"Jugendliche brauchen ein Lebensvorbereitungsjahr"

Was tun, wenn man in der Ausbildung scheitert? Gibt es Hilfe, wenn das selbst verdiente Geld nicht zum Leben reicht? Wie beantragt man ALG II? Kann man mit einem schlechten Hauptschulabschluss überhaupt eine Lehrstelle bekommen? Prof. Dr. Gotthilf Gerhard Hiller kennt all diese Probleme junger Menschen gut, schließlich hat er Bildungs- und Schulkonzepte für benachteiligte Kinder und Jugendliche entwickelt und über die Lebensverläufe junger Menschen in riskanten Lebenslagen geforscht. Außerdem nimmt der ehemalige Dekan der Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg immer wieder gestrauchelte Jugendliche bei sich zu Hause auf und weiß daher aus erster Hand, was sie bewegt. Unter anderem diese Erfahrungen waren Anlass für Hiller, eine ganz besondere Reihe von Unterrichtsmaterialien herauszugeben.

15.12.2009 Artikel
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Herr Professor Hiller, Durchblick im Alltag und Durchblick im Betrieb heißen die Bände, die Sie herausgeben. In diesen Materialien geht es in erster Linie um ganz profane Dinge, von denen man eigentlich annimmt, dass jeder das nötige Rüstzeug dazu in der Schule erworben hat, etwa, seine Papiere halbwegs übersichtlich aufzubewahren. Für wen sind diese Anleitungen gemacht?

Gotthilf Gerhard Hiller: Die Hefte sind vorrangig für Jugendliche und junge Erwachsene gedacht, die aus Förderschulen, aus Schulen für Erziehungshilfe oder aus Hauptschulen kommen und für Jugendliche im Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr oder Berufseinstiegsjahr. Kurz gesagt: für Jugendliche, die zu den Bildungsverlierern gehören. Der Mainstream der Schule ist nicht auf Kultivierung des Alltags ausgerichtet und schon gar nicht auf solche Probleme, wie wir sie behandeln. Also zum Beispiel, wenn man mit 25 Jahren noch mit seinem jüngeren Bruder, der 22 Jahre alt ist, in der elterlichen Wohnung im Stockbett schläft. Da kann man ja mal choreografieren, wie das am Wochenende aussieht. Oder wie es ist, mit 19 Jahren schwanger zu werden. Es geht also hier in die Niederungen des alltäglichen Lebens unter ökonomisch und kulturell schwierigen Bedingungen, praktisch um eine Kultivierung des prekären Alltags. Das finden Sie sonst nicht.

Gehört dazu auch das Zurechtkommen in einer wie auch immer gearteten Arbeitswelt?

Gotthilf Gerhard Hiller: Ja, das neue Heft, das wir in diesem Jahr gemacht haben, heißt Durchblick im Betrieb und behandelt solche Probleme wie Leiharbeit, Kurzarbeit, Leben mit Minijobs und Ähnliches. Und es räumt mit der Illusion auf, dass es die klassische alte Karriere noch gibt, für die man seine Ausbildung macht und dann 40 Jahre lang im gleichen Betrieb bleibt. Lebensläufe sehen heute ganz anders aus. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn man in der Pizzeria seines Onkels ohne Arbeitsvertrag arbeitet, oder wenn man mit einem Nullstundenvertrag auf Abruf arbeiten muss? Diese Zone zwischen illegaler, halb legaler und legaler Beschäftigung im Jugend –- und jungen Erwachsenenalter –- das ist das zentrale Thema dieser Broschüre.

Die PISA-Erhebung hat ja gezeigt, dass der Anteil der 15-Jährigen, die als sogenannte Risikoschüler bezeichnet werden, konstant bei mehr als 20 Prozent eines Altersjahrgangs liegt. Diese Jugendlichen landen häufig in dem von Ihnen bereits erwähnten Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr oder Berufseinstiegsjahr. Was können Jugendliche bei diesen Maßnahmen lernen, sind sie sinnvoll?

