„Pädagogik ist eine komplizierte und zuweilen unmögliche Praxis“

Im Oktober findet auf der Frankfurter Buchmesse die Bildungskonferenz zum Thema „Diversität – Aufwachsen und Lernen in der heterogenen Gesellschaft“ statt. Paul Mecheril von der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld wird den Auftaktvortrag halten. Ein willkommener Anlass, vorab mehr von ihm zum Thema zu erfahren.

01.10.2019 Bundesweit Pressemeldung Didacta Ausstellungs- und Verlagsgesellschaft mbH
  • © www.pixabay.de

Interview: Sonja Ritter

Herr Mecheril, das Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße in Maintal war der erste Gewinner des Deutschen Kitapreises. Das Team dort arbeitet mit Familien und Kindern aus über 20 Nationen. Was zeichnet für Sie eine gute Bildungsarbeit mit Menschen unterschiedlicher Kulturen, Sprachen, Religionen und Kompetenzen aus?
Gute Bildungsarbeit braucht zunächst gute Rahmenbedingungen und Ressourcen. Denn es kann keine gute Pädagogik in einem nicht guten Rahmen geben. Also: gutes Essen in der Kita, gute Außenflächen, Stoffe, Materialien, Erkundungsmöglichkeiten für die Kinder, vor allem aber wohl Zeit. Zeit scheint oft die knappste Ressource zu sein und sollte gerade für eine der bedeutsamsten gesellschaftlichen Tätigkeiten – Ermöglichung von Bildung – ausreichend vorhanden sein. Ich spreche hier auch von dem Personalschlüssel. Gute pädagogische Einrichtungen sind weiterhin in der Lage, das Allgemeine zu können. 

Was umfasst für Sie das Allgemeine?
Gerade bei sprachlicher, kultureller und religiöser Pluralität wird schnell nach besonderen Kompetenzen gefragt. Für mich aber ist Pluralität die Reflexionschance auf das Allgemeine. Pädagog*innen, die angemessen mit und in sprachlicher, kultureller und religiöser Pluralität umgehen, machen dies, weil sie über allgemeine pädagogische Vermögen verfügen. Und diese wären für mich: respektvolle Anerkennung von Unterschieden, ein hohes Maß an Selbstreflexion – auch um alltagsweltliche Deutungen durch professionelle Interpretationen zu ersetzen, ein kritisches Wissen darum, dass wir in gesellschaftlichen Verhältnissen leben, die nicht zuletzt im Weltmaßstab mit massiven Formen von Ungleichheit einhergehen und dass diese Ungleichheit in das Pädagogische nicht nur hineinspielt, sondern von dem Pädagogischen auch mit erzeugt wird. 

Gute pädagogische Einrichtungen in der Migrationsgesellschaft sind Einrichtungen, die angesichts gesellschaftlicher Pluralität sich aufmerksam und kritisch gegen jene Strömungen auch in der Pädagogik selbst verhalten, die pluralitätsfeindlich sind.

Sie sind in mehr als 10 Städten und 2 Ländern aufgewachsen – wie hat das Ihre Erziehung und Bildung beeinflusst?
In vieler Hinsicht. Ich erinnere mich an die 8. Klasse. Wir haben damals in Nordrhein-Westfalen gelebt, und ich hatte mich vor den Sommerferien von meinen Klassenfreund*innen verabschiedet, weil uns als indischen Staatsbürger*innen kein weiteres Aufenthaltsrecht eingeräumt wurde. Ich hatte Geschenke erhalten – ein T-Shirt mit meinem Namen in Edding geschrieben habe ich immer noch, obwohl ich es nicht mehr trage. 

Auch wenn mein Vater es mit Hilfe eines Bundestagsabgeordneten schließlich doch noch geschafft hatte, dass wir bleiben konnten, ist meine Bildungsbiografie auch von dem geprägt, was ich später eine auf Widerruf erteilte Zugehörigkeitsform genannt habe. 

Aber auch die Erfahrung war prägend, dass die Kontexte, in denen ich lebte, Freunde hatte oder lachte, sehr unterschiedliche und in ihrer Unterschiedlichkeit gewöhnliche Kontexte waren. Ich habe in meiner Jugend vielleicht etwas entwickelt, was Kontingenzbewusstsein genannt werden könnte. 

