Süchte in realen und virtuellen Welten
Hübsch, schlank, erfolgreich - so ist der Idealmensch. In den Medien, denen sich kaum jemand entziehen kann, werden Ecken und Kanten nur selten gezeigt. Viele Menschen eifern einem Schönheitsideal nach, das es in der Wirklichkeit nicht gibt. In extremen Fällen kann das zu Essstörungen führen. Doch Medien verführen auch noch auf andere Weise: Sie können süchtig machen. Ob Internet, Handy oder Fernsehen - übermäßiger Konsum kann Schule, Beruf und Freunde verdrängen.
30.05.2008 Pressemeldung mitmischen.deAnders als bei körperlichen Abhängigkeiten sind psychische Abhängigkeiten nicht an einen bestimmten Stoff oder eine Droge gebunden. Zu dieser Form der Abhängigkeit gehören Essstörungen. Auslöser dafür gibt es viele: Hänseleien von Klassenkameraden, familiärer Druck oder der Wunsch, so schön zu sein, wie das Model in einer Modezeitschrift. Mangelndes Selbstbewusstsein, geringes Selbstwertgefühl oder Trennungserlebnisse können äußere Einflüsse verstärken - eine Veränderung muss her. Nach einer Umfrage der Max-Planck-Gesellschaft antworteten auf die Frage "Wolltest du jemals dünner sein?" 49 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen zwischen neun und dreizehn Jahren mit "Ja". Vor allem Heranwachsende lassen sich leicht verleiten und eifern der Traumfigur nach. Der Wunsch schlank zu sein, wird so stark, dass sie immer weniger essen. Die Folge: Magersucht. Die Nahrungsaufnahme wird extrem kontrolliert, der Bewegungsdrang verstärkt sich und oft wird auch Erbrechen herbeigeführt. Selbst wenn der Körper dünn ist, fühlen sich Magersüchtige dick. Sie haben große Probleme, die Krankheit anzuerkennen. Magersucht ist jedoch nicht mehr nur ein Problem, das vermehrt bei jungen Frauen auftritt. Auch bei Frauen ab 40 gibt es immer mehr Magersucht-Erkrankungen, Männer erkranken ebenfalls immer häufiger.
Politische Unterstützung
Der Bundestag hat sich diesem Thema angenommen: In einem aktuellen Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen wird die Bundesregierung aufgefordert, sich bei Modeunternehmen und Modelagenturen für Selbstverpflichtungen einzusetzen, keine Werbeverträge mit untergewichtigen Models abzuschließen oder diese in ihre Karteien aufzunehmen. Eine Kampagne soll auf die negativen Auswirkungen des Schlankheitswahns aufmerksam machen. Anstatt in Jugendzeitschriften falsche Schönheitsideale zu vermitteln, soll besser über Essstörungen aufgeklärt werden, fordern die Grünen. Auch in Schulen sollen Ernährung, Körperwahrnehmung und regelmäßige Bewegung thematisiert werden. Der Antrag wird derzeit in den Ausschüssen beraten.
Typisch für Bulimie: häufiges Erbrechen
Während Magersüchtige untergewichtig sind, haben Menschen, mit Bulimie ein Normalgewicht. Betroffene der sogenannten Ess-Brech-Sucht haben Heißhungerattacken, die durch anschließendes Erbrechen, Abführmittel oder Diäten wieder ausgeglichen werden sollen. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kann eine Heißhungerattacke zwischen 15 Minuten und vier Stunden dauern. Die meisten Bulimie-Erkrankungen - überwiegend bei Frauen - gibt es laut der Bundeszentrale zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Dadurch, dass Bulimiker meist normalgewichtig sind, wirken sie nach außen hin oft nicht krank. Wie Magersüchtige haben sie jedoch oft den Wunsch nach viel körperlicher Bewegung und sie beschäftigen sich übertrieben viel mit ihrer Figur und ihrem Gewicht. Oftmals kommen noch Alkohol-, Drogen und Medikamentenmissbrauch dazu. Die Ess-Brech-Sucht wird zwar erfolgreicher therapiert als Magersucht, aber je später sie erkannt wird, desto niedriger sind auch hier die Heilungschancen. Außerdem überschneiden sich Bulimie und Magersucht häufig.
