Die Altenrepublik

Deutschland altert. Immer mehr älteren Menschen stehen immer weniger junge gegenüber. Problem oder Chance? Was der demografische Wandel für die Gesellschaft bedeutet und wie wir uns darauf vorbereiten können...

21.04.2008 Pressemeldung mitmischen.de

Deutschland, altes Vaterland

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts wird im Jahr 2050 die Hälfte der Deutschen älter als 48 Jahre sein. Das hat zwei Gründe: Erstens werden immer weniger Kinder geboren, und zweitens werden wir immer älter.

Immer weniger Kinder, immer später

Beim Kinderkriegen ist Deutschland Schlusslicht in der Europäischen Union (EU). Mit 8,6 Lebendgeborenen pro 1.000 Einwohner hat Deutschland in der EU die niedrigste Geburtenzahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Seit den 1970er Jahren stagniert die Zahl der neugeborenen Kinder auf niedrigem Niveau: Im Schnitt bekommt heute jede deutsche Frau 1,4 Kinder. Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, müsste jede Frau mindestens zwei Kinder bekommen. Die Ursachen für die Kinderlosigkeit sind vielfältig. Die klassische Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern verliert immer mehr an Bedeutung. In einer leistungsorientierten Gesellschaft ist das Kinderkriegen keineswegs selbstverständlich: Frauen und Männer möchten auf ihre Berufstätigkeit nicht verzichten. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer ganz einfach. So ist beispielsweise jede dritte Frau des Geburtsjahrgangs 1965 kinderlos. Im Vergleich dazu blieb vom Jahrgang 1940 nur jede zehnte Frau ohne Nachwuchs.

Steigende Lebenserwartung

Im Gegensatz zur Geburtenrate ist die Lebenserwartung der Deutschen in den vergangenen 160 Jahren kontinuierlich gestiegen: Ein heute geborener Junge wird laut Statistischem Bundesamt knapp 77 Jahre alt, ein Mädchen sogar 82 Jahre. Hygiene und gute medizinische Versorgung sorgen in Europa für steigende Lebenserwartung - aber auch Wohlstand, ein höherer Bildungsstandard, gesündere Ernährung und verbesserte Arbeitsbedingungen tragen ihren Teil dazu bei.

Alte Gesellschaft, neue Bedürfnisse

Statt mit Bevölkerungswachstum ist in den kommenden Jahrzehnten also zunächst mit einer Zunahme des Anteils älterer Menschen und dann mit einem Bevölkerungsrückgang zu rechnen. Das Altern der Gesellschaft wirkt sich nicht nur auf die sozialen Sicherungssysteme und die Wirtschaft, sondern auch auf das Leben des Einzelnen und das gesellschaftliche Miteinander aus, zeigen sich die Demografie-Forscher überzeugt.

Belastung der Sozialsysteme

Demografisch gesehen befindet sich Deutschland momentan in einer günstigen Lage: Die geburtenstarken Jahrgänge stehen im Arbeitsleben und versorgen den Nachwuchs und die ältere Generation. Die sozialen Sicherungssysteme wie die gesetzliche Renten- und Pflegeversicherung werden stärker belastet, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und von der zahlenmäßig kleineren Nachfolgegeneration versorgt werden müssen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wird beispielsweise die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis 2030 um mehr als die Hälfte steigen.
Durch die demografische Verschiebung gerät der bewährte "Generationenvertrag" zwischen Jung und Alt ins Wanken: Heute versorgen drei erwerbstätige junge Menschen mit ihren Beiträgen einen Rentner. Setzt sich der Trend fort, wird im Jahr 2050 ein Erwerbstätiger auf einen Rentner kommen, prognostiziert das Statistische Bundesamt.

Wir werden länger arbeiten

Auch Einwanderer können das Problem nicht lösen: Wenn das heutige Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Rentnern für die nächsten 50 Jahre stabil bleiben sollte, müssten jedes Jahr mehrere Millionen Menschen einwandern. Deutsche Frauen gehen derzeit im Durchschnitt mit 60,4 Jahren, Männer mit 61 Jahren in Rente – das wird sich ändern, sagen die Gesellschaftsforscher voraus. Um den heutigen Versorgungsstandard zu halten, muss die Lebensarbeitszeit verlängert werden. Die Fachleute fordern Anreize für eine längere Berufstätigkeit, flexiblere Arbeitszeitmodelle und mehr private Altersvorsorge. Mit der "Riester-Rente" und der "Rente ab 67" hat der Staat erste Schritte in diese Richtung unternommen.

