Ausbildung

Fit für morgen

Berufliche Tätigkeiten sind heute komplexer als noch vor 40 Jahren. Die Anforderungen an die Berufsbildung steigen und mit ihnen die Vermittlung von Zukunftskompetenzen. Dietmar Frommberger erklärt, welche Kompetenzen nun entscheidend sind. Von Viktoria Udjbinac

01.06.2026 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Drei Menschen verschiedenen Alters mit Bauarbeiterhelmen und Warnjacken © Adobe Stock Einfache Handlungsroutinen und manuelle Fertigkeiten existieren zwar noch, verlieren aber aufgrund des technologischen Fortschritts zunehmend an Bedeutung.

Bildungspraxis: Welche Basiskompetenzen brauchen Auszubildende heute, um in der modernen Arbeitswelt bestehen zu können?

Dietmar Frommberger: Der Begriff Basiskompetenzen stammt aus der Grundschulpädagogik und meint unter anderem grundlegende sprachliche und mathematische Fähigkeiten. In der beruflichen Ausbildung setzen wir solche Kompetenzen eigentlich voraus. Ohne sie könnte niemand eine Ausbildung erfolgreich absolvieren. Allerdings gibt es einen kleinen Teil von Schulabsolventinnen und -absolventen, der diese grundlegenden Fähigkeiten nicht mitbringt. Deshalb gibt es Übergangsangebote wie Berufsvorbereitungsklassen oder Sprachlernklassen an beruflichen Schulen, in denen junge Menschen grundlegende Fähigkeiten wie Rechen-, Lese-, Schreib- und Sprachkompetenzen nachträglich erwerben können.

Dietmar Frommberger ist Professor für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Osnabrück. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf beruflicher Bildung, insbesondere in der Struktur- und Qualitätsentwicklung der Berufsbildung.

Welche weiteren Kompetenzen sind heute in der Ausbildung besonders wichtig?

Hier richten wir den Blick eher auf das Konzept der beruflichen Handlungskompetenz. Dieses Modell umfasst neben der fachlichen Expertise auch Methoden-, Personal- und Sozialkompetenzen. Auch Lernkompetenz und Problemlösungsfähig keit sind zentrale Bestandteile. Dieses Modell ist seit den 1990er-Jahren ein Leitbild in der deut schen Berufsbildung – und dennoch hochaktuell. Es deckt sich mit den Anforderungen des Deutschen Qualifikationsrahmens, der seit 2013 die verschiedenen Bildungsbereiche umfasst, also auch die Allgemeinbildung und die Hochschulbildung. Die Anforderungen in der beruflichen Ausbildung steigen aber kontinuierlich, insbesondere der Blick auf die kognitiven Anforderungen zeigt, dass die Komplexität beruflicher Tätigkeiten und Anforderungen im langjährigen Trend deutlich zugenommen hat.

Inwiefern?

Einfache Handlungsroutinen und manuelle Fertigkeiten existieren zwar noch, verlieren aber aufgrund des technologischen Fortschritts zunehmend an Bedeutung. Planerische Aufgaben, analytische Fähigkeiten und datengestützte Entscheidungserfordernisse werden immer wichtiger. Zudem wächst die Verantwortung der Berufsbildung, über berufliche Qualifikationen hin aus auch gesellschaftliche, politische und nachhal tigkeitsrelevante Kompetenzen zu vermitteln. Das erhöht die Anforderungen an Ausbildung, Schule und Betriebe. Um diese Herausforderungen zu meistern, braucht es eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Ausbildungsqualität sowohl im Betrieb als auch in den beruflichen Schulen.

Welche weiteren Kompetenzen werden in der Zukunft wichtig sein?

Kompetenzen wie Reflexivität, Teamfähigkeit und Lernfähigkeit werden immer wichtiger, weil die Veränderungsfähigkeit bedeutsamer wird. Neben der Diskussion um neue Kompetenzen sollten wir vor allem die Lehr-Lern-Prozesse in der Berufsbildung stärker in den Blick nehmen. Darin liegt die Kärrnerarbeit und eine anspruchsvolle berufspädagogische Aufgabe für das berufliche Bildungspersonal. Kompetenzen müssen in inhaltlich gehaltvollen und methodisch aktivierenden Lehr-Lern-Prozessen aufgebaut werden. Selbstorganisiertes Lernen ist ein zentrales Stichwort. Die Ausbildungszeit wird dadurch nicht länger. Die vorhandene Zeit wird nur intensiver als Lernzeit genutzt – auch im Betrieb. Denn die Herausforderung besteht darin, die Ausbildungszeit optimal zu nutzen. Drei Jahre Ausbildung bieten nur begrenzten Raum, um alle Anforderungen abzudecken. Daher ist eine klare Priorisierung notwendig.

Wie sollte diese Priorisierung aussehen?

Die Vermittlung des Kernfachwissens steht im Fokus, ergänzt um relevante Handlungskompe tenzen, Problemlösefähigkeiten und soziale Kompetenzen. Berufsschulen und Betriebe können die Entwicklung überfachlicher Kompetenzen durch projektorientiertes Lernen und praxisnahe Aufgaben unterstützen. Lernende sollten sich das Wissen weitgehend selbständig erarbeiten. Wichtig ist die Erfahrung, dass es oftmals verschiedene Antworten und Lösungen gibt. Dabei ist es entscheidend, dass die Ausbildenden und das gesamte berufliche Bildungspersonal sowohl fachlich als auch berufspädagogisch gut qualifiziert sind, um die Lernenden auf Augenhöhe zu begleiten. Wertschätzung ist zentral.