Was ist das, ein Kontingenzbewusstsein?
Das Bewusstsein um die Gewordenheit und Nicht-Notwendigkeit der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse, insbesondere jener Verhältnisse, an denen wir, wenn ich das so sagen darf, libidinös hängen. Und das Bewusstsein, dass die Dinge, Verhältnisse und auch ich selbst nicht für immer festgelegt sind und gleichbleiben müssen. 

Frankfurt EDU Konferenz am 16. Oktober 2019 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, organisiert von der LitCam gGmbH. Partner ist der Didacta Verband e.V. - Verband der Bildungswirtschaft. Programm und Anmeldung hier.

Auf der Bildungskonferenz in Frankfurt wird Aufwachsen und Lernen in einer heterogenen Gesellschaft zum Thema gemacht. Sie konzentrieren sich auf eine Migrationsgesellschaft – was ist der Unterschied?
Im Ausdruck Heterogenität wird in letzter Zeit die empirische Realität vielfältiger Differenzordnungen und ihre Bedeutung für Bildungsprozesse und allgemeine Fragen schulischen Lernens und schulischer Organisation thematisiert. 

Vielfältige Differenzordnungen sind beispielsweise?
Ordnungen, in denen zwischen Geschlechtern unterschieden wird oder in denen zwischen mit und ohne Behinderung oder mit und ohne Migrationshintergrund unterschieden wird. In dem von Inci Dirim und mir verfassten Buch zu Heterogenität und Bildung nutzen wir den Ausdruck Differenzordnung, um deutlich zu machen, dass es sich bei bestimmten sozialen Unterscheidungsweisen, etwa der Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, um gesellschaftliche Konstruktionen handelt, die individuell überaus folgenreich, also machtvoll sind und zweitens, dass diese Unterscheidungsweisen nicht nur Unterschiede, sondern auch Hierarchien vermitteln. Diese Ordnungen und ihre Verflechtungen sollten so in den pädagogischen Institutionen berücksichtigt und auch kritisch thematisiert werden, dass damit ein Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit möglich ist.

Die Migrationspädagogik berücksichtigt vor allem eine, wenn Sie so wollen, Heterogenitätsdimension, nämlich migrationsgesellschaftliche Zugehörigkeitsverhältnisse und die Frage, wie diese Verhältnisse Menschen prägen, aber auch durch Menschen veränderbar sind. Migrationspädagogik ist also keine Zielgruppenpädagogik, sie ist keine Pädagogik, die allein auf Migrant*innen bezogen ist, sondern betrifft letztlich, da wir in einer Migrationsgesellschaft leben, alle Menschen und Institutionen. Ein wichtiges Ziel der Migrationspädagogik ist es dabei, Zugehörigkeitsordnungen in der Migrationsgesellschaft in den Blick zu nehmen und zu untersuchen, welche Macht und Herrschaftsformen mit diesen Ordnungen einhergehen, wie pädagogische Institutionen daran beteiligt sind und welche Bildungsprozesse ermöglicht, welche verhindert werden.

Vielfalt als Normalität – im Idealfall als Bereicherung – zu verstehen, ist keine Selbstverständlichkeit. In Deutschland und auch international werden wir zunehmend mit Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. Sie haben 2014 bereits in einer Veröffentlichung von der „Illusion der Inklusion“ gesprochen – gibt es keine gelingende Inklusion?
Nun, Inklusion kann als Zeichen verstanden werden, das den Wunsch nach der umfassenden und allgemeinen Verwirklichung von Rechten auf Teilhabe zum Ausdruck bringt und den Wunsch, dass durchaus unterschiedliche Versionen würdevollen Lebens Anerkennung finden. Das Illusionäre der Inklusion hängt hierbei zunächst damit zusammen, dass wir zwar eine Art inklusiven Hype erleben, der aber vor allem auf der rhetorischen Ebene stattfindet und in einem zuweilen widersprüchlichen Verhältnis zur Praxis der Bildungsinstitutionen steht. Diese arbeiten unter dem schönen und hochglänzenden Label Inklusion häufig unter doch widrigen Bedingungen. 

