Trendbericht Kinder- und Jugendbuch 2007: Frühes Lesen – Der Führerschein für die Datenautobahn der Zukunft

Babys erforschen ihre Umwelt von Anfang an mit wachem Intellekt und kommunizieren schon lange vor den ersten Worten. In den ersten Lebensmonaten eines Kindes werden die Grundlagen für die Sprach- und Lesekompetenz gelegt, die als Schlüssel für alle weitere Bildung gelten. Bereits in dieser Phase muss die Förderung des Lesens beginnen. Das ist eine zentrale Forderung des Trendberichts Kinder- und Jugendbuch 2007, den die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen, der Arbeitskreis für Jugendliteratur, die Stiftung Lesen und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels heute auf einer Pressekonferenz während der Leipziger Buchmesse vorgestellt haben.

23.03.2007 Pressemeldung Börsenverein des Deutschen Buchhandels

"Die Warengruppe Kinder- und Jugendbuch ist weiterhin eine der stärksten auf dem deutschen Buchmarkt, auch wenn der Umsatz im vergangenen Jahr zurückgegangen ist", sagt Anja zum Hingst, Leiterin Kommunikation im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Umsatz der Warengruppe sank 2006 im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent. Der Anteil der Kinder- und Jugendliteratur am Gesamtmarkt der Bücher lag 2006 bei 13 Prozent (2005: 14,3 Prozent). Jeder fünfte Titel, der 2006 in diesem Segment verkauft wurde, war ein Bilderbuch. Die Zahlen wurden von media control GfK International im Auftrag des Börsenvereins ermittelt.

Literacy: Nach dem Buchkauf geht´s erst los

Bilderbücher haben für die frühkindliche Bildung eine besondere Bedeutung, betont Klaus Willberg, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen: "Lange bevor Kinder formal lesen und schreiben lernen, machen sie erste Literacy-Erfahrungen, also Erfahrungen mit der Lese-, Erzähl- und Schriftkultur." Bei Papp-Bilderbüchern beispielsweise erlernten Babys durch Deuten, Vorsprechen und Nachsprechen die Verbindung von Bildern mit Sprache und Schrift. Bücher, die eine solche Interaktion zwischen Kindern und Eltern fördern, gebe es laut Willberg bei den altersgemäß nachfolgenden Büchern jedoch selten. "Bücher müssen Aktionen provozieren und den Austausch zwischen Erwachsenen und Kindern anhand von Schrift, Wort und Bild geradezu erzwingen", sagt Willberg. Nur so würde eine vielfältige und intensive Literacy-Erfahrung ermöglicht. "Die Erwachsenen sind in der Pflicht: Sie sind nicht nur für die Auswahl der Bücher, sondern auch für den Umgang mit Büchern verantwortlich", so Willberg.

Mit Bilderbüchern zu mehr Bildungsgerechtigkeit

"Bilderbücher bilden: Vom realen Apfel in der Hand über das Bild des Apfels im Buch – durch Bücher lernen Kinder zu abstrahieren. Es werden Türen geöffnet in neue Welten des Wissens und der Phantasie", sagt Regina Pantos, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Ein Drittel der Kinder in Deutschland könnten von dieser Form des Wissenserwerbs jedoch nicht profitieren, da sie aus Familien stammen, in denen kaum Deutsch gesprochen werde, betont Pantos. Für die frühe Förderung dieser Kinder sei die Muttersprache von besonderer Bedeutung. "Wenn wir allen Kindern die gleichen Chancen in der frühkindlichen Bildung und Entwicklung einräumen wollen, brauchen wir ein größeres Angebot an fremdsprachigen Büchern", fordert Pantos. "Kinderliteratur ist kein schöngeistiger Luxus, sondern ein Teil unseres Bildungssystems. Sie sollte entsprechend in Fördermaßnahmen zur mehrsprachigen Erziehung einbezogen werden", so Pantos.

Spracherwerb ist mehr als Wörter-Sammeln

"Ob ´Mama´, ´Papa´ oder ´Ball´ – für ein Baby ist jeder neue Begriff eine faszinierende geistige Leistung", sagt Christoph Schäfer, Leiter der Pressestelle der Stiftung Lesen. Am Ende des zweiten Lebensjahres könne ein Kind etwa 200 bis 300 Worte sagen – und habe beim Wörter-Erwerben seine Hirnstrukturen so aktiviert, dass der weitere Wissenserwerb möglich wird. "Dieser Prozess wird durch Vorlesen entscheidend gefördert. Gerade hier besteht in Deutschland, wo zwei von drei Eltern ihren Kindern niemals vorlesen, Förderbedarf", so Schäfer. "Das Engagement ehrenamtlicher Vorleser im Rahmen von nationalen Kampagnen ist daher dringend notwendig, um Eltern von der Bedeutung des Vorlesens für die Entwicklung ihrer Kinder zu überzeugen."

Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj) wurde 1950 mit dem Ziel gegründet, die Zusammenarbeit von Jugendbuchverlagen zur gemeinsamen Förderung der Kinder- und Jugendliteratur zu organisieren und die Interessen ihrer Mitglieder in der Öffentlichkeit und gegenüber Behörden, Institutionen und Verbänden zu vertreten. Derzeit gehören der avj rund 70 Mitgliedsverlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an.

Der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. (AKJ) ist der 1955 gegründete Dachverband der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Ihm gehören rund 40 Mitgliedsverbände und über 200 Einzelpersonen an; der AKJ wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in dessen Auftrag er jährlich den Deutschen Jugendliteraturpreis verleiht. Seit 2003 entscheidet neben Kritikern eine unabhängige bundesweite Jury aus Jugendlichen über einen eigenen Preis in der Sparte Jugendbuch. Zu den zentralen Aufgaben des AKJ zählen die Förderung der Lesekultur in der Kinder- und Jugendbildung und der Kinder- und Jugendliteratur sowie Ausbau und Pflege internationaler Kontakte.

Der 1825 gegründete Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. vertritt die Interessen von insgesamt rund 6200 Verlagen, Buchhandlungen und Zwischenbuchhändlern. Der Verband ist Sprachrohr der Buchbranche und steht Öffentlichkeit und Politik beratend zur Seite. Mit der wirtschaftspolitischen Arbeit für das Buch ist untrennbar ein kultureller Auftrag verbunden: Der Börsenverein engagiert sich für das Kulturgut Buch und das Lesen, für die Meinungsfreiheit und die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft. Er veranstaltet die Frankfurter Buchmesse und verleiht jährlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Deutschen Buchpreis. Seit 1959 organisiert der Verband unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten den Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels. Er ist mit rund 700.000 Teilnehmern an 8.000 Schulen die größte Leseförderungsinitiative Deutschlands. 2004 wurde ein weiteres bundesweites Projekt zur Leseförderung ins Leben gerufen: "Ohr liest mit". Der Wettbewerb für kreatives Lesen und Hören.

Die Stiftung Lesen ist eine Ideenwerkstatt für alle, die Spaß am Lesen vermitteln wollen. Seit 1988 entwickelt sie zahlreiche Projekte, um das Lesen in der Medienkultur zu stärken. Dafür hat die gemeinnützige Organisation viele Medienpartner und Kultursponsoren gewonnen. Traditionell steht die Stiftung Lesen unter der Schirmherrschaft der Bundespräsidenten. Zweck der Stiftung Lesen ist die Förderung von Buch, Zeitschrift und Zeitung in allen Bevölkerungskreisen sowie die Pflege und der Erhalt einer zeitgemäßen Lese- und Sprachkultur, nicht zuletzt in den neuen Medien. Die Stiftung Lesen ist eine operative Stiftung. Neben der Durchführung von Forschungs- und Modellprojekten für Bund und Länder liegt der Schwerpunkt der Arbeit in breitenwirksamen Projekten, vor allem in den Feldern Kindergarten, Schule, Bibliothek, Buchhandlung sowie in den Medien. Dabei ist die Stiftung Lesen Plattform für die Verbindung von Wirtschaftsunternehmen mit modernen Formen der Leseförderung.

Ansprechpartner

Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Großer Hirschgraben 17-21
60311 Frankfurt am Main
Web: http://www.boersenverein.de

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