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Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt

Junge Menschen wachsen heute selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Die intuitive Nutzung von Smartphone, Tablet und Co. ist jedoch nicht mit einem verantwortungsbewussten und differenzierten Umgang gleichzusetzen. Bei der Vermittlung von Medienkompetenz sind Eltern und Lehrkräfte gefragt.

05.01.2017 Bundesweit Artikel Anika Wacker
  • © www.pixabay.de

Der alltägliche Umgang mit digitalen Medien prägt nicht nur die Freizeit von Kindern und Jugendlichen. Das durch Videospiele verbreitete System kontinuierlicher Rückmeldungen habe sich längst auf die Art zu Lernen übertragen, beobachtet Prof. Dr. Klaus Hurrelmann. Der Bildungsforscher beurteilt diese Feedback-Kultur als ideale Bedingung für individuell geförderte Lernprozesse. „Ein zügiges und regelmäßiges Feedback können Lehrer in einer typischen Klassenraumsituation mit 25 Schülern gar nicht leisten“, erklärt Hurrelmann. Im didaktisch gesteuerten Einsatz digitaler Medien im Unterricht sieht er ein großes Potenzial.

Digitale Medien in der Schule

Doch bevor eine individuelle Förderung und damit ein schnelles, leistungsbezogenes Feedback in die Klassenräume Einzug halten können, muss die Grundlage geschaffen werden. An den meisten deutschen Schulen fehlen jedoch bisher sowohl die technischen als auch die fachlichen Voraussetzungen, um digitale Medien im Unterricht einzusetzen. Das zeigt eine 2016 vorgestellte Umfrage zur Lehrerperspektive zum digitalen Lernen, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der IT-Branchenverband Bitkom und die Messe Learntec in Auftrag gegeben haben. Zwar würde jeder zweite Lehrer gerne öfter digitale Medien im Unterricht einsetzen, das scheitert jedoch am häufigsten (43 Prozent) an der fehlenden Ausstattung mit Endgeräten.
Umfrageergebnisse der Telekom-Stiftung zeigen zudem, dass es vielen Schulen auch am kabellosen Internetzugang mangelt. Bei der Studie „Schule digital – Der Länderindikator 2016“ gab lediglich gut ein Drittel der befragten Lehrkräfte an, dass W-LAN in ihren Klassenräumen verfügbar sei. Im Vergleich zu 2015 existierten sogar drei Prozent weniger Hotspots. Doch die Studie zeigt auch erfreuliche Entwicklungen. Die Relevanz der Medienbildung in der Lehrerausbildung scheint in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben. Positive Signale zur Selbsteinschätzung im Umgang mit digitalen Medien kommen vor allem von den Jüngeren: Lehrkräfte, die 39 Jahre und jünger sind, gaben im Vergleich zu älteren Lehrkräften häufiger an, dass ihre universitäre Lehrerausbildung (31 Prozent) und ihr Referendariat (45 Prozent) sie zu einer Auseinandersetzung mit den Auswirkungen digitaler Medien auf Lehrmethoden bewogen habe.

© Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Dr. Susanne Eisenmann ist Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg.

Signale aus der Politik

Fest steht: Wer als Lehrer Medienkompetenz vermitteln will, muss selbst über sie verfügen. Das hat auch die Kultusministerkonferenz (KMK) erkannt und das Thema „Bildung in der digitalen Welt“ zu einem ihrer Schwerpunkte 2016 gemacht. Die im Dezember 2016 vorgestellte Strategie soll nicht nur Handlungsfelder definieren, sondern auch Ziele für alle Bildungsbereiche sowie konkrete Verfahrensvorschläge. Neben der Weiterentwicklung von Bildungsplänen und Curricula, geht es darin um die technische Ausstattung der Bildungseinrichtungen und das Angebot von Aus- und Weiterbildungen für Erziehende und Lehrende. Die Kultusministerin Baden-Württembergs, Dr. Susanne Eisenmann, betont die Wichtigkeit digitalen Lernens: „Es ist unbedingt erforderlich, dass wir uns auch in der KMK über die wichtigsten Handlungsfelder verständigen. Vor allem auf die pädagogischen Konzepte kommt es an. Denn der Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist kein Selbstzweck. Der pädagogische Mehrwert muss im Vordergrund stehen, also die Frage, wie digitale Medien den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler fördern können.“

© Hertie School of Governance

Der Sozial- und Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hurrelmann arbeitet seit 2009 als Professor an der Hertie School of Governance in Berlin.

Investitionen vom Staat

Mit der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft „Digitalpakt#D“ will auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Digitalisierung in der Bildung vorantreiben: Für die kommenden fünf Jahre hat Bildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka den knapp 40.000 Schulen in Deutschland fünf Milliarden Euro für Breitbandanbindung, W-LAN und Geräte in Aussicht gestellt. Im Gegenzug sollen die Länder für entsprechende pädagogische Konzepte sowie Bildungsangebote für Lehrkräfte sorgen. „Es ist ein wichtiges politisches Signal, das mit Geld unterlegt ist“, sagt Hurrelmann über die Initiative des BMBF. „Ich finde es aber im Moment absolut nicht in Ordnung, dass es bei einer solchen technischen Revolution, die das Lernen maßgeblich verändert hat, nur in der Verantwortung der einzelnen Lehrkräfte liegt, ob sie sich mit dem Thema befassen oder nicht.“ Hurrelmann fordert verpflichtende Fortbildungen für alle Lehrkräfte, die schul- und jahrgangsspezifisch ausgelegt sein sollen. „Wenn die Schulen bei dem technischen Fortschritt nicht mitkommen, verlieren sie an Autorität bei den Kindern, die schnell bemerken, wenn zum Beispiel veraltetes Wissen in den Schulbüchern steht oder sie den Lehrern technisch überlegen sind.“

Verantwortung: Kompetenzen vermitteln

Klar ist: Das Wissen um den technischen Umgang mit digitalen Medien ist eine Sache, Medienkompetenz eine andere. Bei der Vermittlung des kompetenten Umgangs sind nach wie vor neben der Schule auch die Eltern gefragt. „Schule und Eltern können sich nicht den Schwarzen Peter zuschieben und vorgeben, die andere Seite müsste diese Kompetenzen vermitteln“, warnt der Schweizer Lehrer und Publizist Philippe Wampfler. „Der Einsatz digitaler Medien ist nicht mehr oder weniger wichtig: Er ist zwingend. Wer Menschen zu Fachleuten ausbilden will, muss ihnen auch Hilfestellungen bei diesen Methoden anbieten können“, sagt der Pädagoge. Auch Klaus Hurrelmann betont die Verantwortung, die bei den Eltern liegt und warnt vor absoluter Abschottung oder gar Verboten. Es sei wichtig, dass Eltern ihre Kinder aktiv trainieren, mit den vielen verschiedenen Impulsen durch digitale Medien umzugehen. „Das Elternhaus muss aber auch selektieren und darf nicht alles auf das Kind ungefiltert einprasseln lassen. Solche Eltern stärken ihr Kind mehr, als jene, die wahllos alles zulassen oder im anderen Extremfall versuchen, digitale Medien vom Kind abzuschirmen.“

© Nicolas Zonvi

Philippe Wampfler ist Lehrer und Publizist aus der Schweiz.

Konkurrenz durch YouTube und Google

Wampfler geht sogar noch weiter und sieht in der Suchmaschine Google oder dem Videoportal YouTube Konkurrenz für den Schulunterricht: Jugendliche würden sich eher Erklärvideos anschauen, wenn sie etwas nicht verstehen und sich nicht in erster Linie an der Schule orientieren. „Auf diese Konkurrenzsituation muss die Schule reagieren und sich auf ihre Stärken besinnen: Die liegen nicht primär in der Wissensvermittlung, sondern in der Pflege sozialer Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, denn das kann Google nicht anbieten.“

Vorreiterschulen

Ein im Lehrplan fest verankerter und flächendeckender Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist derzeit noch Zukunftsmusik. Doch einzelne Vorreiterschulen könnten mit ihren Erfahrungswerten bei der didaktischen Implementierung sicherlich helfen. Diese Hoffnung teilt auch Klaus Hurrelmann: „Solche Schulen sollten zu Multiplikatoren werden, die viel stärker von ihren Erfahrungen berichten und mit anderen Schulen im Austausch stehen sollten, sodass Schritt für Schritt aus den Erfahrungen Kompetenzfelder für Schüler und Lehrkräfte entwickelt werden können.“

Praktische Tipps und Informationen zur Begleitung des Medienkonsums von Kindern finden Eltern und Erziehende auf der Plattform „SCHAU HIN!“. Der Elternratgeber ist eine Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF sowie der Programmzeitschrift TV Spielfilm.

Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten digitaler Medien thematisiert auch die didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Berufliche Bildung

Forum Berufliche Bildung
Lebenswelten von Jugendlichen verstehen
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Hertie School of Governance
15. Februar 2017
15:30 – 16:30 Uhr
Halle 6, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Podium: Fit für den Beruf: Schule im Zeitalter der Digitalisierung
Darüber diskutieren:

  • Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg
  • Michael Futterer, stellvertretender GEW-Landesvorsitzender
  • OStD Eugen Straubinger, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.
  • Rainer Lupschina, Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen

15. Februar 2017
12:15 – 13:15 Uhr
Halle 6, D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Schule/ Hochschule

Forum Bildung
Podium: Welche Kompetenzen brauchen unsere Schülerinnen und Schüler im digitalen Zeitalter?
Darüber diskutieren:

  • Prof. Dr. Joachim Kahlert, Ludwig-Maximilians-Universität München, Fakultät für Psychologie und Pädagogik
  • Prof. Dr. Eckhard Klieme, Direktor Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
  • Bernd Sibler, MdL, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
  • Philippe Wampfler, Lehrer für Deutsch, Philosophie und Medienkunde am Gymnasium Wettingen (Schweiz), Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich, Blogger und Autor

17. Februar 2017
10:45 – 12:00 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Generation „Social Media“: Wie verändert die digitale Kommunikation der Jugendlichen die Schule?
Philippe Wampfler, Lehrer für Deutsch, Philosophie und Medienkunde am Gymnasium Wettingen (Schweiz), Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich, Blogger und Autor
17. Februar 2017
13:30 – 14:45 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
DigitalPakt#D: Beginnt damit die Zukunft der Schule?
Darüber diskutieren:

  • Norbert Brugger, Dezernent Städtetag Baden-Württemberg
  • Wilmar Diepgrond, Vorsitzender Verband Bildungsmedien e. V.
  • Matthias Graf von Kielmansegg, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Leiter Abteilung 1 „Grundsatzfragen; Strategie; Digitaler Wandel“
  • Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz
  • Harald Willert, Stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschland e. V. (ASD)
  • Michael Zieher, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Referatsleiter „Medienpädagogik, digitale Bildung“

14. Februar 2017
16:00 - 17:15 Uhr
Halle 1, Stand: H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum didacta aktuell
Digitale Revolution im Klassenzimmer?
Darüber diskutieren:

  • Dr. Christina Kakridi, Otto-Hahn-Gymnasium Göttingen
  • Prof. Dr. Felicitas Macgilchrist, Georg-Eckert-Institut
  • Ralph Müller-Eiselt, Bertelsmann Stiftung
  • weitere Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Wissenschaft und Bildung

14. Februar 2017
12.00 - 12.45 Uhr
Veranstalter: Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung

Forum didacta aktuell
Gutes Aufwachsen mit Medien: Kinderkultur im Netz - Zwischen Bildungsanspruch und digitalem Gedaddel
Darüber diskutieren:

  • Adrian Liebig, Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“
  • Jutta Croll, Stiftung Digitale Chancen
  • Helga Kleinen, Seitenstark e.V.
  • Prof. Dr. Friederike Siller, Technische Hochschule Köln

14. Februar 2017
14.00 - 14.45 Uhr
Veranstalter: Initiativbüro "Gutes Aufwachsen mit Medien"

Forum didacta aktuell
Kompetenzen in einer digitalen Welt. Wie muss Schule neu gedacht werden?
Darüber diskutieren:

  • Mechthild Appelhoff, Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM)
  • Jürgen Böhm, Verband Deutscher Realschullehrer
  • Ramona Schumann, Bürgermeisterin Stadt Pattensen
  • Dr. Anja Hagen, Cornelsen
  • Moderation: Björn Stecher, Initiative D21

14. Februar 2017
16.00 - 16.45 Uhr
Veranstalter: Initiative D21 e.V.

Forum didacta aktuell
Bildung in der digitalen Welt – eine gesamtstaatliche Verantwortung?

  • Saskia Esken, MdB, SPD
  • Dirk Loßack, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Berufsbildung Schleswig-Holstein
  • Ralph Müller-Eiselt, Bertelsmann Stiftung
  • Marc von Mierle, CEO Cornelsen Verlag

Moderation: Jan Hofer, ZDF
17. Februar 2017
13.00 - 13.45 Uhr
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Forum Bildung
Bildung im 21. Jahrhundert: Welche digitale Strategie brauchen wir?
Darüber diskutieren:

  • Klaus Hebborn, Beigeordneter des Deutschen Städtetages
  • Dr. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der GEW, Leiterin des Organisationsbereichs Schule
  • Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Stellvertretender Vorsitzender des Verband Bildungsmedien e. V.
  • Dirk Loßack, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

17. Februar 2017
12:00 – 13:15 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Tablets, Smartphones und Apps im Fremdsprachenunterricht sinnvoll einsetzen

  • Monika Heusinger (Lehrerin, Fachleiterin, teilabgeordnete Dozentin, Saarbrücken)
  • Dr. Elke Höfler (Fach- und Mediendidaktikerin an der Universität Graz, in der Lehrer(aus/fort/weiter)bildung tätig)

18. Februar 2017
12:00 – 13:00 Uhr
Halle 1, Stand E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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