Auch die Wirtschaft ist betroffen

Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes beruht nach Überzeugung der Experten im Wesentlichen auf drei Faktoren: dem Produktionskapital, der Zahl der Arbeitskräfte und dem technischen Fortschritt. Seit Anfang der Neunziger Jahre stagniert in Deutschland die Zahl der Erwerbstätigen, bald schon wird sie sinken. "Wären die Über-50-Jährigen in Zukunft in ebenso geringem Maß am Arbeitsleben beteiligt wie heute, würde in Deutschland 2025 etwa neun Prozent weniger gearbeitet. Insgesamt würde das zu einem Verlust an Arbeitskraft führen", schreibt das Rostocker Zentrum für den demografischen Wandel. Auch die Innovationskraft unserer Gesellschaft ist nach Angabe der Rostocker Experten gefährdet: Ob eine alternde deutsche Gesellschaft im Hinblick auf technische Fortschritte und Innovationen mit den im Schnitt viel jüngeren Bevölkerungen in Frankreich, den USA, Indien oder China mithalten könne, sei fraglich.

Lebenslanges Lernen

Die negativen Folgen des demografischen Wandels können gemildert werden - so zum Beispiel durch kürzere Ausbildungszeiten und eine längere Lebensarbeitszeit. Die Unternehmen müssen sich nach Ansicht der Experten auf alternde Belegschaften einstellen. Das Potenzial älterer Menschen solle besser erforscht und gezielter eingesetzt werden. Den Anteil berufstätiger Frauen zu erhöhen, sei eine weitere Möglichkeit, bei abnehmender Bevölkerung die Zahl der Erwerbstätigen konstant zu halten, so die Fachleute. Verschiedene Seiten fordern darüber hinaus, dem lebenslangen Lernen mehr Raum zu geben und Erwerbstätige auch jenseits der 50 regelmäßig weiterzubilden. Die Unternehmen müssten lernen, qualifizierte Mitarbeiter zu binden, da sie in Zukunft Mangelware seien. Die wachsende Gruppe der Älteren wird aber nicht nur als Arbeitnehmer eine wirtschaftliche Rolle spielen, sondern auch als kaufkräftige Zielgruppe: Supermärkte, Autohersteller, Versicherungen und Reiseveranstalter überlegen schon heute, wie seniorengerechte Produkte aussehen können.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern

Dringend verbessert werden muss nach Ansicht der Forscher zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, damit mehr Kinder geboren werden. Je später ein junges Paar sein erstes Kind bekommt, desto größer ist laut Statistik die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Kind ohne Geschwister aufwächst. Umfragen zufolge wünschen sich deutsche Frauen im Schnitt zwei Kinder, bekommen aber nur 1,4. Kritisiert werden von vielen Seiten familienunfreundliche Strukturen - in den Unternehmen und bei der Kinderbetreuung. Flexiblere Arbeitszeiten könnten junge Eltern bei der Kindererziehung unterstützen. Ganztagsschulen ermöglichen beiden Elternteilen, ihrem Beruf nachzugehen und trotzdem mehrere Kinder zu haben. Mit dem im Januar 2007 verabschiedeten Gesetz zu Elterngeld und Elternzeit, dem Ganztagsschulprogramm und dem Ausbau der Kinderbetreuung hat die Politik erste Schritte unternommen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.

Deutschland ist ein Einwanderungsland

Nicht zuletzt muss Deutschland gezielt die Zuwanderung von gut ausgebildeten Migrantinnen und Migranten fördern, um auch in Zukunft genügend Fachkräfte zur Verfügung zu haben. Deutschland ist ein Einwanderungsland: Ausländer müssten jedoch besser als bisher in die Gesellschaft integriert werden, die Bildung und Ausbildung von Kindern mit Migrationshintergrund verstärkt gefördert und Chancengleichheit hergestellt werden, so die Experten. Da alle Industrieländer demografisch altern, werden sie zukünftig um qualifizierte Einwanderer konkurrieren. Und natürlich entscheiden sich die potenziellen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die Länder, die ihnen die besten Bedingungen für einen dauerhaften Aufenthalt bieten.

Orte, menschenleer

Weniger Einwohner führen zu Leerstand und Abriss von Wohnungen. Einzelne Regionen in Deutschland sind vom demografischen Wandel unterschiedlich stark betroffen. Während strukturschwache ländliche Regionen durch massive Abwanderung der jungen Menschen altern und schrumpfen, profitieren die Städte nach Ansicht der Experten. Sie fordern Kreise und Kommunen auf, frühzeitig Strategien zu entwickeln: Die Möglichkeiten reichen vom Wohnungsrückbau bis zur vollständigen Entsiedlung und Renaturierung mancher Regionen. Städte müssten attraktiver gestaltet werden für Familien, Kinder und ältere Menschen, um der Abwärtsspirale aus sinkenden Steuereinnahmen, leerstehenden Wohnungen, Überalterung und weniger Kaufkraft entgegenzuwirken.

Heute vorsorgen für die Zukunft

Ob der Wohnungs- und Straßenbau, die Produkte oder die Mitarbeiterstruktur der Unternehmen - vieles wird sich ändern. Reformen müssen jetzt eingeleitet werden, damit sie ihre Wirkung rechtzeitig entfalten können, darin sind die Bevölkerungswissenschaftler einig. Das erfordert Weitsicht und langfristige Planung. Länger leben und dabei immer weniger arbeiten – das war gestern. Unsere Gesellschaft steht vor Herausforderungen, die Jung und Alt nur gemeinsam meistern werden.

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