Bildung in Österreich und der Schweiz
(imi). Österreich und die Schweiz müssen ihre Bildungsanstrengungen deutlich verstärken. Das hat Andreas Schleicher, PISA-Erfinder und internationaler Koordinator der Vergleichsstudie, den beiden Ländern Ende 2006 ins Klassenbuch geschrieben. Vor welchen Veränderungen stehen nun die Bildungssysteme unserer Nachbarländer Österreich und Schweiz? – Ein Überblick.
07.06.2007 ArtikelWer immer sich in Deutschland mit der Entwicklung der Schullandschaft als Folge der PISA-Ergebnisse befasst, kommt an den Hinweisschildern zu erfolgreichen PISA-Ländern wie Finnland und Frankreich nur mit Mühe vorbei. Ein Blick auf unsere Nachbarländer Schweiz und Österreich ist jedoch mindestens ebenso interessant. Wie in Deutschland ringen auch dort die Verantwortlichen im Bildungssektor um Qualitätssteigerung, Evaluation und mehr Chancengerechtigkeit. Sie wägen das Für und Wider von längerem gemeinsamem Lernen ebenso ab wie frühere Sprachförderung, selbstständige Schulen und veränderte Zuständigkeiten auf der Bundesebene. Und: In beiden Ländern hat das zum Teil mäßige Abschneiden der Schülerinnen und Schüler am Selbstverständnis der beiden Nationen gerüttelt und Reformen angestoßen.
Der Nachholbedarf ist da. Während zum Beispiel die meisten OECD-Länder die Ausgaben für Bildung steigerten, ging Österreichs Anteil zurück. Hier konnte sich zwar die Schweiz insgesamt über einen Spitzenplatz (Platz 4) freuen, ihre Ausgaben im Vorschulbereich sind aber wiederum so gering, dass Schleicher rät, "hier deutlich mehr zu investieren, um den vergleichsweise deutlichen Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft abzumildern."
"Stille Revolution" in der Schweiz
Knapp ein Jahr ist es her, da sprach sich die Schweizer Bevölkerung in einem Volksentscheid für eine Reform des Schulsystems aus. Bis dahin waren – ähnlich wie in Deutschland die Bundesländer – die einzelnen Kantone für das Schulsystem in ihrem Verantwortungsbereich zuständig. Doch Schlagzeilen wie "Schlechte Noten für Schweizer Schüler" oder "Schweizer Schüler sind nur Mittelmaß" rissen das Land nach dem 17. und 18. Platz der internationalen Rankings aus seinem "Kantönligeist". Nun ist es das Ziel der Schweizer Bildungsverfassung, die verschiedenen Bildungswege und die Anerkennung der Abschlüsse zu harmonisieren. Von einer "stillen Revolution" wird seitdem gesprochen.
Einbindung von Bildungsexperten in Österreich
Eine möglicherweise weniger stille Revolution könnte sich in Österreich ankündigen. Dort wurde bereits die durchschnittliche Klassenstärke von 30 auf 25 Kinder reduziert. Unterrichtsministerin Claudia Schmied hat den Bildungsexperten Günter Haider wieder in den Mittelpunkt der österreichischen Debatte um eine verbesserte Bildungspolitik geholt. Der österreichische PISA-Chef war bei der Vorgänger-Regierung in Ungnade gefallen, weil er die zögerliche Umsetzung der Expertenvorschläge kritisiert hatte.
Nun soll es seine Aufgabe sein, die in Österreich ausgearbeiteten Studien und Vorschläge zur Qualitätssteigerung zu analysieren und auf Umsetzbarkeit zu prüfen. Auch in das neu zu gründende Bundesinstitut, das 2008 einen Bildungsbericht mit einer Wirkungsanalyse des Bildungssystems vorlegen soll, wird er an maßgeblicher Stelle eingebunden werden. Rainer Domisch, als Botschafter des finnischen Schulsystems in ganz Europa ein gefragter Mann, sieht bereits eine Chance, dass "die neue Ministerin dabei ist, Wege zu einem längeren gemeinsamen Lernen zu öffnen." Auch ein Einstieg in ein Gesamtschulsystem wird in Österreich auf Ministerebene diskutiert.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Obwohl sie aufgrund ihrer Vielgliedrigkeit oft in einem Atemzug genannt werden, unterscheiden sich die Schulsysteme Österreichs, der Schweiz und Deutschlands in einzelnen Punkten wesentlich. Nach der vierjährigen Volksschule geht es in Österreich auf zwei Zweigen weiter: der Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS) und der Hauptschule. Letztere ist in drei Leistungsgruppen unterteilt, wobei die stärkste Leistungsgruppe nach dem gleichen Lehrplan wie in den AHS unterrichtet wird. Dies erleichtert – bei entsprechendem Lernerfolg – den Übergang zur AHS und schlägt sich dort in einer hohen Zahl von Sekundarstufe-II-Abschlüssen nieder. Innerhalb der AHS wird unterschieden zwischen humanistisch orientierten Gymnasien und naturwissenschaftlichen und wirtschaftskundlichen Realgymnasien. Die Zuständigkeit für das Bildungswesen liegt beim Bund.
Vielleicht liegt – frei nach dem Erkenntnistheoretiker David Hume – nicht nur Schönheit, sondern auch Bildung im Auge des Betrachters. Wenn Österreich und die Schweiz sich ebenso wie Deutschland auf den Weg machen, mittels Bildungsstandards und Lernstandserhebungen Vergleichbarkeit und Überprüfbarkeit von Lehr- und Lernleistungen herzustellen, so kann man davon ausgehen, dass sich die messbaren Leistungen der Schülerinnen und Schüler steigern werden.
Der auffälligste Unterschied zur Schweiz liegt in der Dauer der Primarstufe von sechs Jahren – zumindest in den meisten Kantonen. Weil das Schulsystem in der Schweiz kantonal geregelt ist, variieren die Schulsysteme sehr stark und sind kaum vergleichbar. Selbst Einschulungsalter und Dauer der Primar- und Sekundarstufen können sich von Kanton zu Kanton unterscheiden.
Und hier liegt auch die größte Bildungs-Baustelle der Schweiz: Unter dem Projektnamen HarmoS wird seit fünf Jahren an der äußeren Vereinheitlichung der Schulsysteme gearbeitet. 2008 soll sie verbindlich werden. Unter anderem werden Basisstufen aufgebaut, die den Kindergarten und die Schuleingangsstufe vereinen. Dann startet Teil zwei der Reform: Standards und Überprüfbarkeit von Lern- und Lehrleistungen. Bereits in diesen Wochen finden erste Tests als Probeläufe statt. Ziel ist es, für die vier Kernbereiche Erstsprache, Fremdsprache, Mathematik und Naturwissenschaften Kompetenzmodelle zu erarbeiten, in denen ein Raster von verschiedenen Anforderungsstufen Vorgaben für Bildungsstandards macht. Diese sollen die kantonalen Lehrpläne nicht ersetzen, aber fokussieren und verbindliche, konkrete Anforderungen formulieren. Bis 2011 sollen die Bildungsstandards ein nationales Bildungsmonitoring ermöglichen.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
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