Spielt Technologie dabei eine Rolle?

Ja, sie erfüllt in der Ausbildung zwei Rollen. Einerseits ist sie Lerngegenstand – etwa KI gestützte Produktionsplanung, Fehlererkennung oder personalisierte Empfehlungen im Kundenservice. Andererseits dient Technologie als Werkzeug, um Lernprozesse zu unterstützen und zu verbessern: Digitale Lernplattformen, Simulationen und KI-gestützte Aufgabenbearbeitung können dabei helfen, dass Azubis Wissen anwendungsbezogen erwerben und reflektieren. Der Lerntransfer und die Vermittlung zwischen Theorie und Praxis wird dadurch gestärkt. Allerdings hängt die Nutzung von Technologie auch stark vom Ausbildungsbereich ab.

Wie meinen Sie das?

Große Unternehmen setzen häufig moderne Technik ein, kleine und mittelständische Betriebe haben oftmals eingeschränktere Ressourcen. Daraus ergeben sich deutliche Qualitätsunterschiede innerhalb der dualen Ausbildung. Der Technologieeinsatz ist auch branchenabhängig: In Zweigen wie Banken und Versicherungen oder der Industrie sind die Ausbildungsstandards hoch, während in Kleinbetrieben oder zum Beispiel im Gastgewerbe und Einzelhandel die Ausbildung häufig weniger systematisch organisiert ist. Das wirkt sich direkt auf den Kompetenzerwerb aus und zeigt sich auch im fehlenden Zugang zu neuen Technologien.

Inwiefern verändert sich die Rolle von Ausbilderinnen und Ausbildern?

Ihre Rolle verschiebt sich zunehmend von reiner Wissensvermittlung hin zur Lernbegleitung. Sie sollten die Lernenden ernst nehmen und auf Augenhöhe behandeln. Ausbildung ist ein wechselseitiger Prozess zwischen Lernenden und Ausbildenden. Kommunikation, Konfliktmanagement und Reflexionsräume sind dabei entscheidend. Die Qualität der Ausbildung hängt maßgeblich von der fachlichen und berufspädagogischen Qualifikation des Bildungspersonals ab. Viele Ausbildungsverhältnisse scheitern an mangelnder pädagogischer Begleitung oder unzureichender Ausbildungskultur, insbesondere in Kleinbetrieben. Eine stärkere systematische Qualifizierung und Weiterbildung des beruflichen Bildungspersonals sind daher unerlässlich.

OECD ZU ZUKUNFTS KOMPETENZEN

Die OECD beschäftigt sich im Projekt Future of Education and Skills 2030 mit der Frage, wie Bildungssysteme junge Menschen auf eine komplexe, digitalisierte und sich schnell verändernde Arbeitswelt vorbereiten können. Ein zentrales Ergebnis ist der OECD Learning Compass 2030, erschienen im September 2020, der einen erweiterten Kompetenzbegriff zugrunde legt.

Zentrale Kompetenzbereiche nach OECD:

  • Kognitive und fachliche Kompetenzen: fundiertes Fachwissen, Problemlösung, analytisches Denken
  • Soziale und emotionale Kompetenzen: Teamfähigkeit, Kommunikation, Empathie
  • Lern- und Veränderungs kompetenz: Selbststeuerung, Reflexionsfähigkeit, lebenslan ges Lernen
  • Transformative Kompetenzen: Verantwortung übernehmen, nachhaltige Entscheidungen tref fen, mit Unsicherheit umgehen

Ist die Berufsbildung in Deutschland trotz bestehender Herausforderungen zukunftsfähig?

Ja, das System der Berufsbildung und speziell die duale Ausbildung ist grundsätzlich ein bewährtes Gesamtsystem, das durch ein kooperatives Zusammenwirken von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen und staatlichen Instanzen sowie Bildungseinrichtungen getragen wird. Gleichzeitig werden Innovationen behutsam ein geführt, ohne das System zu destabilisieren. Es entstehen neue Aus- und Weiterbildungsberufe, vorhandene Berufsbildungsgänge werden neu geordnet und es gibt Modellprojekte zu Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Inklusion. Besonders Kleinbetriebe brauchen Unterstützung. Sie können nicht alle Ausbildungsinhalte abdecken und sind auf überbetriebliche Bildungsstätten angewiesen. Zusätzliche sozialpädagogische Unterstützungen für die betriebliche Ausbildung und den Unterricht in den Berufsschulen sind ebenfalls notwendig, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. Die Lernortkooperation ist ein weiterer Schlüssel.

Warum?

Hier gibt es große Herausforderungen: Lehrkräfte in der Berufsschule müssen viele Betriebe koordinieren und können die betrieblichen Ausbilder/-innen nicht immer ausreichend einbinden. Eine stärkere Einbindung in die didaktische Jahresplanung könnte hier Abhilfe schaffen. Und in den Betrieben ist in der auftragsgebundenen Ausbildung häufig keine Zeit für Fehler und Reflexion und für den Bezug auf berufsfachliches Kontextwissen. Das muss sich weiter verbessern, gelingt aber nur mit besser qualifiziertem Ausbildungspersonal, insbesondere derjenigen, die die Ausbildung an den Arbeitsplätzen konkret betreiben.

 

 

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Bildungspraxis, Ausgabe 1/2026, S. 4-6, www.bildungspraxis.de



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