiden jungen Männern neue Perspektiven – und schließlich auch die Tür zu einer Anstellung.

Ein Zufallstreffer

Nicholas Maphane wächst in der Stadt Maun im Distrikt Ngamiland im Nordwesten Botsuanas auf, der sich rund um das Okavango-Delta erstreckt. Schon immer faszinieren den heute 37-jährigen Maschinen und technische Systeme. Sein Studium muss er aus finanziellen Gründen abbrechen, arbeitet im Anschluss als Tutor für Mathe und Physik. Eines Tages gibt ihm ein Freund eine lokale Tageszeitung, die er durchblättert. Dabei stößt er auf eine Anzeige für eine Ausbildung im Bereich „Industrial Mechatronics“. „Ich habe ihn sofort angesehen und gesagt: Das ist die Ausbildung, nach der ich immer gesucht habe!“, berichtet Maphane. Das zugehörige Bewerbungsformular füllt er noch am gleichen Tag aus und faxt es an die entsprechende Stelle. Nach einigen Wochen wird er zum Vorstellungsgespräch eingeladen, legt einen Eignungstest ab und kann ein paar Monate später mit der Ausbildung beginnen. „Da habe ich erst erfahren, dass dieser spezielle Kurs vom VDMA und dem botsuanischen ‚Ministry of Employment, Labour Productivity and Skills Development‘ eigens für Fachkräfte in Afrika entwickelt und auf sie zugeschnitten wurde.“

Berufliche Bildung vor Ort

Seit 2016 lief unter dem Titel „Fachkräfte für Afrika“ in mehreren Ländern ein großangelegtes Berufsbildungsprojekt des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA. Unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie den jeweiligen Regierungen – in diesem Fall der botsuanischen – wurden vor Ort praxis- und bedarfsorientierte Kurse nach deutschem Vorbild der dreijährigen dualen Berufsausbildung angeboten. „Ziel war es, regionale Fachkräfte so auszubilden, dass sie vor Ort in deutschen Unternehmen arbeiten oder auch lokale Firmen voranbringen können“, erklärt Norbert Völker, heute Geschäftsführer des Didacta Verbandes, damals noch Head of Education beim VDMA und Leiter der Initiative. Gleichzeitig sollte das Projekt die Vorteile deutscher Technologien wie ihre hohe Qualität und ihre lange Produktlebensdauer vermitteln. Beteiligt waren auch deutsche Unternehmen, die Maschinen, Equipment und Trainings bereitstellen. Neben Botsuana waren auch Nigeria und Kenia Teil der Initiative. Die Länder wurden aufgrund ihrer geografischen Lage, ihrer Wirtschaftskraft und bereits bestehenden Engagements deutscher Firmen ausgewählt.

Die Planungen starteten bereits 2014, als Fachkräftemangel in Deutschland noch kein zentrales Thema war. „Wir waren der Öffentlichkeit im Prinzip drei Jahre voraus“, so Völker. Auf ihn war man zugegangen, weil er sowohl Fachwissen in Maschinenbau und Bildung vereint als auch eine Zeit in Botsuana gelebt hatte. Die Ausbildung wurde von Deutschland aus konzipiert, Völker reiste mehrfach ins Land und organisierte die nötige Unterstützung aus Ministerien. Die größte Hürde: die offizielle Akkreditierung der Ausbildung in Botsuana. 2019 konnten schließlich die ersten acht Batswana ihre Ausbildung starten, zwei weitere Gruppen folgten. Heute gilt das Projekt von Seiten des VDMA als abgeschlossen und wird vollständig von botsuanischer Hand geführt. „Das war auch unser Ziel“, sagt Völker. Ein Praktikum in Deutschland war dabei nur für die zwei besten Absolventinnen und Absolventen vorgesehen. Dabei sei es zunächst allerdings nur darum gegangen, „dass sie ein besseres Ver tändnis dafür bekommen, wie in Deutschland gearbeitet und industrielle Qualität erzeugt wird.“

Plötzlich geht eine Tür auf

„Das Praktikum bei Hahn Automation war eine großartige Erfahrung“, sagt Conrad Kgomotso Sekgwathe, 30, ursprünglich aus einem kleinen Dorf im Zentrum Botsuanas, und der zweite Auszubildende, der aufgrund seiner Leistungen im Programm das Praktikum in Deutschland angeboten bekam. Er entschied sich für die Mechatroniker-Ausbildung nach deutschen Standards. Er wusste, dass ihm das bei der Jobsuche helfen würde. Selbst wenn das nicht klappen würde, hätte er immer noch das Wissen, um sich im Anschluss selbstständig zu machen. Wie auch sein Kollege habe er zunächst gar nicht den Plan gehabt, später auch fest nach Deutschland zu kommen. Doch während des Praktikums begannen sich beide Gedanken zu machen. Beim gemeinsamen Mittagessen sprachen sie darüber, wie es in der Theorie sein könnte, nach Deutschland zu ziehen, dort zu arbeiten und gegebenenfalls die Familien zurücklassen zu müssen. Und plötzlich tat sich tatsächlich eine Chance auf: „Das Praktikum war zunächst ergebnisoffen ausgelegt, aber die beiden haben einen so guten Eindruck hinterlassen, dass wir sie direkt im Anschluss gefragt haben, ob sie sich eine Zukunft in Deutschland vorstellen können“, erinnert sich Andrew Velasquez, Manager People und Culture bei Hahn Automation. Hahn setzt ohnehin auf einen internationalen Ansatz: „Wir sind ein sehr geübtes Unternehmen in der Integration ausländischer Mitarbeitender, haben hier am Standort mittlerweile rund 20 Nationen.“ Sekgwathe und Maphane einen festen Job anzubieten, sei laut dem Teamleiter der Recruiting-Abteilung ein logischer Schritt gewesen, zumal der allgegenwärtige Fachkräftemangel es in der Branche notwendig mache, auch international einzustellen. „Erfahrung hatten wir vor allem mit Kolleginnen und Kollegen aus Lettland, Polen oder Kroatien“, sagt Velasquez. Innerhalb der Europäischen Union bestünden dabei keine bürokratischen Hürden.

