Der Ehrengast China der Frankfurter Buchmesse im Spiegel der Literatur

Die aktuelle Diskussion zeigt: Wir sind voller Fragen an China – und nächste Woche haben wir die Gelegenheit, sie China direkt zu stellen. "Es ist wichtig, dass das offizielle China Stellung zu westlichen Werten bezieht, sein Selbstverständnis schärft – und, indem es einen Schritt auf uns zugeht, auch uns dazu herausfordert, unser Selbstverständnis zu schärfen", sagt Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. Seit 1976 lädt die Frankfurter Buchmesse Länder und Regionen ein, ihre Literatur in Frankfurt zu präsentieren. Seit 1988 wird der Auftritt jeweils von dem Land selbst inhaltlich verantwortet und finanziert.

07.10.2009 Pressemeldung Frankfurter Buchmesse

Heftige Diskussionen gab es im Vorfeld bei einigen Ehrengästen, Beispiele sind die Türkei (2008), Korea (2005) oder die Arabische Welt (2004). "Im Nachhinein hat sich immer bestätigt: Es war wichtig und richtig, dass die Frankfurter Buchmesse diese Impulse gesetzt hat und nicht den Weg des geringsten Widerstandes gegangen ist", so Thomas Minkus, Sprecher der Frankfurter Buchmesse. Oder, wie es der chinesische Künstler Ai Weiwei formulierte: "Es ist besser, wenn Dinge passieren, als wenn sie nicht passieren!" Rund 300 Verlage und Agenten haben sich aus Festland-China, aus Macao und Hongkong angekündigt. Rund 20 Aussteller aus Taiwan präsentieren sich auf der Messe. Aus der Volksrepublik China allein werden insgesamt gut 2.000 Gäste erwartet, darunter Autoren, Journalisten, Verleger.

Meinungsstark: Verlage, NGOs, Autoren und Vereine melden sich zu Wort

Frankfurt zeigt das offizielle China, aber auch Hunderte von Gesichtern des anderen Chinas: das Gesicht des chinesischen Exils, der Dissidenten, und nicht zuletzt die Sicht des Westens auf China. Genau das ist das Ehrengast-Prinzip: der Dialog – die geistige Auseinandersetzung mit den Mitteln des Wortes. Über 230 Veranstalter bieten insgesamt gut 500 Veranstaltungen zum Thema China rund um die Buchmesse. Rund die Hälfte davon wird von Institutionen, Verlagen, Vereinen und Nichtregierungsorganisationen organisiert, die andere Hälfte vom staatlichen Organisationskomitee Ehrengast China. Die Frankfurter Buchmesse selbst stellt mit dem Forum Dialog (Halle 6.1 E 913) und dem Internationalen Zentrum (Halle 5.0 D 901) zwei zentrale Orte des Austauschs auf dem Messegelände, mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes.

Die Nähe von Literatur und Politik wird in zahlreichen Veranstaltungen auf der Messe deutlich. Der in Paris lebende Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian wird mit dem in London lebenden Lyriker Yang Lian über das Leben und Schreiben in zwei Kulturen sprechen. Eine Diskussion über Meinungsfreiheit am Beispiel Chinas führt u.a. der uigurische P.E.N.-Präsidenten Abdulrusul ÖzHun, der in Schweden im Exil lebt. Die Präsidentin des uigurischen Weltkongresses Rebiya Kadeer wird auf der Messe erwartet. Das Thema Tibet wird in zahlreichen Veranstaltungen behandelt, so in der Lesung am Messe-Sonntag unter dem Motto "Die verbotene Lesung" oder in der Diskussion "Tibet abgebloggt – Chinas Angst vor der Meinungsfreiheit" der Tibet-Initiative Deutschland, bei der auch der Abgesandte des Dalai Lama, Kelsang Gyaltsen, dabei sein wird. Das P.E.N.-Zentrum Deutschland wird in Halle 3.1 jeweils zur Mittagsstunde eine "chinesische Stunde" mit Autoren veranstalten, die dem Independent Chinese P.E.N.Center angehören. Bei dieser Veranstaltungsreihe geht es auch um Solidarität mit dem seit mehr als neun Monaten zu Unrecht inhaftierten Autoren Liu Xiaobo. Der in den USA lebende Gründer des Independent Chinese P.E.N. Bei Ling und die Umweltaktivistin und Autorin Dai Qing sind präsent im Internationalen Zentrum sowie im Forum Dialog.

