Gastbeitrag

Perspektiven für Geflüchtete

Über eine Million Menschen, darunter viele junge Erwachsene, suchen in Deutschland Schutz. Bislang machen nur wenige davon eine Ausbildung. Ein Überblick über Gründe und Perspektiven von Ildikó Pallmann und Dr. Christian Pfeffer-Hoffmann

13.03.2017 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
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Das duale Berufsausbildungssystem in Deutschland steht unter wachsendem Druck: Die Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze steigt, während die der Auszubildenden sinkt. Gleichzeitig haben 2015 insgesamt 890 000 Menschen in Deutschland Schutz gesucht. Bis Ende September 2016 kamen weitere 210 000 dazu. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten ist im ausbildungsfähigen Alter oder jünger und muss Arbeit finden. Geflüchtete könnten also die Ausbildungslücke schließen.

Der Großteil der Neuankömmlinge stammt aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Geflüchtete aus Syrien, Irak, Iran, Somalia und Eritrea werden im Asylverfahren besonders häufig als schutzwürdig anerkannt. Sie gelten als geflüchtete Menschen mit einer „guten Bleibeperspektive“ – die Liste der Herkunftsländer mit diesem Status legt das Innenministerium fest. Sie genießen dadurch in vielen Bereichen Zugang zu frühen Integrations- und Fördermaßnahmen, während Asylsuchende aus sogenannten „sicheren Herkunftsstaaten“, so zum Beispiel Länder des Westbalkans wie Kosovo oder Albanien, davon ausgeschlossen sind.

Alter und Bildungsvoraussetzungen

Die seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten sind vorrangig junge Menschen. 30 Prozent von ihnen sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. Die Mehrzahl davon ist männlich. Hinsichtlich ihrer Bildungsvoraussetzungen bestehen große Unterschiede. Etwa 37 Prozent haben eine weiterführende Schule, 31 Prozent eine Mittel- und 10 Prozent eine Grundschule besucht. Circa neun Prozent der Geflüchteten haben keine Schulbildung. Unter diesen neun Prozent sind Menschen, die aus Ländern geflüchtet sind, in denen bereits seit längerem Krieg oder Bürgerkrieg herrscht, deutlich überrepräsentiert. Dasselbe gilt für diejenigen, die eine Schule besucht, aber vorzeitig abgebrochen haben. Der Anteil derer, die studiert haben, liegt bei knapp 20 Prozent. Von diesen konnten jedoch viele ihr Studium aufgrund der Entwicklungen in ihrer Heimat nicht beenden. Mit sechs Prozent auffällig gering im Vergleich zur deutschen Bevölkerung ist der Anteil der Geflüchteten, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Neben kriegsbedingten Umständen und dem Entwicklungsniveau vor Ort, liegt das auch daran, dass die meisten Länder über kein Ausbildungssystem verfügen, das mit dem deutschen vergleichbar wäre. Trotz fehlendem formalen Berufsabschluss besitzen allerdings viele geflüchtete Menschen berufliche Fähigkeiten und Erfahrungen.

Hürden auf dem Weg zur Ausbildung

Unabhängig von ihrem Bildungshintergrund sind die geflüchteten jungen Erwachsenen meist hochmotiviert, einen Ausbildungs- oder Hochschulabschluss in Deutschland zu erwerben. Dies spiegelt sich bisher kaum auf dem Ausbildungsmarkt wider. Trotz unterschiedlicher Förderinstrumente speziell für Geflüchtete sind die Zahlen derjenigen, die sich bereits in Ausbildung befinden, äußerst gering. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit haben im Zeitraum von Oktober 2015 bis September 2016 nur 10 300 Personen mit Fluchthintergrund nach einer Berufsausbildung gesucht. Davon haben nur 3600 Personen einen Ausbildungsplatz gefunden.

Ein Grund für diese ernüchternden Zahlen ist, dass viele Geflüchtete nicht wissen, welchen Stellenwert eine duale Berufsausbildung in Deutschland hat und wie sie funktioniert. Eine große Hürde sind zudem die oftmals fehlenden Sprachkompetenzen, die vor allem für das Bestehen der Berufsschule notwendig sind. Rund 90 Prozent der Geflüchteten verfügen bei ihrer Ankunft über keinerlei Deutschkenntnisse. Zugang zu Integrationskursen haben jedoch nur die Menschen, deren Asylantrag positiv beschieden wurde, Asylsuchende mit „guter Bleibeperspektive“ sowie manche Geduldete.

Ildikó Pallmann ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachstelle Einwanderung bei Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung e. V.

Dr. Christian Pfeffer-Hoffmann leitet die Fachstelle Einwanderung im Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ und ist Vorstandsvorsitzender von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung e. V.

Unterschiedlichen Regelungen hinsichtlich des Ausbildungszugangs für Geflüchtete – abhängig von Status, Bleibeperspektive und Aufenthaltsdauer – wirken sich zusätzlich erschwerend aus. Asylberechtigte und Geduldete haben sofort und Asylsuchende ab dem vierten Monat das Recht, eine Ausbildung aufzunehmen. Letztere benötigen die Erlaubnis der zuständigen Ausländerbehörde. Neu ist, dass Geduldete in einer Ausbildung für die Dauer von drei Jahren ein gesichertes Bleiberecht haben – sowie für zwei weitere Jahre, wenn sie nach der Ausbildung eine Beschäftigung in ihrem erlernten Beruf aufnehmen. Generell ausgeschlossen von einer Ausbildung sind Menschen aus sogenannten „sicheren Herkunftsstaaten“, die ihren Asylantrag nach dem 31. August 2015 gestellt haben. 

Damit weniger Geflüchtete dauerhaft im Niedriglohnsektor arbeiten und mehr, entsprechend ihrer Qualifikationen, zu fairen Bedingungen beschäftigt sind, muss die Anzahl derer, die eine duale Berufsausbildung absolvieren, erhöht werden. Neben der Verkürzung der Asylverfahren und dem Ausbau der Sprachförderung ist dafür eines entscheidend: Die Bereitschaft der Betriebe, geflüchtete Menschen aufzunehmen und auszubilden.

Was jetzt ansteht

In dem im letzten Sommer erschienenen Positionspapier „Wege zur Integration von jungen Geflüchteten in die berufliche Bildung“ fordert das Bundesinstitut für Berufsbildung, die Stärken der dualen Ausbildung bei der Integration zu nutzen. Zu den ­vorgeschlagenen Maßnahmen gehören:

  • Potenzialanalysen und Kompetenzfeststellungsverfahren für alle Menschen mit Fluchterfahrung sowie Anerkennung von Kompetenzen und Berufsqualifikationen
  • Informationen und Berufsorientierungsangebote über das Berufsbildungssystem für alle Menschen mit Flucht­erfahrung (auch für nicht schulpflichtige)
  • Ausweitung der Angebote von Praktika und betrieblichen Phasen als Einstieg in die Ausbildung
  • Unterstützung von Unternehmen, etwa durch externes Ausbildungsmanagement und assistierte Ausbildung
  • Ausbau außerbetrieblicher Ausbildungsangebote und der Nachqualifizierung von Menschen mit Fluchterfahrung

 

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: 
BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 1/2017
www.bildungspraxis.de


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