Gotthilf Gerhard Hiller: Das ist umstritten und hängt sehr von den Personen ab, die dort unterrichten. Da gibt es aber in letzter Zeit einen Sinneswandel. Ich habe meine Studierenden 20 Jahre lang schulpraktisch in solchen Berufsvorbereitungsjahren ausgebildet und kenne die Problematik. Das sind zunächst einmal für viele Jugendliche gar keine ungeschickten Einrichtungen. Sie können einen neuen Anfang machen, und wenn dort vernünftige Lehrer sind, die – ich sage das mal verkürzt – beleidigungsfähig sind, die nicht sofort im Quadrat springen, wenn sie auch mal etwas rüpelhaft angegangen werden, und die ein Feeling für diese Jugendlichen aus diesen unteren Milieus haben, dann ist es eine gute Geschichte. Wenn es aber um permanent enttäuschte Erwartungen geht, wenn also die Jugendlichen, die in den Unterricht kommen, etwas anderes suchen als das, was er ihnen bietet, und der Oberstudienrat sich ohnehin strafversetzt fühlt, dann kann es auch ganz katastrophal werden.

In der öffentlichen Diskussion haben diese Berufsvorbereitungsmaßnahmen nicht gerade das beste Ansehen.

Gotthilf Gerhard Hiller: Das stimmt, Berufsvorbereitung hat in Deutschland keine gute Presse. Da verständigt sich das Bildungsbürgertum auf hohem Niveau und weiß, dass daraus nichts werden kann –- auch weil teilweise mit überzogenen Erwartungen argumentiert wird. Ich sehe es eher produktiv. Aber nur unter der Voraussetzung, dass man diesen starren Blick auf die berufliche Karriere zumindest abschwächt und den Jugendlichen eine Lebenskunst für viele andere Bereiche anbietet: Wie gehe ich mit Behörden um? Wie komme ich mit meinen Finanzen klar? Schaffe ich es, mir eine Wohnung zu besorgen und sie auch zu pflegen? Wir haben ja Lebensverläufe dieser jungen Leute erforscht, da zeigt sich sehr deutlich: Wenn es in diesen anderen Bereichen – Finanzen, Wohnung, soziale Beziehungen zu Verwandtschaft, Freunden und Partnern, Sexualverhalten, Gesundheit und so weiter – klappt, dann klappt es auch in der Ausbildung. Angesagt wäre also – ich spitze das zu –- nicht ein Berufsvorbereitungsjahr, sondern ein Lebensvorbereitungsjahr unter heruntergedimmten Erwartungen an das Leben. Auch wenn es sicher nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig für den Betroffenen ist, wenn ich ihm praktisch unter der Decke die Botschaft bringe "dein Leben bleibt hart und du musst Kenntnisse und Könnensformen entwickeln, um mit diesen Dingen einigermaßen schadlos zurechtzukommen". Ich werde dann auch manchmal von meinen lieben Kollegen gescholten, dass ich mich mit den Verhältnissen arrangiere, statt dass ich einem pädagogischen Romantizismus folge, der predigt, dass jeder den Marschallstab im Tornister hat.

"Vom Tellerwäscher zum Millionär" ist hierzulande also reine Illusion?

Gotthilf Gerhard Hiller: Ja, das ist Unsinn, weil man weiß, dass sich hierzulande nur etwa sieben Prozent über Bildung aus ihrer sozialen Lage befreien können. Aber das will man nicht zur Kenntnis nehmen und man segelt im Grunde genommen auf einem pädagogischen Optimismus, der ohne empirische Basis ist. Natürlich kann ich Ihnen aus meiner eigenen Praxis von mehreren Stars berichten –- sie sind nicht vom Tellerwäscher zum Millionär geworden, haben es aber immerhin aus ganz ärmlichen und schwierigen, familiär belastenden Verhältnissen zu einem respektablen Leben gebracht. Das gibt es wiederholt. Ich habe aber auch schon drei Jugendliche beerdigt, einer hat sich mit 17 das Leben genommen, der andere ist mit 19 tödlich verunglückt und der dritte hat sich den goldenen Schuss gesetzt.