Rund 50 chinesische Schriftsteller kommen nach Frankfurt, darunter etwa die Hälfte auf Einladung von Verlagen und individuellen Veranstaltern. Mit dabei sind Autoren wie Mo Yan, hierzulande durch die Verfilmung seines Romans "Das rote Kornfeld" bekannt. Jüngere Autoren wie Liu Zhenyun, Feng Li oder die Filmemacherin und Autorin Guo Xiaolu könnten eine Entdeckung für viele Leser werden. Vertreten sind Literaten aus dem Exil, vom Festland China, aus Hongkong, Taiwan und Macao. So etwa der Illustrator und Kinderbuchautor K. T. Hao aus Taiwan, der in Taiwan hoch populäre Chang Ta-Chun oder der Lyriker und Essayist Leung Ping-kwan aus Hongkong.

Die Nähe von Politik und Literatur zeigt das Werk des Erfolgsschriftstellers Yu Hua: Sein Roman "Brüder" um zwei ungleiche Brüder zu Zeiten der Kulturrevolution wurde mit Platz eins auf der Bestenliste "Weltempfänger" (www.litprom.de) ausgezeichnet. In Romanen des Schriftstellers Alai wie "Ferne Quellen" ist das Thema Tibet zentral. Der in London lebende Ma Jian hat mit seinem Roman "Peking Koma" das Massaker am Tiananmen-Platz verarbeitet. Über 400 deutschsprachige Neuerscheinungen aus mehr als 180 Verlagen werden zur Frankfurter Buchmesse aufgelegt. Mit ca. 60 belletristischen Titeln, über 20 Kinderbüchern und rund 30 Anthologien sowie über 250 Sachbüchern zu Sprache, Kultur, Geschichte, Politik und Reise ist klar: Die Neugier auf China ist groß. Zu sehen sind die Titel in der internationalen Buchausstellung "Books on China" im Forum (Ebene 1), die insgesamt über 2.500 Titel umfasst.

Das Ehrengast-Prinzip: Ansporn zum Dialog

Mehrere Jahre dauerten die Verhandlungen mit dem Ehrengast China, bis 2007 der Vertrag unterschrieben wurde. Erstmals seit der wirtschaftlichen Öffnung 1978 öffnet sich China seit einigen Jahren auch kulturell, mit der Gründung von Konfuzius-Instituten weltweit wirbt die Regierung für ein Verständnis von chinesischer Kultur. Im Land selbst erfasst die Privatisierung seit einigen Jahren erstmals auch die Verlagsbranche: Die über 570 staatlichen Verlage werden zunehmend über Börsengänge privatisiert, die über 10.000 privaten so genannten Kulturfirmen, die bislang ein Nischendasein führten, gestärkt. Das Internet unterstützt die Rolle der privaten Verleger, rund 20 Prozent der Bestseller stammen ursprünglich aus dem Netz. Auf der Frankfurter Buchmesse 2008 gab es erstmals einen Gemeinschaftsstand privater Verleger – ein eindeutiges Signal, dass China sich kulturell gegenüber dem Westen öffnen, seine Literatur vermitteln will. Damit einher geht eine gewaltige Anstrengung des Landes, in die Bildung seiner Einwohner zu investieren.

Das Ehrengast-Prinzip beruht seit 1988 darauf, eine Plattform für eine bislang unentdeckte Literatur bereitzustellen – und den verschiedensten Akteuren der Buchbranche damit Öffentlichkeit zu geben, sowie die Möglichkeit zum Austausch. Die Verantwortung für die Organisation und die inhaltliche Planung, aber auch für die Finanzierung des Auftritts, liegt bei dem jeweiligen Land. Die Frankfurter Buchmesse berät und koordiniert. Hinzu kommen Programme unabhängiger Veranstalter. Eigene Veranstaltungen der Frankfurter Buchmesse, wie die jährliche internationale Buchausstellung "Books on …", sowie das traditionelle Symposium im Vorfeld der Messe, welches den jeweiligen Ehrengast unter politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekten beleuchtet, sind die Ausnahme. "Die Frankfurter Buchmesse stellt die Plattform, öffnet neue Kommunikationskanäle und stellt die Literatur in den Fokus", so Buchmesse-Sprecher Thomas Minkus zur Rolle der Messe. Mit jeder Übersetzung wächst nicht nur die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Verlagen, sondern auch das kulturelle Verständnis zwischen Menschen – seien dies nun Literaturproduzenten oder Leser.

Über das Unternehmen

Die Frankfurter Buchmesse ist mit mehr als 7.000 Ausstellern aus über 100 Ländern die größte Buchmesse der Welt. Mit www.buchmesse.de unterhält sie das weltweit meist genutzte Portal für die Verlagsbranche. Sie organisiert darüber hinaus die Beteiligung deutscher Verlage an mehr als 25 internationalen Buchmessen. Die Cape Town Book Fair in Südafrika sowie die Abu Dhabi International Book Fair sind Partnermessen. Die Frankfurter Buchmesse ist ein Tochterunternehmen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

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