Inklusion braucht Ressourcen, nicht nur schöne Worte und braucht reflexive Räume, in denen man sich gemeinsam etwas mehr dem Ideal der Inklusion annähern kann. Wo entsprechende Ressourcen und Räume nicht vorhanden sind, gibt es schnell Überforderung, Verzweiflung und auch Aggression. Zuweilen bewirkt der Anspruch der Inklusion sein Gegenteil und führt zu Ausschluss, eine Art exkludierende Inklusion.

Aber unabhängig von dem Missverhältnis zwischen der politischen Bildungsprogrammatik und der politischen Bereitschaft, die Bildungsarbeit entsprechend auszustatten, gibt es einen noch tiefergehenden Aspekt der Illusion.  Wir leben in einem gesellschaftlichen System, dessen Motor die ungleiche Entlohnung und damit der ungleiche Wert von Menschen ist. Ein System, das mithin soziale Ungleichheit produziert. Ungleichheit ist dem kapitalistischen System im globalen wie auch im lokalen Maßstab inhärent. In dieser Hinsicht ist auch das mehrgliedrige Schulsystem zu betrachten, das gleich doppelt für den Kapitalismus ausbildet: Erstens, Humankapital genannte, nutzbare und verwertbare Objekte, die zweitens der Anforderung gerecht werden müssen, dass es nicht nur Spitzenkräfte braucht, sondern unterschiedliche Arbeitskräfte, für unterschiedliche Aufgabenbereiche, mit unterschiedlichen Entlohnungen und einem unterschiedlichen gesellschaftlichen Wert. 

Das bedeutet: Pädagogik und damit auch das Handeln von Pädagog*innen setzt beispielsweise Schüler*innen unterschiedlich in Wert. Und alle, die sich daran beteiligen, übernehmen zugleich die Aufgabe, diese in der Schule hergestellten Unterschiede als legitim und gerecht auszugeben. Da Professionalität ja auch heißt, zu wissen, was man tut, sollten pädagogische Fachkräfte um diese Strukturlogik wissen – und damit um die Widerspruchsstruktur, in der sie tätig sind.
  
Was bedeutet das für die Inklusionsbemühungen?
Erst einmal, dass sie nicht trügerisch sein sollten. Pädagogische Angebote sind da trügerisch, wo sie implizit versprechen, durch beispielsweise schulische Bildung zu gleichberechtigter Teilhabe an gesellschaftlichen Teilbereichen beizutragen. Soziale Ungleichheit wird damit auf ein bildungsinstitutionelles Thema reduziert. Insofern braucht es bei Inklusionbemühungen einen klaren Blick darauf, was nicht gut läuft, um das nächste Mal ein gelingenderes Handeln zu ermöglichen. 

Das heißt zweitens auch, dass pädagogische Inklusionsbemühungen immer eingebettet sein müssen in ernsthafte Versuche der Minderung gesellschaftlicher Ungleichheit und der Kritik vorherrschender Muster der Disziplinierung der Menschen. 

Drittens sollten Inklusionsbemühungen diese Sensibilität auch als Bildungsziel vermitteln. Ich erinnere hier an Überlegungen von Hartmut von Hentig aus der Mitte der 1990er zu Maßstäben, an denen sich Bildungsprozesse zu bewähren haben. Neben der Wahrnehmung von Glück, der Fähigkeit und dem Willen sich zu verständigen, und weiteren Aspekten, stellt die Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit einen zentralen Maßstab dar. Inklusionsbemühungen bewähren sich da, wo es diesen gelingt, Räume der BiIdung zu schaffen, in denen die Menschen ein Sensorium für die Ungerechtigkeit entwickeln, die anderen angetan wird, und sich kritisch zu entsprechenden Verhältnissen zu verhalten.  

Wenn es keine gelingende Inklusion gibt – was führt zu mehr Bildungsgerechtigkeit? Ist die Migrationspädagogik ein Schlüssel dafür? 
Migrationspädagogik ist dem Ziel verpflichtet, zu mehr Bildungsgerechtigkeit in der Migrationsgesellschaft beizutragen. Doch Gerechtigkeit in der Migrationsgesellschaft ist nicht minder illusionär; schauen Sie in Richtung Mittelmeer. Wenn ich sage, dass Inklusion illusionär ist, meine ich nicht, dass man auf das Ziel oder vielleicht besser die Vision der Inklusion verzichten sollte. Man sollte aber die Vision nicht mit der Gegenwart verwechseln und vielmehr dazu nutzen, die Gegenwart kritisch zu betrachten und zu verändern. 

