Ergebnisse der Tagung "Bildungspolitische Strategien heute und morgen rund um das Mare Balticum"
Der Ostseeraum gilt als innovativste Region Europas und wirtschaftlich sehr starke Region, die ihr Potential noch nicht annähernd ausgeschöpft hat. Die INTERGROUP des Europäischen Parlaments bezeichnet diesen Raum als eine Region mit Zukunft und Weltgeltung, als kraftvoller, produktiver, leistungsfähiger und profitabler Pfeiler der EU mit verbindender Identität. Zugleich zeichnen sich aber auch umwälzende Entwicklungen ab, die die wirtschaftliche Dynamik des Ostseeraumes stark begrenzen können und ein verstärktes Engagement insbesondere in der Bildungspolitik verlangen.
22.10.2010 Pressemeldung Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung (BSFB)In den kommenden 20 Jahren wird die Zahl der Erwerbspersonen mit Ausnahme von Schweden in allen anderen Ostseeländern zwischen 5% - 18% abnehmen und fällt in Deutschland mit -12% doppelt so hoch aus wie der Durchschnitt aller EU-Länder. Es wird geschätzt, dass allein in Hamburg in den kommenden 10 Jahren rund 100.000 Fachkräfte fehlen werden.
Zukünftig wird der starke Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung eine erhebliche Herausforderung für den Ostseeraum darstellen. Der bestehende und sich verschärfende Mangel an Unternehmern und Fachkräften bremst die Wachstumsdynamik. Die Sicherung eines Nachwuchses mit guten Qualifikationen und hohe Innovationen werden für den Mittelstand im Ostseeraum zur Überlebensfrage.
Im Rahmen der aktuell laufenden Erörterung der EU Ostseestrategie hat die Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung die Koordinierung für den Teil "Bildungspolitik" übernommen, das Hanse-Parlament führt dazu ein großes Demonstrations-Projekt durch. Auf Einladung der Behörde für Schule und Berufsbildung, des Hanse-Parlaments und der Baltic Sea Academy diskutieren und entwickeln seit dem 20. Oktober rund 150 Wissenschaftler, Unternehmer und Experten aus allen Ostseeländern (einschließlich Russland und Weißrussland) bildungspolitische Strategien für die Zukunftsgestaltung des Ostseeraumes.
Die gesamten Ergebnisse der Hanse-Tagung werden in einem Buch veröffentlicht. Auf dieser Basis wollen außerdem das Hanse-Parlament und die Baltic Sea Academy bis Ende 2011 ein ostseeweites bildungspolitisches Strategiekonzept entwickeln und vorlegen, das von der mittelständischen Wirtschaft aller Länder gemeinsam getragen werden soll.
Erste Ergebnisse der Konferenz sind nachstehend dargestellt.
Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Konferenz
- Verstärkte Zuwanderungen in den Ostseeraum sind erforderlich; attraktive Bildungsangebote sind dazu ein entscheidender Faktor. Vor allem muss aber auch das einheimische Potenzial viel besser ausgeschöpft werden. Bildungspolitik muss dafür sorgen, dass der Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss sowie der nicht ausbildungsfähigen Jugendlichen deutlich gesenkt wird.
- Die beachtlichen Chancen des Ostseeraumes können bei höchsten Innovationen und herausragenden Qualifizierungen genutzt werden. Die Anforderungen der Unternehmen an den Nachwuchs und die Leistungen der Ausbildung sind hoch und weiter wachsend. Personal-soziale Kompetenzen sind ebenso wichtig wie Faktenwissen
- Das tradierte Bildungsideal muss zu einer Bildung weiterentwickelt werden, die alle Sinne anspricht und alle geistigen, musischen und manuellen Fähigkeiten gleichermaßen fördert. Schulische Bildung darf nicht zu einer Gleichmacherei führen. Ein noch viel stärker individualisierter Unterricht mit persönlichen Lernzielen und -erfolgen ist dringend geboten.
- Die frühkindliche Bildung muss nach dem Vorbild einiger weniger Ostsee-länder stark ausgebaut werden. Dazu gehören besonders ausreichende Kindergartenplätze und eine gute vorschulische Bildung .
- Schulstrukturen allein legen den Bildungserfolg nicht fest, , auch ein gegliedertes Schulsystem kann bei höchster Durchlässigkeit gute Erfolge erzielen. Langes gemeinsames Lernen ist keine Voraussetzung für gute schulische Bildung, erleichtert jedoch die Vermittlung personal-sozialer Kompetenzen und fördert nachhaltig Integration. Die Erfolge in den meisten Ostseeländern sprechen eher für ein möglichst langes gemeinsames Lernen.
- Die Attraktivität der beruflichen Ausbildung ist in den Ostseeländern sehr stark abgesunken und hat in einigen Ländern mit einem Anteil von 10 - 15% der Schulabgänger, die eine berufliche Ausbildung durchlaufen, ein erschreckend niedriges Ausmaß erreicht. Das System der dualen Berufsausbildung in Deutschland gilt noch immer als Vorbild. Aber auch hier haben im Handwerk Attraktivität und Beteiligung stark nachgelassen. Während z. B. im Hamburger Handwerk bis Anfang der neunziger Jahre jährlich bis zu 6.000 Auszubildende neu anfingen, ist diese Zahl mittlerweile auf unter 2.800 abgesunken.
- Die Einführung von ostseeweit einheitlichen Zugangsvoraussetzungen zur Berufsausbildung, die berufsspezifisch festgelegt werden, ist erstrebenswert. Für lernschwächere Jugendliche müssen spezifische Wege der beruflichen Ausbildung mit vollständiger Durchlässigkeit geschaffen werden. Für diese Personen müssen gemäß den Förderansätzen in Norwegen auch viel stärker zweite Chancen eröffnet und unterstützt werden.
- Die Berufsbildung ist zu stark von weiterführenden Bildungsbereichen abgekoppelt und führt schnell in Sackgassen hinein. Eine vollständige Durchlässigkeit innerhalb der beruflichen Bildung sowie zwischen dieser und der Hochschul-bildung mit fließenden Übergängen und Anrechnungsmöglichkeiten ist dringend geboten. Dazu zählt auch nach dem Beispiel einiger Ostseeländer die ostseeweite Berechtigung zum Studium mit Gesellen- oder Facharbeiterabschluss.
- Es kommt zu einem steigenden Wettbewerb um qualifizierte Jugendliche zwischen Mittelstand, größeren Unternehmen, Universitäten/Hochschulen und Verwaltungen. Dabei drohen kleine und mittlere Unternehmen, die im Ostseeraum etwa 70% aller Arbeitsplätze stellen, zum Verlierer und auf untere Niveaus abgedrängt zu werden.
- Jugendliche entscheiden sich gegen eine Berufsbildung und bevorzugen ein Studium. Weil die Studiengänge oft zu theoretisch und zu wenig auf die Praxisbelange des Mittelstands ausgerichtet sind, werden Befürchtungen geäußert, dass trotz hoher Studentenzahlen kein ausreichender Unternehmer- und Fachkräftenachwuchs gewonnen werden kann. Duale Studiengänge, die eine berufliche Ausbildung oder Tätigkeit mit einem Studium verbinden, müssen auf breiter Basis etabliert werden.
- Auslandsaufenthalte während der beruflichen Ausbildung und Tätigkeit fördern die zunehmend wichtiger werdenden internationalen Kenntnisse und Erfahrungen sowie zugleich personal-soziale Kompetenzen. Die ostseeweite unbürokratische Anerkennung von beruflichen Aus- und Weiterbildungs-abschlüssen wird von vielen Ostseeländern gefordert, scheitert bislang aber auch an Barrieren und Vorbehalten in Deutschland.
- Weiter sinkende Transport- und Kommunikationskosten erhöhen die Mobilität der Produktionsfaktoren. Unternehmen wandern zu attraktiven Standorten mit hohem Fachkräftepotential und Arbeitskräfte zu Standorten mit attraktiven Bildungsangeboten und vielfältigem Arbeitsmarkt. Der Standortwettbewerb um (hoch)qualifizierte Arbeitskräfte wird deutlich intensiver. Eine ostseeweit abgestimmte Bildungspolitik muss in der EU Ostseestrategie verankert werden und dafür sorgen, dass dieser Wettbewerb nicht nur innerhalb des Ostseeraumes stattfindet, sondern vielmehr durch herausragende Bildungsangebote die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Ostseeraumes gegenüber anderen Regionen stärkt und vorhandene Vorsprünge ausbaut.
- Politik und ebenso Wirtschaft des Ostseeraumes müssen erkennen, dass Investitionen in das Humankapital heute und erst recht künftig die besten Zinsen bringen.
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