Langwieriger Prozess

„Da das Ausbildungsmodell für die Menschen aus Botsuana extra so konzipiert wurde, dass es einer Ausbildung nach deutschem Vorbild entsprechen sollte, sind wir auch hier davon ausgegangen, dass die Anerkennung schnell erfolgen würde“, so Velasquez. Man habe dann jedoch „den ganz normalen Fachkräfteeinwanderungsweg gehen“ müssen, über die Ausländerbehörde und die IHK FOSA, „Foreign Skills Approval“, in Nürnberg. Die Fälle wurden eingehend geprüft. Am Ende sollte es 14 Monate dauern, bis Sekgwathe und Maphane ihre Arbeitserlaubnis erhielten. Laut Velasquez sei der ganze Prozess „eine Katast rophe“ gewesen, Unterlagen seien verschwunden, teils habe er monatelang auf Rückmeldung gewartet. „Normalerweise hätte jedes andere Unternehmen diesen Prozess abgebrochen. Aber wir hatten es den beiden versprochen.“ Auch für die Batswana wurde das Warten zur Geduldsprobe. Denn zunächst ging es zurück in ihr Heimatland. Um dort die Zeit zu überbrücken, engagierten sich beide vor Ort ehrenamtlich in ihrem neuen Fachgebiet. „Das muss die längste Wartezeit meines Lebens gewesen sein“, sagt Maphane rückblickend und auch Sekgwathe meint: „Das Warten war sehr hart, zumal ich nicht genug Geld verdient habe, um meinen Lebensunterhalt in der Stadt zu sichern. Also habe ich Nebenjobs angenommen, zum Beispiel in Einkaufszentren.“ Nach langem Hin und Her inklusive eines vorbereitenden Deutschkurses vor Ort konnten die beiden dann aber doch von Hahn Automation eingestellt werden. „Wir sind mit beiden fachlich hochzufrieden, würden das Ganze aber nur in Ausnahmefällen wiederholen. Der bürokratische Aufwand war einfach zu hoch“, so Velasquez. Er habe deswegen auch Beschwerde gegenüber der IHK FOSA eingelegt.

Besserung in Sicht?

Dabei gab es auch Unterstützung durch den VDMA, organisiert von Dr. Norbert Völker, der meint: „Mittlerweile ist es zum Glück einfacher, eine Anerkennung in Deutschland zu bekommen, zumal die IHK FOSA aufgestockt wurde.“ Das Problem bei der Anerkennung der Ausbildung in Deutschland sei vor allem gewesen, dass Inhalte zum Datenschutz fehlten. „Es schien uns aber, als glaube man nicht, dass Verbände in Kooperation mit der Wirtschaft Ausbildungen nach deutschen Standards im Ausland organisieren können“, so Völker. Für die Zukunft wünscht er sich vor allem eine Abkehr von der Einzelfallprüfung bei der Anerkennung ausländischer Ausbildungen, um den Prozess deutlich effektiver zu gestalten: „Wenn die wichtigen Player der Industrie – wie hier des Maschinenbaus und der Bildungswirtschaft – an Bord sind, dann sollte eine Trainingsinstitution auch im Ausland anerkannt werden können.“

Gelungene Integration

Für die beiden Botswana und Hahn Automation ist das Programm trotz Verzögerung zum absoluten Volltreffer geworden. „Die Rückmeldungen sind sehr gut. Beide wurden in ihren Abteilungen gut aufgenommen und bringen sehr gute Leistungen, so dass wir die Verträge vor kurzem entfristen konnten“, freut sich Velasquez. Auch Sekgwathe und Maphane sind hochzufrieden mit ihrer neuen Lebenssituation, haben Wohnungen gefunden und planen derzeit den Nachzug der Familien. Auch auf die lange Wartezeit können sie mittlerweile wohlwollend zurückblicken, sagt Maphane: „Zurück in das Unternehmen zu kommen, war wie nach Hause kommen. Es ist, als wären wir nur auf eine sehr lange Geschäftsreise in den Süden Afrikas geschickt worden.“

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 3/2025, S. 26-29, www.bildungspraxis.de.



Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden