Bildungsgespräche

Reckahner Bildungsgespräche 2011: "Schule in der Einwanderungsgesellschaft"

Spät und nur unzureichend hat das deutsche Bildungssystem auf den stetig wachsenden Anteil von Migranten in der Gesellschaft reagiert. Darüber waren sich die Teilnehmer der diesjährigen Reckahner Bildungsgespräche einig. Zwei Tage lang beleuchteten rund 60 Experten aus Wissenschaft, Politik, Justiz, Praxis, Wirtschaft und Kultur das Thema "Schule in der Einwanderungsgesellschaft".

07.06.2011 Artikel

Bereits zum sechsten Mal hatte der VdS Bildungsmedien zu den Reckahner Bildungsgesprächen eingeladen. Kooperationspartner waren wieder die Universität Potsdam, die Humboldt-Universität zu Berlin und die Technischen Universität Dresden.

Ein zentraler Aspekt beim diesjährigen Tagungsthema: die Sprachförderung. Seit Jahren steht sie ganz oben auf der Agenda von Bildungspolitik und Wissenschaft. Mit 17 verschiedenen Sprachtests sind mittlerweile mehr Programme im Einsatz, als es Bundesländer gibt. Und wiederum eine Vielzahl unterschiedlicher Sprachförderungsprogramme soll anschließend die ermittelten Defizite ausgleichen. Doch deren Erfolg ist ungewiss, das machte Hartmut Esser gleich zu Beginn der Tagung deutlich: Wirkliche Evaluationsstudien für Sprachförderprogramme suche man vergeblich. Die ernüchternde Aussage des Mannheimer Soziologen: "Es wird viel zu viel gemacht, ohne dass man weiß, was herauskommt."

Wir machen offensichtlich noch eine ganze Menge nicht richtig, erklärte auch Lilian Fried. Leider, so die Dortmunder Erziehungswissenschaftlerin, stehe immer noch die Suche nach dem richtigen Ansatz und dem richtigen Programm im Vordergrund, und nicht die Frage: Was funktioniert? Was ist effektive Sprachförderung, fragte auch Petra Stanat, um gleich selbst die Antwort zu geben: Wir wissen es nicht.

  • O-Ton Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), HU Berlin:
    Wir haben jetzt ein paar Studien im vorschulischen Bereich, die allesamt enttäuschende Ergebnisse erzielt haben. Im schulischen Bereich gibt es noch keine wirklich systematischen Interventionsstudien. Da sind wir noch ein bisschen ratlos. Man weiß aus anderen Ländern, dass solche Dinge wie dialogisches Lesen, Förderung von der sogenannten emergent literacy im vorschulischen Bereich wirksam sein könnte, aber wie genau man das dann in die Kita kriegt, wie man Erzieherinnen qualifizieren muss, damit sie es dann auch tatsächlich umsetzen, darüber wissen wir in der Tat noch sehr wenig.

<iframe width="485" height="306" src="http://www.youtube.com/embed/vLsmdbNRPJE" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> Also erst evaluieren und dann mit den Förderprogrammen in die Fläche gehen? Eher nicht. Umsetzung und Forschung sollten parallel laufen, so das Plädoyer der Erziehungswissenschaftlerin. Genau dieses Verfahren, berichtete Josef Erhard, Amtschef des Bayerischen Kultusministeriums, wende sein Bundesland an.

  • O-Ton Josef Erhard, Amtschef Bayerisches Kultusministerium:
    Wir begleiten unsere Maßnahmen jeweils durch das ISB unser staatseigenes Institut und lassen es evaluieren. Allerdings ist es nicht möglich, in der Regel Maßnahmen die wir einleiten bereits vorher evaluiert zu haben, sondern während des Einsatzes begleiten und schauen wir, ob der erhoffte Effekt da ist und oftmals tritt es so ein, dass eine einzelne Maßnahme in der Evaluation nicht die gewünschten Ergebnisse bringt aber ein Bündel von Maßnahmen dann wieder das Ergebnis erbringt.

