Moralische Kompetenz

Moral ist lehrbar!

Hinter dieser These von Prof. Georg Lind verbirgt sich kein neuerlicher Versuch, unsere Schulen moralisch „aufzurüsten“. Hier wird keine sogenannte Werteerziehung aus der pädagogischen „Mottenkiste“ geholt und gegen das ideologische Feindbild der 68er Generation in Stellung gebracht.

23.05.2016 Bundesweit Artikel Dr. Brigitte Schumann
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Es geht dem Wissenschaftler und Publizisten mit seiner vierzigjährigen Erfahrung im Forschungsfeld der modernen Moralpsychologie um die Entwicklung und Stärkung moralischer Kompetenz. Dazu hat Lind die Konstanzer Methode der Dilemma Diskussion (KMDD) entwickelt, deren Wirksamkeit für die Förderung von Moralkompetenz er wissenschaftlich nachgewiesen hat. Er plädiert dafür, dass diese Methode Eingang in die Lehrerbildung findet. 

Was ist Moral? 

Lind grenzt sich ab von Definitionen, die Moral mit Normkonformität oder mit moralischer Gesinnung gleichsetzen. Für ihn ist Moral die „Fähigkeit, Probleme und Konflikte auf der Grundlage universeller Moralprinzipien durch Denken und Diskussion zu lösen, statt durch Gewalt, Betrug und Macht“. Diese Fähigkeit nennt er moralische Kompetenz oder auch moralische Urteilsfähigkeit. 

Als Fähigkeit ist sie lehrbar und muss sogar gelehrt werden mit Blick auf die immer schwerer zu durchschauenden, komplexen gesellschaftlichen Problemlagen und zerstörerischen Konflikte, so der Wissenschaftler. Das sogenannte Böse ist für ihn Ausdruck mangelnder Moralkompetenz. Seine Schlussfolgerung lautet: Es „sollten alle verfügbaren Mittel in die Schulung von Denken und Diskutieren (sprich Bildung) investiert werden, damit jeder Einzelne und die Gesellschaft als Ganzes mit ihren Problemen besser fertig werden können“. 

Die ausführliche Auseinandersetzung des Wissenschaftlers mit der Frage, was Moral ist, erweist sich in seinem Buch „Moral ist lehrbar“, das in der vollständig überarbeiteten und erweiterten dritten Auflage erschienen ist, als äußerst nützlich. Sie macht den Blick frei auf „ein weites Feld“, denn sowohl innerhalb der Wissenschaften als auch in Alltagszusammenhängen gibt es unterschiedliche Definitionen von Moral. Für Pädagogen ist die Reflexion darüber besonders wichtig, werden sie doch bekanntlich auf die Rolle der Vermittler von Moral festgelegt und mit besonders hohen, aber durchaus unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert. 

Moralische Kompetenz durch Bildung

Lind bezieht sich auf Theorien von Piaget und Kohlberg. Er grenzt sich aber von ihrer Annahme ab, dass die Umwelt zwar auf die moralische Entwicklung eines Menschen Einfluss nehme, diese aber letztlich an das Alter eines Menschen gekoppelt sei. Danach müssten mit höherem biologischem Alter höhere moralische Stufen erreicht werden. Dieser Theorie hält Lind die Ergebnisse seiner Forschung entgegen. Er kann belegen: „Moralkompetenz wächst nicht automatisch mit dem biologischen Alter, sondern mit guter Bildung, d. h. mit den Gelegenheiten, die Bildung bereitstellt, um die eigene Moralkompetenz zu erproben und dabei Hilfestellung zu bekommen.“

Dass es keine altersbedingte Aufwärtsentwicklung in der Moralkompetenz gibt, wohl aber Regression durch Mangel an förderlichen Bildungsgelegenheiten, ermittelte Lind u.a. an einer Gruppe von Absolventen aus Haupt- und Realschule. In seinem durchgeführten Moralkompetenztest zeigte sich, dass im letzten Schuljahr ihre moralische Urteilsfähigkeit zunahm, während sie mit dem Eintritt in eine berufliche Ausbildung, die in Deutschland nur zu einem geringen Teil aus Allgemeinbildung besteht und die Teilnahme am Arbeitsprozess in den Mittelpunkt stellt, abnahm. 

Die Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion (KMDD) 

Die Kernidee dieser Methode geht von der Überlegung aus, dass die Moralkompetenz am effektivsten im Zusammenhang mit Situationen gefördert wird, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Daher steht am Anfang einer KMDD Sitzung, die mindestens 90 Minuten dauern sollte, immer eine Dilemmageschichte. Sie soll weder zu leicht noch zu überfordernd für die Gruppe sein. 

Die KMDD geschulte Lehrperson liest die Dilemmageschichte laut vor. Die Teilnehmenden lesen sie für sich still nach und bekommen Gelegenheit, sich ihrer moralischen Gefühle bewusst zu werden und sie auch zu äußern nach dem Ping-Pong-Schema. Das bedeutet, dass die Person, die ihre Äußerung beendet hat, eine andere Person aufruft. Wiederholungen und Diskussionen zu Beiträgen sind untersagt. Danach gibt es eine erste ausgezählte Abstimmung darüber, ob die Person in der Geschichte richtig oder falsch gehandelt hat. Im Anschluss daran erfolgt die Einteilung der Gesamtgruppe nach Pro- und Contra-Position und die Bildung kleiner Untergruppen von drei bis vier Teilnehmenden. In den Gruppen werden gemeinsame Argumente zur Unterstützung der jeweiligen Position gesammelt. Die Argumente werden im Wechsel wieder nach der Ping-Pong-Methode zwischen den Gruppen ausgetauscht. Danach soll jedes Gruppenmitglied das Argument benennen, das für ihn das überzeugendste von der Gegenseite ist. Nach dieser Auseinandersetzung mit der Gegenargumentation erfolgt eine zweite Abstimmung zu der Frage, ob die Person in der Geschichte richtig oder falsch gehandelt hat. Auch dieses Ergebnis wird ausgezählt und sichtbar gemacht. Am Ende steht die Frage an alle, was sie gelernt haben. 

Diese Methode geht auf Kohlberg zurück. Lind hat sich daran angelehnt, sie aber mit zunehmenden Erfahrungen verändert und weiterentwickelt. Danach kann die KMDD allen Menschen zugänglich gemacht werden, von der dritten Grundschulklasse an bis ins hohe Alter. Die Wirksamkeit der Methode ist nach Lind allerdings daran geknüpft, dass die Lehrer in KMDD geschult worden sind. Sie müssen z.B. lernen, sich ganz zurückzunehmen, Äußerungen aus der Gruppe nicht zu bewerten und darauf achten, dass die Regeln der Methode strikt eingehalten werden. Sie haben kontextsensibel dafür Sorge zu tragen, dass die Lernumgebung für den Lernprozess förderlich ist. Im Materialanhang des Buchs werden die Phasen und der Ablauf der KMDD eingehend beschrieben und ausgewählte Dilemmageschichten präsentiert.

Moralkompetenz und Verhalten 

Die Moralkompetenz muss im Verhalten ihren adäquaten Ausdruck finden. Das Ziel von KMDD ist es, die Kluft zwischen den moralischen Prinzipien und dem Verhalten im Alltag zu verringern. Der Autor kann mit experimentellen Studien belegen, dass die Höhe der Moralkompetenz sich auf das Verhalten positiv auswirkt: Hohe Moralkompetenz fördert prosoziales Verhalten; Jugendliche mit hoher Moralkompetenz nehmen selten Drogen zur Lösung ihrer Probleme; Menschen mit einer hohen Moralkompetenz treffen auch schneller moralische Entscheidungen. Die Bereitschaft zur Gehorsamsverweigerung zugunsten der Übernahme persönlicher Verantwortung hängt von der Höhe der Moralkompetenz ab. Nachgewiesen ist auch, dass moralische Kompetenz sich günstig auswirkt für das fachliche Lernen. Schülerinnen und Schüler, die mangels moralischer Kompetenz ihre Konflikte nicht angehen und lösen, sind für das Lernen blockiert. 

Lind kann darauf verweisen, dass er die Wirksamkeit der KMDD für unterschiedliche Teilnehmergruppen in verschiedenen Institutionen und Ländern erprobt hat. Vor diesem Hintergrund stellt er die Frage, warum die KMDD noch nicht Eingang in die Lehrerbildung gefunden hat. 



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