Wandel der Arbeitswelt: „Wir sind menschlicher geworden.“
Im Interview berichtet Cawa Younosi, Personalchef bei SAP Deutschland, wie die Pandemie die Arbeitswelt verändert, inwiefern Empathie eine Rolle spielt und welche Trends sich langfristig fortsetzen werden.
04.05.2021 Bundesweit Artikel Sahra AminiHerr Younosi, wie hat sich der Arbeitsalltag von Mitarbeitenden bei SAP durch die Pandemie verändert?
Im Großen und Ganzen waren wir bei SAP als digitales Unternehmen die mobile Arbeit im Homeoffice gewohnt. Schon vor der Pandemie haben die Kolleginnen und Kollegen im Schnitt zwei Tage von zu Hause gearbeitet. Dennoch war es eine riesige Herausforderung, die Belastung durch die Arbeit und die Belastungen durch die Pandemie gleichzeitig zu bewältigen. Alles, was digitalisiert werden konnte, haben wir digitalisiert, insbesondere unsere HR-Prozesse sowie die Learning- und Support-Angebote für unsere Mitarbeitenden. Früher haben Events wie Lesungen und Kochabende physisch stattgefunden, jetzt läuft alles virtuell. Da zeigt sich eine Chance der Digitalisierung: Sie ermöglicht ein inklusives Miteinander, und zwar ortsunabhängig.
Welchen Einfluss hat die fortschreitende Digitalisierung auf die Work-Life-Balance?
Sie ist Fluch und Segen zugleich. Vieles wird niedrigschwelliger, wenn die technischen Grundvoraussetzungen vorhanden sind. Der Fluch ist, dass man darauf achten muss, sich nicht selbst auszubeuten und zu wissen, wann man den Rechner runterfahren sollte. Deswegen haben wir bereits 2018 das SAP 4 You-Programm ins Leben gerufen, das größte Achtsamkeitsprogramm in der deutschen Industrie. Das Ziel ist es, den Kolleginnen und Kollegen den Umgang mit Flexibilität, neuen Medien und der Informationsflut beizubringen. Letztes Jahr haben über 15.000 Mitarbeitende alleine in Deutschland teilgenommen.
Die Mitarbeitenden bei SAP sind trotz der aktuellen Belastungen zufrieden, wie der „Employee Engagement Index“ zeigt. Können Sie aus Ihren Erfahrungen Tipps ableiten, die auch für Führungskräfte in Schulen und Kitas gelten? Führungskräfte haben eine Doppelbelastung in der Pandemie. Sie müssen ihr eigenes Leben in dieser Situation managen und gleichzeitig für die Mitarbeitenden da sein. Hinzu kommen die Business-Anforderungen. Wir haben die Führungskräfte von Anfang an unterstützt, indem wir den Druck rausgenommen haben. Eltern mussten nicht arbeiten, wenn sie sich im Homeschooling um ihre Kinder kümmerten. Es gab keine Lohnkürzungen und sie mussten auch keinen Urlaub nehmen. Die Führungskräfte haben ihrerseits versucht, viel mit ihren Teams zu kommunizieren und Empathie zu zeigen. Das hat dazu geführt, dass die Kolleginnen und Kollegen bisher relativ unbeschadet durch die Krise gekommen sind.
Welche Rolle spielen Fortbildungen und Schulungen bei der Bewältigung der Pandemie?
Das lebenslange Lernen war schon immer wichtig. Durch die rapide Geschwindigkeit, in der sich Technologien verändern, erhält es eine zunehmende Bedeutung. Deswegen haben wir unsere Trainingsangebote schon vor der Pandemie ausgeweitet und allein letztes Jahr 110 Millionen Euro für interne Trainings ausgegeben. Die Pandemie haben viele Mitarbeitende genutzt, um Weiterbildungen zu machen. Vor allem die Themen Achtsamkeit, Selfcare und Wellbeing werden häufig in Anspruch genommen.
Welche Entwicklungen aus der Pandemie werden sich langfristig durchsetzen?
Die Flexibilität im Hinblick auf den Arbeitsort wird zunehmen. Der Anteil der Arbeit, die nicht im Büro erbracht wird, wird nochmal steigen. Was sich ebenfalls fortsetzen wird, ist die Vermenschlichung der Arbeitswelt. Ich bin nicht mehr nur Cawa, sondern gleichzeitig Familienvater, vielleicht auch Hunde- oder Katzenbesitzer, man weiß, wie meine Wohnung aussieht. Kurz: Wir sind menschlicher geworden. Dafür muss man sich nicht entschuldigen, sondern kann offener mit den Kolleginnen und Kollegen und den Führungskräften über private Hindernisse und Wünsche sprechen. Diese Themen, die schon früher in guten Unternehmenskulturen gelebt wurden, werden sich durchsetzen.
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