Integration und Bildungserfolg - das wurde in Reckahn deutlich - sind abhängig von vielen Faktoren. So erinnerte Marianne Krüger Potratz daran, dass ausländische Kinder in Deutschland bis Ende 60er gar nicht schulpflichtig waren. Man dachte: Die bleiben sowieso nicht hier, erläuterte die Münsteraner Erziehungswissenschaftlerin. Der Status der Menschen ist ausschlaggebend, darauf verwies Haci Halil Uslucan: Ohne eine sichere Aufenthaltsgenehmigung fehlt ihnen die Lebensperspektive, so der Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Denn Menschen setzen sich nur Ziele, wenn sie Hoffnungen haben, unterstrich Oliver Masch. Der Hamburger Jugendrichter hat hauptsächlich mit Einwandererfamilien zu tun und versucht, den Jugendlichen aus diesen Familien Perspektiven aufzuzeigen. Etwa durch Sport, wie er berichtete: Es gebe viele Projekte - etwa nächtliche Trainingsprogramme in Turnhallen -, die auch von Sportlern mit Migrationshintergrund begleitet würden. Sport als Integrationsinstrument? Ja, sagte der ehemalige brandenburgische Bildungsminister und Präsident des Leichtathletik Verbandes Brandenburg, Steffen Reiche.

  • O-Ton Steffen Reiche, Präsident Leichtathletik Verband Brandenburg:
    Über Spielen im Sport, über sportliche Erfolge bekommen Kinder Wertschätzung und erleben Integration.

Die können sie auch in der Schule erleben, so Albert Schmid. Dann nämlich, wenn Unterrichtsinhalte und Lehrpläne international und nicht wie bislang mit Heimat- und Sachkunde oder Nationalökonomie zu sehr auf den nationalen Kosmos ausgerichtet seien, erklärte der ehemalige Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

Ob in Deutschland die Integration gelinge oder nicht, werde auf dem Feld der Bildung der Bildung entschieden, bekräftigte auch Navid Kermani. Der in Köln lebende Schriftsteller und Orientalist sieht zwar viele Anstrengungen und Verbesserungen, aber nach wie auch große Probleme. Nicht die ethnische Herkunft oder der Glaube seien entscheidend, sondern die sozialen Voraussetzungen. Und die spielten in Deutschland leider immer noch eine große Rolle in der Bildungsbiografie.

Einen Blick in die Befindlichkeit der Einwandererkinder gewährte schließlich Dilek Güngör. Sie kam damit wieder zurück auf das zentrale Thema Sprache und Sprachförderung und zeigte die Vielschichtigkeit dieses Problems auf. Sie habe in der Öffentlichkeit auch mit ihren türkischen Freundinnen immer nur deutsch sprechen wollen, um auf keinen Fall anders zu sein, als die anderen Kinder. Denn Kinder wollen einfach nur dazugehören, so die in Berlin lebende Schriftstellerin.

Die Sprachförderung stärker evaluieren, Erzieherinnen qualifizieren, mehr Migranten für den Lehrerberuf begeistern, die Elternarbeit an den Schulen durch Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund verbessern und mehr auf die Stärken der Kinder und Jugendlichen schauen als auf deren Defizite: Zum Thema "Schule in der Einwanderungsgesellschaft" wurden in diesen beiden Tagen viele Aspekte angesprochen, die genügend Stoff für weitere Debatten und Entwicklungen bieten. Und auch die nächsten Debatten in Reckahn stehen bereits im Terminkalender.

  • O-Ton Wolf-Rüdiger Feldmann, Vorstand VdS Bildungsmedien:
    Das Format ist nützlich, es ist hilfreich für die Wissenschaft für den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Praxis, Bildungspolitik und anderen Interessengruppen, die an unserem Bildungssystem beteiligt sind und insofern wird es Reckahn weiter geben, es ist einfach auch ein sehr schöner und historisch bildungspolitisch durchaus bedeutender Ort. Ja, die 7. Reckahner Bildungsgespräche werden 2012 stattfinden.

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