Fettleibigkeit
Keinen Ausgleich zum übermäßigen Essen hingegen suchen sich Menschen, die an Fettleibigkeit beziehungsweise Adipositas leiden. Sie essen mehr als ihr Körper braucht. Gerade durch besonders kalorienreiche Nahrung werden immer mehr Fettzellen angesammelt. Oft begünstigen genetische Anlagen Fettleibigkeit. Bewegungsmangel, psychische Probleme und Medikamente können bei fettreicher Ernährung ebenfalls zu Übergewicht beitragen. Auch Kinder sind immer häufiger davon betroffen: Wie eine EU-Studie belegt, sind 27 Prozent der Jungen und 20 Prozent der Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren zu dick. Fast Food sowie übermäßiger Computer- und Fernsehkonsum führen schnell zu Übergewicht. Hat der Körper erstmal zu viele Fettzellen gespeichert, schwindet auch die Lust an der Bewegung - es entsteht also ein Teufelskreis. Übergewicht belastet Herz, Kreislauf und Gelenke. Außerdem erhöht es das Risiko, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) zu bekommen.
Selbstverletzung
Wie bei den Essstörungen liegt auch bei selbstverletzendem Verhalten (Autoaggression) eine schwere psychische Störung vor. Da beide Krankheiten ähnlichen psychologischen Mechanismen folgen, haben viele Menschen, die an Essstörungen leiden, häufig auch den Drang, sich selbst zu verletzen. Sich schneiden, verbrühen, die Knochen zu brechen oder die Haare auszureißen sind die häufigsten Formen der Selbstverletzung. Mit der Selbstverletzung können Gefühle verdrängt, aber auch unterdrückte Gefühle zur Äußerung gebracht werden. Die Ursachen sind vielfältig. Betroffene berichten, dass sie sich spüren wollen, um sich zu vergewissern, dass sie überhaupt am Leben sind, weil sie sich taub fühlen, für andere ist die Verletzung ein Ventil für Wut, Trauer oder Angst. Manche Betroffene wollen sich selbst bestrafen. Letzteres kommt häufig bei Opfern von körperlichem und sexuellem Missbrauch vor. Sie sehen die Schuld bei sich und bestrafen sich indirekt für die Misshandlungen. Aber auch mangelnder Rückhalt in der Familie, zum Beispiel durch alkohol- oder drogenkranke Eltern, kann zu selbstverletzendem Verhalten führen. Fast alle Betroffenen leiden unter Schuld- und Schamgefühlen. Viele verbergen ihr Leiden jahrelang und haben große Probleme, sich zu öffnen und Hilfe zu suchen.
Medien - Segen oder Fluch?
Während Magersucht, Bulimie, Fettleibigkeit und Selbstverletzungen bereits seit langem als psychische Krankheiten anerkannt sind, hat sich in den letzten Jahren eine neue psychische Abhängigkeit entwickelt: die Mediensucht. Fernsehen, Computer, Internet und seit neuestem auch Handys sind nicht nur eine Bereicherung für die informationsbasierte Gesellschaft - sie können auch abhängig machen. Hoher Fernsehkonsum kann Fettleibigkeit begünstigen. Der Fernseher dient als Informations- und Unterhaltungsmedium, das in fast jedem Haushalt verfügbar ist. Filme, Serien, Nachrichten, Dokumentationen - auf Knopfdruck zeigt er das, was der Zuschauer sehen will. Für manche ist ein Leben ohne Fernseher jedoch nicht mehr vorstellbar. Die Flimmerkiste ist ständig eingeschaltet, es wird wahllos gezappt oder die Freizeit nach dem Fernsehprogramm geplant. Ist der Fernseher nicht verfügbar, fühlen sich Fernsehsüchtige oft unwohl oder werden aggressiv. Ähnlich verhält es sich mit der Computer- beziehungsweise Onlinesucht. 95 Prozent der Haushalte, in denen 12- bis 19-Jährige aufwachsen, sind ans Internet angeschlossen. Knapp die Hälfte hat sogar im eigenen Zimmer einen Internetzugang. Zu diesen Ergebnissen kommt die JIM-Studie 2007, die seit 1998 das Medienverhalten Jugendlicher untersucht.
Gratwanderung: Sucht oder Faszination?
Der Rechner wird zum Mittelpunkt des Lebens, soziale Kontakte schwinden und das reale Leben wird durch das virtuelle ersetzt. Online-Rollenspiele, Chats, Foren und Mails haben für manche Menschen einen besonderen Reiz. Im Gegensatz zu den meisten anderen psychischen Abhängigkeiten ist die Onlinesucht alters-, geschlechts- und bildungsübergreifend. Es kann sowohl einen Schüler treffen, als auch eine Rechtsanwältin oder einen Familienvater. Im Internet gibt es zu jedem Thema Gleichgesinnte. Auch das Handy, handlich und allzeit verfügbar, kann süchtig machen - und zwar dann, wenn sich das Leben nur noch in der virtuellen Handywelt abspielt. Dabei kann gerade der Wunsch, ständig für andere erreichbar zu sein und immer zu wissen, was gerade passiert, schnell zur Handy-Sucht führen. Bei allen Medien ist der Übergang zwischen Faszination und Sucht nicht klar zu definieren, es gibt keine Stundenzahl pro Tag oder Woche, die festsetzt, wann jemand mediensüchtig ist. Bei dem Verdacht, dass eine Sucht besteht, sollten deshalb Fachleute zu Rate gezogen werden, um individuell zu entscheiden.
Medienabhängigkeit politisch eindämmen
Als Krankheit ist Onlinesucht bisher noch nicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt. Auch Therapieangebote sind nur spärlich vorhanden. Das soll sich ändern, wenn es nach dem aktuellen Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel "Medienabhängigkeit bekämpfen - Medienkompetenz stärken" geht. Hier wird unter anderem gefordert, das Krankheitsbild "Medienabhängigkeit" weiter zu erforschen und Beratungs- sowie Therapiemöglichkeiten auszubauen. Auch die Aufnahme in die Liste der WHO hält die Fraktion für wichtig. Derzeit wird der Antrag in den Ausschüssen beraten. Der Ausschuss für Kultur und Medien hat sich in einer öffentlichen Anhörung im April 2008 ebenfalls mit dem Thema auseinandergesetzt und Experten geladen. Dabei wurde deutlich, dass die Politik bei der Bekämpfung von Medienabhängigkeit tätig werden sollte.
Rechtzeitig Hilfe suchen
Das Eingeständnis einer psychischen Abhängigkeit fällt niemandem leicht. Umso wichtiger ist es, im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis auf Signale zu achten, die eine Sucht erkennen lassen. Denn wenn Abhängigkeiten weit fortgeschritten sind, können sich Betroffene meist nicht mehr selbst helfen. Wer eine Sucht bei sich selbst erkennt, aber Angst hat, Familie oder Freunde zu Rate zu ziehen, kann sich auch anonym an Beratungsstellen wenden. Auch wenn das Mut erfordert - sich helfen zu lassen, ist kein Zeichen von Schwäche.
Zusatz zum Thema: Interview-Podcast unter mitmischen.de abrufbar
Grietje Staffelt ist medienpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und unterstützt den Antrag "Medienabhängigkeit bekämpfen - Medienkompetenz stärken". mitmischen.de-Reporterin Daniela Dorsch hat sie in ihrem Bundestagsbüro besucht und mit ihr darüber gesprochen, wie gegen Medienabhängigkeit sinnvoll vorgegangen werden kann.
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