Sie kennen die Sorgen und die Lebenssituation dieser jungen Menschen sehr gut. Das war Anlass für Sie, diese lebensnahen Unterrichtsmaterialien zu entwickeln?

Gotthilf Gerhard Hiller: Ja, die Hefte sind aus dieser Arbeit entstanden. Und zwar mit einer ganz einfachen Überlegung, dass nämlich nicht nur dem geholfen werden sollte, der jemandem wie mir in die Finger läuft. Bei sehr vielen Jugendlichen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Papiere irgendwo rumliegen. Da findet man plötzlich unter der Schmutzwäsche einen eingeschriebenen Brief von der Bundeswehr. Oder sie machen Rechnungen gar nicht auf, weil sie eh kein Geld haben, zu zahlen. Oder ich muss ihnen erst einmal klarmachen, dass man Kontoauszüge sammeln muss. Das erste Heft beginnt deswegen ganz einfach mit dem Lebensordner, einem Ordner für die wichtigsten Unterlagen.

Ordnung ist das halbe Leben, heißt es so schön, aber brauchen diese Jugendlichen nicht auch noch mehr? Konkrete Unterstützung zum Beispiel?

Gotthilf Gerhard Hiller: Diese Schüler brauchen Bildungsangebote, die ihnen zunächst einmal ein nicht ruinöses legales Leben in ihren Milieus sichern und dafür tut die deutsche Schule gar nichts. Zugespitzt gesagt: Auf Hartz IV, auf das Leben im Prekariat, bereitet die deutsche Schule nicht vor. Man braucht eine ganze Reihe von Qualifikationen, um damit klarzukommen. Das fängt damit an, mit wenig Geld auszukommen, es geht weiter damit, Hobbys zu finden, die nicht geldintensiv aber trotzdem zeitbindend sind und Spaß machen. Das geht weiter damit, die Geschicklichkeit zu entwickeln, sich Begleiter jenseits der Familie zu suchen. Sich selbst in ein Netzwerk einzubinden, von dem man Unterstützung und Begleitschutz erwarten darf. Unsere Untersuchungen zeigen –- ich spitze das etwas zu –- dass es völlig egal ist, von welcher Qualität der Hauptschulabschluss ist –- man kriegt trotzdem einen Ausbildungsplatz, zwar nicht die Spitzenausbildung, aber eine Lehrstelle als Koch, Maler, Landschaftsgärtner und Ähnliches kann man durchaus auch mit einem weniger qualifizierten Hauptschulabschluss bekommen. Sofern man Leute um sich hat, Eltern, ein soziales Netz, vielleicht auch professionelle Unterstützer, die einem dann die Türen öffnen. Das ist in ländlichen Gebieten durchaus noch möglich. In den Städten sieht es etwas anders aus, aber auch da gibt es Unterschiede, das hat eine Studie des Deutschen Jugendinstituts für die Stadt Stuttgart gezeigt. Es gibt dort Hauptschulen, bei denen sehr viele Schüler entweder in eine weiterführende Schule wechseln oder aber einen Ausbildungsplatz bekommen, während es andere Hauptschulen gibt, bei denen das gar nicht der Fall ist. Die Schule und das soziale Umfeld machen also den Unterschied.

Informationen zu den Lehrwerken

Durchblick im Alltag
Band 1
ISBN-13: 978-3-06-455797-0
10,75 Euro

Durchblick im Alltag
Band 2
978-3-06-455798-7
10,75 Euro

Durchblick im Betrieb
ISBN 978-3-06-455801-4
10,75 Euro


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