Die schönen Label – Inklusion, Demokratie oder Toleranz – haben ja nicht selten den Effekt, dass nicht mehr genau hingesehen und zuweilen die eigene Praxis oder Institution überhöht wird. Für die Migrationspädagogik ist hierbei eine Frage bedeutsam, die auch für inklusive Ansätze wichtig ist: Wie sehen Bildungsinstitutionen aus, die nicht ausschließlich auf der Praxis beharren, zum Beispiel Schüler*innen an die institutionell erforderlich erscheinende Form anzupassen? Wie sehen Schulen aus, die sich an den Unterschieden der Schüler*innen orientieren, ohne sie auf bestimmte Identitäten festzulegen? Dabei sind vielleicht zwei Leitlinien von besonderer Bedeutung: die Entwicklung und Beförderung einer reflexiven Kultur und die Entwicklung einer Kultur der Anerkennung von Differenzen. 

Wie lässt sich eine reflexive Kultur in Bildungseinrichtungen entwickeln?
Pädagogik ist eine komplizierte und zuweilen unmögliche Praxis. Denn sie ist geprägt von einer Vielzahl von widerstreitenden Anforderungen, etwa der Anforderung Bildungsprozesse so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche sich selbst, was immer dies heißt, entfalten können und sie zugleich sich die Kompetenzen aneignen, die in der jeweiligen Gesellschaft bedeutsam oder gar erforderlich sind. 

Professionelles pädagogisches Handeln findet in einem Feld struktureller Widersprüche statt. Hieraus ergibt sich die Konsequenz, dass es allgemein, erst recht unter Bedingungen von Vielfalt, überaus sinnvoll ist, eine reflexive Professionalität zu ermöglichen. Pädagog*innen sollten stereotype Vorstellungen und affektive Muster, die Ressentiments artikulieren, zum Thema machen. Und zwar nicht, um jemanden oder sich selbst polizeilich zu überführen und moralisch eines Vergehens zu bezichtigen, sondern als ein Beitrag zur Professionalisierung. Es geht hierbei sowohl um einen reflexiven Habitus von Pädagog*innen als auch um reflexive, lernende pädagogische Institutionen. 

Was heißt das für die pädagogische Ausbildung? 
Um einen reflexiven Habitus von pädagogischen Fachkräften zu ermöglichen, benötigen wir eine Ausbildung, die nicht zufällig, sondern systematisch einen nachhaltigen Beitrag dazu leistet, dass in den Institutionen kluge Fachkräfte – im Übrigen mit und ohne Migrationshintergrund – arbeiten. Wir benötigen beispielsweise den Ausbau der universitären Lehrerbildung, die den reflexiven und selbstkritischen Umgang mit dem eigenen Tun ermöglicht. Wir brauchen eine Ausbildung, die zukünftige pädagogische Fachkräfte theoretisch beispielsweise mit der anspruchsvollen Unmöglichkeit ihres Berufes vertraut macht und ihnen ermöglicht, sich praktisch mit den Konsequenzen der Widersprüche, Unwägbarkeiten und der Unbestimmtheit des Handlungsfeldes auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch die theoretische und selbstreflexive Auseinandersetzung mit Vorurteilen, Diskriminierungsroutinen und Rassismen.

Ein reflexiver Habitus ist aber nur dann ein Beitrag zum angemessenen Umgang mit den pädagogischen Anforderungen, wenn das bildungsinstitutionelle Feld eine reflexive Kultur aufweist. Das Feld muss fehlerfreundlich sein, Fallbesprechungen und Supervisionen kennen sowie Offerten zu Weiter- und Fortbildungen nicht als Hinweise auf eigene Schwächen oder gar Unvermögen interpretieren. Reflexives Handeln bedarf reflexiver Orte.

Vielen Dank!

Paul Mecheril ist Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld mit dem Arbeitsschwerpunkt Migration und Bildung.

Ansprechpartner

Didacta Ausstellungs- und Verlagsgesellschaft mbH
Rheinstraße 94
64295 Darmstadt
Web: www.didacta.de

Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden