WORLDDIDAC

"Die Schule muss Autodidakten heranziehen"

(red) - Initiiert von der Schweizerischen Stiftung für audiovisuelle Bildungsangebote haben sich vom Januar bis Mitte Oktober 2010 rund 100 Experten in Online-Foren über die wichtigsten Bildungstrends ausgetauscht. Die Ergebnisse und die weiteren Schritte werden am 28. und 29. Oktober 2010 im Rahmen der WORLDDIDAC Basel diskutiert und einem breiteren Publikum vorgestellt. bildungsklick.de wollte von der Präsidentin der Stiftung und Vizepräsidentin der Worlddidac, Dr. Hanna Muralt Müller, im Vorfeld der Messe mehr über diese Bildungstrends wissen.

18.10.2010 Artikel
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Frau Muralt Müller, Ihre Stiftung organisiert das Swiss Forum for Educational Media, SFEM, das auf der WORLDDIDAC Basel stattfindet. Was ist Ziel dieses Forums?

Hanna Muralt Müller: Wir haben bereits drei Tagungen zum Thema Bildungsmedien durchgeführt, als uns die Idee für ein neues, einzigartiges Konzept kam: nämlich die Organisation einer Tagung als Begegnungsort in einer offenen Netzwerkkommunikation. Dazu haben wir zehn priorisierte Bildungstrends zur Diskussion gestellt. Und zwar in Internetforen parallel in deutscher und französischer Sprache, moderiert von 20 Moderatoren, die dann rechtzeitig zur Messe die Ergebnisse zusammenfassen.

Können Sie denn vorab bereits über Ergebnisse oder Trends berichten?

Hanna Muralt Müller: Wir haben die Themen jetzt in fünf Bereiche gebündelt. Es geht um folgende Fragen: 1. Welches Wissen müssen wir uns erarbeiten, welches ist nicht mehr so wichtig und wo können wir uns einfach auf das Internet stützen? 2. Was ist die Rolle der Lehrenden und wie kann die Schule auf das wirkliche Leben vorbereiten? Da gibt es bereits eine klare Antwort: Die eigentliche Aufgabe der Schule muss sein, bestmögliche Autodidakten heranzuziehen, weil wir nicht wissen, was diese Schülerinnen und Schüler in 10 oder 20 Jahren brauchen. Und 3. Was heißt das eigentlich, wenn wir mit dem Internet so viel Wissen jederzeit verfügbar haben wie Luft zum Atmen? Werden wir ein Anhängsel eines kollektiven Hirns und wie gehen wir damit um? Dann 4. das Thema der Zertifikate oder Diplome versus informell erworbenes Wissen. Dr. Pieter de Vries von der Technischen Universität Delft, der auch in Basel referieren wird, hat ja nachgewiesen, dass 80 Prozent des Wissens, das Berufstätige brauchen, informell erworben wird. Im Nachgang zu formalen Ausbildungsgängen muss also noch sehr viel hinzugelernt werden. Daraus folgen neue Fragen: Worauf stützen sich künftige Arbeitgeber bei Anstellungen? Und wie muss das Benotungssystem, das jetzt die Schule prägt, gewichtet werden? Und schließlich 5. Wenn informelles Wissen immer wichtiger wird, muss es dann nicht evaluiert oder dargestellt werden? Kann und soll dies mit einem Portfolio erfolgen, in dem lebenslang nachgewiesen wird, was die Menschen wann und wo an Wissen und Kompetenzen erworben haben? Einzelne Schulen haben schon damit begonnen.

"Es muss in den Köpfen beginnen"

Wenn ich das alles zusammen betrachte, klingt es ein wenig nach Revolution im Bildungswesen …

Hanna Muralt Müller: Revolutionen zielen auf Strukturveränderungen. Darum geht es uns nicht. Wir wollen Mentalitäten verändern. Wir haben viele Strukturreformen in der Schweiz und die Lehrpersonen beklagen sich über die Reformintensität, die sie eigentlich überfordert. Es muss in den Köpfen beginnen. Und mit diesen Veränderungen kann jeder Lehrer sofort anfangen. Wer sich bewusst ist, dass er Schülerinnen und Schüler vor sich hat, die er für das Leben ausbilden muss, wird sich überlegen, mit wie viel Stoff sie überhäuft werden sollen. Die Lehrperson wird sich überlegen, was die Jugendlichen können müssen und dann kommt sie sehr viel rascher dazu, ihnen Orientierungshilfen zu geben, sie zum selbstständigen Lernen zu befähigen und zu ermutigen sowie ihr kreatives Potenzial zu fördern. Wir sind überzeugt, wenn Lehrpersonen mit dieser Erkenntnis vor die Klasse treten, ändert sich ihr Unterricht.

Das heißt auch, die Rolle des Lehrers wird sich verändern?

Hanna Muralt Müller: Es wird zum Beispiel viel stärker in Arbeitsgruppen gearbeitet. Wir haben ja bereits fantastische Beispiele in der Schweiz: Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Pädagogischen Hochschule Schwyz nutzt eine Klasse 11-Jähriger in Goldau das iPhone als Lernhilfe. Das Projekt ist im deutschsprachigen Raum und vermutlich auch europaweit einmalig. Und es hat Erfolg. Die Schülerinnen und Schüler werden zum selbstständigen, selbst organisierten Lernen geführt.

Wie gehen denn die Schüler mit dem Mehr an eigener Verantwortung um?

Hanna Muralt Müller: Es kamen Argumente wie "Was, Kindern werden Handys abgegeben, obwohl man die doch eigentlich in der Schule verbieten sollte? Und was, wenn die Pornos schauen?". In diesem Projekt wurde voll auf die Selbstverantwortung und die Erziehung dazu gesetzt und festgestellt, dass sich die Schülerinnen und Schüler an die Vorgaben hielten – zumindest was das kontrollierte Schul-Handy anbelangt. Es gehört mit dazu, dass die Jugendlichen ihre Selbstverantwortung auch spüren müssen. Aber dieser Mentalitätswandel braucht Zeit und Spielraum. Deswegen ist auch eine Forderung aus der Forendiskussion sehr zentral: Gebt den Lehrpersonen, die die neuen Bildungsmedien nutzen wollen, mehr Spielraum.

Aber dem stehen – zumindest in Deutschland – Verordnungen, Rahmenrichtlinien und Lehrpläne im Wege. Ist das in der Schweiz anders?

Hanna Muralt Müller: Das ist in der Schweiz auch so. Aber das Interessante ist, dass die Stoffvermittlung nicht leidet, wenn projektbezogen anders unterrichtet wird. Vielfach lernen Schülerinnen und Schüler viel intensiver, wenn sie für ihr Lernen mehr Verantwortung übernehmen müssen, als wenn ihnen etwas vorgetragen wird und dann an ihnen alles abläuft wie Wasser übers Gefieder von Enten. Wir wollen ja nicht schlechter ausgebildete Schulabgänger, wir wollen besser ausgebildete. Und: Jedes Kind sollte ein modernes Tool haben, um damit lernen zu können, gleichgültig, ob das nun ein Laptop ist oder ein iPhone. Man darf den Kindern natürlich nicht einfach nur das Tool in die Hand drücken, sondern muss sie mit Medienerziehung begleiten.

Was werden denn die deutschen Besucher – insbesondere die Lehrer - von der Worlddidac und dem SFEM mitnehmen können?

Hanna Muralt Müller: Sie werden Leute kennenlernen, die versuchen, umzusteuern, die bereits einen Mentalitätswandel vollzogen haben. Sie lernen von den Erfahrungen, die andere, die Trendsetter, schon gemacht haben. Diese sind froh, wenn andere ihre Ergebnisse nutzen, denn dann kommt in einer Community immer auch etwas zurück. Die Lehrpersonen können erkennen, dass sie nicht auf die Reform von oben warten müssen, denn es muss im Kopf und bei ihnen selber beginnen. Und wir würden uns freuen, wenn wir in den Internetforen, die nach der Messe fortgesetzt werden, auch Deutsche begrüßen könnten.


Zur Person

Dr. Hanna Muralt Müller wirkt seit Herbst 2005 als Präsidentin der Schweizerischen Stiftung für audiovisuelle Bildungsangebote, SSAB (www.ssab-online.ch). Die SSAB trägt zur Umsetzung der bundesrätlichen Strategie für eine Informationsgesellschaft bei. Darin wird die Vernetzung aller Partner zur verstärkten Nutzung der webbasierten Bildungsmedien gefordert. Ein wichtiges Aktionsfeld der SSAB ist die Organisation des Swiss Forum for Educational Media, SFEM. (www.educationalmedia.ch). Hanna Muralt Müller wirkt zudem als Vizepräsidentin der Worldididac, dem einzigen global tätigen Verband der Lehrmittelfirmen und der Unternehmen im Bereich Bildung und Ausbildung. Sie war von 1991 bis 2005 Vizekanzlerin der Schweizerischen Eidgenossenschaft und initiierte und koordinierte verschiedene Projekte im Bereich des E-Government. Mehr Information auf: www.muralt-mueller.ch.

Über die WORLDDIDAC

Bildungsfachkräfte aus aller Welt reisen vom 27. bis 29. Oktober 2010 an die WORLDDIDAC Basel und informieren sich über Trends und Innovationen in der Bildung. Die WORLDDIDAC Basel ist die zentrale Informations- und Weiterbildungsplattform für Lehrpersonen und Pädagogen aller Schulstufen, Bildungspolitiker, Schulleiter und Entscheidungsträger. Das Angebot der internationalsten Bildungsmesse in Basel deckt alle Bereiche von der Frühpädagogik über die einzelnen Schulstufen bis hin zur beruflichen Aus- und Weiterbildung ab. Worlddidac hat 200 Mitglieder in 48 Ländern auf 5 Kontinenten und organisiert zusammen mit der Messe Basel jedes zweite Jahr die internationale Bildungsmesse WORLDDIDAC Basel (www.worlddidac.org; www.worlddidacbasel.com/).


Mehr zum Thema


Weiterführende Links

  • Die zehn Foren "Educational Trendspotting"
  • WORLDDIDAC
  • Projektschule Goldau - Das iPhone Projekt
  • Homepage Dr. Hanna Muralt Müller

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