"Lücke-Kinder": Zu alt für Spielplatz und Hort - Zu jung für Jugendtreff und Party-Club

Mit Förderung der Stiftung Ravensburger Verlag führt eine Ulmer Forschergruppe eine qualitative Studie mit dem Titel "Die soziale Welt der ´Lücke`-Kinder – Analyse einer vergessenen Gruppe" durch. Das Projekt unter Lei­tung von Professor Dr. Jörg M. Fegert und Professorin Dr. Ute Ziegenhain (Universi­tätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie in Ulm) ist auf zwei Jahre angelegt. Die Ergebnisse der Lebensfeldexpertise mit repräsentativen Umfra­gen in Familie, Schule und Freizeit der Kinder und Jugendlichen sollen Handlungsfelder für Eltern und Jugendhilfe aufzeigen.

19.03.2014 Pressemeldung Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag

Wie kann Adoleszenz gelingen?

Wohin, wenn man zu alt ist für den Kinderspielplatz und zu jung für den Jugendtreff im Wohnviertel und für den Club, in dem 16jährige Partys feiern? Wenn man kein Kind mehr, aber noch kein Jugendlicher ist? Die Altersgruppe der 10- bis 14jährigen wird in Forschung und Öffentlichkeit als "späte Kindheit" oder "Vorpubertät" benannt und wurde wissenschaft­lich bislang kaum beachtet. "Es gibt kaum empirisch abgesicherte Aussagen zu den entwick­lungspsychologischen und soziokulturellen Besonderheiten dieser Altersgruppe", berichtet Professor Jörg M. Fegert. "Dabei werden gerade in dieser Phase des Heranwachsens entschei­dende Weichen für eine gelingende oder weniger glückende Adoleszenz gestellt."

Gefahren der späten Kindheit

Einige Schwierigkeiten, denen heutige "Lücke-Kinder" ausge­setzt sind und durch die sie überfordert sein können:

  • die Suche nach eigener Selbstständigkeit, Autonomie und Identität;
  • Anerkennung und Herausforderungen der "Peer-Gruppe" Gleichal­t­riger;
  • Risiken durch Drogen- oder Alkoholmissbrauch;
  • Schulwechsel nach der Grundschule;
  • hohe Leistungsanfor­derungen;
  • Nutzung der vernetzten Medienwelt mit der Gefahr von Cyber­mobbing, Child Grooming oder versehentlichen Ver­tragsabschlüssen.

Kinder aus psychoso­zial belasteten Familien sind in dieser Aufzählung nicht einmal berück­sichtigt. Sie sind oft zusätzlich gefährdet durch ökonomische Probleme der Eltern, durch Wohnsituation in Stadt­vierteln mit eingeschränkter Infrastruktur.

Systematische Angebote in Ganztags- und Gemeinschaftsschulen

"Ich hoffe und wünsche, dass künftig immer mehr Ganztagsschu­len und Gemeinschaftsschu­len mit systematischen Angeboten entstehen, um die klassischen ´Schlüsselkinder` und all die anderen ´Lücke-Kinder` aufzufangen", erklärt Professo­rin Dr. Ute Ziegenhain. "Es gibt schon gute Beispiele, aber oft noch lässt die Qua­lität der pädagogischen Förderung zu wünschen übrig, wenn es nur um Aufbe­wah­rung der Kinder geht."

Vorschläge für die Bildungspolitik erwartet

Von der Forschungsstudie erwartet sich die Stiftung Ravensburger Verlag deshalb auch Vor­schläge für eine verbesserte soziale, bildungsbezogene und freizeitpädagogische Förderung von "Lücke-Kindern". Dazu sagt Stiftungsvorsitzende Dorothee Hess-Maier: "Gerade die jun­gen Kinder in der Phase des Übergangs zum Jugendalter benötigen vielseitig begleitende Un­terstützung, um eine positive Identität zu entwickeln."

Soziale Lebenswirklichkeit ermitteln

Das Forscherteam wird die Erlebensweise, die Bedürfnisse, die Probleme der 10- bis 14jähri­gen untersuchen und anschließend den kommunalen und gesellschaftlichen Handlungs­bedarf beschreiben. Die soziale Lebenswirklichkeit dieser Altersgruppe wird anhand von Interviews mit Kindern, Eltern, Lehrern und anderen Verantwortlichen sowie Praktikern aus Jugendhilfe und Erziehung herausgearbeitet.

Das Forschungsteam

Den qualitativen Interviewleitfaden entwickelte das Ulmer Team. Bei der Auswertung koope­rieren die Forscher mit der Sigmund-Freud-Universität in Wien. Ein wissenschaftlicher Bei­rat, in dem auch Praktiker beteiligt sind, wird die Arbeit begleiten (Namen auf Anfrage). Teamleiter Professor Dr. Jörg M. Fegert ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugend­psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen im Bundesfamilienministerium. Mit dem Bundesmodellprojekt "Guter Start ins Kinderleben" trug er wesentlich zur Entwicklung und zur Regelung lokaler Netzwerkstrukturen in den Frühen Hilfen im Landeskinderschutzgesetz Rheinland-Pfalz sowie im Bundeskinderschutzgesetz bei. Professorin Dr. Ute Ziegenhain be­riet in der vergangenen Legislaturperiode im Bundesju­gendkuratorium die Bundesregie­rung.

Ansprechpartner

Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag
Postfach 1860
88188 Ravensburg
Web: http://www.stiftung.ravensburger.de

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