Bildungsurlaub

Zeit, sich zu bilden

Fast alle Bundesländer bieten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Anspruch auf bezahlten Bildungsurlaub. Trotzdem nutzt ihn kaum einer. Lara Körber erklärt, warum sich das ändern sollte. Von Vincent Hochhausen

25.06.2021 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
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Bildungspraxis: Was ist Bildungsurlaub?
Lara Körber: Als Bildungsurlaub bezeichnet man zusätzliche Urlaubstage, auf die
Arbeitnehmer in allen Bundesländern – außer Bayern und Sachsen – Anspruch haben, um Seminare, die als Bildungsurlaub anerkannt sind, zu nutzen. Leider nehmen jedes Jahr nur rund zwei Prozent der Berechtigten dieses Angebot in Anspruch, viele kennen es gar nicht.

Lara Körber ist Mitgründerin von Bildungsurlauber.de, dem ersten bundesweiten Buchungsportal für Bildungsurlaub.

Welche Bildungsmaßnahmen gehören dazu?
Sprachkurse, Fortbildungen zum Erwerb beruflicher Kompetenzen, aber auch allgemeinbildende Kurse, zum Beispiel zu geschichtlichen Themen, oder gesundheitspräventive Angebote wie Yoga oder Rückenkurse. Alle Angebote müssen von den jeweils zuständigen Landesministerien zugelassen werden und feste Kriterien erfüllen: Hierbei werden Lernziele definiert und ein didaktisches Konzept ist Voraussetzung. Bildungsurlaub ist also nicht einfach nur “mehr Freizeit”, sondern eine ernsthafte Investition in die Zukunft von Arbeitnehmern.

Handelt es sich dabei nur um Präsenzveranstaltungen?
Mittlerweile gibt es durch die Coronapandemie auch einige Bundesländer, die digitale Angebote zulassen. Das ist auch gut so. Andererseits besteht ein wichtiger Aspekt des Bildungsurlaubs gerade darin, die übliche Umgebung zu verlassen, mit anderen Menschen zusammenzutreffen und neue Erfahrungen zu machen. Ich persönlich würde daher eher Präsenzangebote vorziehen.

Das Recht auf Bildungsurlaub
14 von 16 Bundesländern räumen Arbeitnehmern Anspruch auf fünf bis zehn Tage bezahlten Bildungsurlaub ein. Die Bildungsangebote müssen dafür von den Ministerien anerkannt sein, aber keinen Bezug zur beruflichen Tätigkeit aufweisen. Sie werden von den Nutzern selbst gezahlt. Interessierte müssen den Antrag auf Bildungsurlaub vier Wochen vorher beim Arbeitgeber einreichen. Normalerweise kann Bildungsurlaub nur bei dringenden betrieblichen Gründen wie Personalmangel abgelehnt werden, die genauen Regelungen unterscheiden sich allerdings je nach Bundesland.

Wie kann man diese Bildungsangebote den Chefs vermitteln?
Da ein Rechtsanspruch auf Bildungsurlaub besteht, kann der Chef es nur unter bestimmten Bedingungen ablehnen. Es ist natürlich trotzdem sinnvoll, sich mit Vorgesetzten und Kollegen abzustimmen. Wenn es bei dem Bildungsangebot um berufsnahe Kompetenzen geht, ist das meist einfach zu vermitteln. Aber auch präventive Gesundheitskurse tragen letztlich dazu bei, die Arbeitsleistung zu steigern und Ausfällen vorzubeugen. Und noch ein Vorteil: Bildungsurlaub trägt dazu bei, das Lernen nicht zu verlernen. Denn im Berufsleben lernt nicht jeder von uns täglich etwas Neues oder hat die Zeit dazu.

Was kann man machen, damit solche Bildungstage besser akzeptiert werden?
Wir brauchen eine neue Arbeitskultur. In Zeiten von New Work müssen Arbeitgeber anfangen umzudenken und ihren Mitarbeitern ermöglichen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Letztlich zahlt sich das aus, denn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dieses Vertrauen genießen, sind motivierter.

Ist der Begriff „Bildungsurlaub“ nicht etwas unzeitgemäß?
Natürlich hat der Urlaubsbegriff den Nachteil, dass er beim Arbeitnehmer Rechtfertigungsdruck aufbauen kann. Einige Bundesländer bezeichnen den Bildungsurlaub deshalb auch als Bildungszeit oder Bildungsfreistellung, das klingt weniger kontrovers. Andererseits: Ist es denn so schlimm, wenn Lernen Spaß macht? Fakt ist ja, dass es sich bei Bildungsurlaub um keine herkömmlichen Urlaubstage handelt, sondern um gesetzliche Weiterbildungen – die unter anderem eben auch die gesundheitliche und mentale Gesundheit fördern. Wir müssen in dieser Hinsicht anfangen, umzudenken und Mitarbeiterförderung ganzheitlicher begreifen. Davon haben letztlich alle etwas – auch die Arbeitgeber.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 2/2021, S. 28-29, www.bildungspraxis.de

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