didacta 2007

"Wir lassen uns in unseren Reformen nicht beirren"

Seit Anfang 2006 ist die schleswig-holsteinische Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK). Gemäß den Spielregeln dieses Gremiums wird sie dieses Amt im Januar an ihren Nachfolger, den Berliner Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Jürgen Zöllner, abgeben. Föderalismusreform, nationaler Bildungsbericht, Umsetzung der Bildungsstandards - das sind einige Stichworte aus der Amtszeit von Ute Erdsiek-Rave. Wir wollten wissen, welche bildungspolitischen Hürden genommen wurden und was die drängendsten Fragen künftiger Bildungspolitik sind.

18.12.2006 Artikel

Driftet Bildung in den Bundesländern nach der Föderalismusreform noch stärker auseinander oder wird die "Klammer" (KMK) jetzt mehr denn je zuvor gebraucht?

Ute Erdsiek-Rave: Nach der Föderalismusreform hat jedes einzelne Bundesland eine noch stärkere Verantwortung. Das gilt zugleich auch für die KMK als Ebene, auf der koordiniert wird und auf der gesamtstaatliche Verantwortung wahrgenommen wird. Es kommt darauf an, dass die Abschlüsse gleichwertig bleiben – dazu haben wir Standards entwickelt. Denn es ist wichtig, dass die Mobilität von Schülerinnen und Schülern, von Lehrern, aber auch von Studierenden gewährleistet wird. Das heißt: Wir müssen in der KMK immer wieder versuchen, ein hohes Maß an Gemeinsamkeit zu erreichen und gleichzeitig natürlich auch einen Wettbewerb um die besten Lösungen zu ermöglichen. Das ist manchmal eine Gratwanderung und es ist manchmal auch schwierig. Aber alle Länder sind sich darüber bewusst, dass die KMK nach der Föderalismusreform eine stärkere Rolle spielt als vorher.

Weiterhin pflegt aber jedes einzelne Bundesland seine eigene Schulstruktur, die überwiegend dreigliedrig ist. Sind Standards da wirklich ausreichend, um etwa die Mobilität zu gewährleisten?

Ute Erdsiek-Rave: Standards zu setzen bedeutet für mich, dass das Ziel wichtiger ist als der Weg. Es gilt, bestimmte Kompetenzen zu erwerben, die von Konstanz bis Kiel gelten. Darüber hinaus kann man einen Trend beobachten: Es gibt mehr und mehr Länder, die sich auch wegen der demografischen Entwicklung für ein zweigliedriges Schulsystem entscheiden. Sie rennen bei mir offene Türen ein, wenn es um die Entwicklung der Schulstruktur geht. Ich setze aber auch darauf, dass diese Bewegung von unten kommen wird, dass die Eltern darüber diskutieren, dass es eine gesellschaftliche Debatte insgesamt gibt. Das erwarte ich auch von Seiten der Wirtschaft, die darauf drängt, dass unser Schulsystem durchlässiger werden muss.

Derzeit ist aber auch eine andere Bewegung zu beobachten: Statistisch gesehen wird jede Woche eine Privatschule in Deutschland gegründet – ist das nicht eine deutliche Absage an das öffentliche Schulsystem?

Ute Erdsiek-Rave: Für mein Bundesland kann ich das nicht bestätigen. Dennoch gibt es einen bundesweiten Trend. Das kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass unsere Gesellschaft weiter auseinanderdriftet. Dass diejenigen, die es sich leisten können, der Meinung sind, dass ihre Kinder sind in privaten Einrichtungen besser aufgehoben sind. Diese generelle Propaganda ´Unsere Schulen sind schlecht´, der mit jeder neuen PISA-Untersuchung noch eins drauf gesetzt wird, tut natürlich auch ihre Wirkung. Doch unsere öffentlichen Schulen sind besser als ihr Ruf. Es wird immer wieder auf PISA 2003 verwiesen. Inzwischen sind aber drei Jahre vergangen, in denen sich an unseren Schulen wirklich etwas verändert hat. Mir widerstrebt dieses generelle Niedermachen unserer Schulen, denn es hat auch fatale Auswirkungen auf die Motivation von Lehrern und Schülern. Außerdem weckt es bei den Eltern ein generelles, wenn auch unbegründetes Misstrauen gegenüber Schule.

Dieses Misstrauen hat jetzt ja wohl wieder neue Nahrung bekommen: Die Ergebnisse der PISA-Sonderstudie über die Lernerfolge in Mathematik und Naturwissenschaften sind nicht gerade ermutigend. Es müsse ein individuell fördernden wie fordernden Unterricht entwickelt werden, haben Sie erklärt. Bildungsstandards allein reichen also nicht. Muss nun dringend auch die Lehreraus- und Weiterbildung umgekrempelt werden?

Ute Erdsiek-Rave: Was den Mathematikunterricht angeht, müssen wir die Lehren aus dem großen SINUS-Projekt ziehen und aus dieser sehr erfolgreichen Strategie zur Verbesserung des Unterrichts in Mathematik und Naturwissenschaften ein Konzept entwickeln, das für alle Schulen wirksam ist. SINUS ist ein gutes Beispiel dafür, wie man den Unterricht auch in relativ kurzer Zeit deutlich verbessern kann, wie man die individuelle Förderung in den Mittelpunkt stellen und einen handlungsorientierten Unterricht entwickeln kann. Dieser stellt eben nicht die alten Methoden von Frontalunterricht und Stillarbeit in den Mittelpunkt und fördert die Selbsttätigkeit der Schüler. Neue Lehr- und Lernmethoden müssen in der Lehrerfortbildung auf eine breite Basis gestellt werden. Und da sind auch die Hochschulen gefordert, weil hier noch zu sehr an dem festgehalten wird, was immer schon war.

Nun ist aber auch die Seriosität der PISA-Studie insgesamt ins Gerede gekommen - die Bundesländer haben unterschiedlich reagiert, die KMK selbst will prüfen - wird die Teilnahme an internationalen Studien in Zukunft schwieriger?

Ute Erdsiek-Rave: Es ist klar, dass wir uns eine solche Kritik gründlich anschauen müssen. Doch die sehr dezidierte Stellungnahme der PISA-Forscher hat mittlerweile erhebliche Mängel bei dieser Kritik offen gelegt. Im Grunde genommen aber ist der Streit um die wissenschaftlichen Methoden müßig, weil wir die entscheidenden Ergebnisse auch vorher in anderen Untersuchungen wie IGLU oder TIMSS ermittelt haben. Da ging es um die gleichen Befunde: Wir haben eine zu große Risikogruppe, Migranten werden benachteiligt, und der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Bildungserfolg ist erschreckend. All das sind Befunde, die niemand abstreiten kann. Wir lassen uns durch diesen Streit in unseren Reformen nicht beirren und auch nicht in der Teilnahme Deutschlands an den internationalen Untersuchungen.

Die mangelnde Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems wird immer wieder kritisiert. Einmal eingeschlagene Wege können nur selten verlassen werden. Das gilt etwa auch für den Übergang von der beruflichen zur akademischen Ausbildung. Sind in Zukunft mehr Kooperationen zwischen den Bildungsbereichen zu erwarten?

Ute Erdsiek-Rave: Wir sind uns einig in dem Ziel, dass der Zugang zu den Hochschulen breit sein muss und wir mehr Hochschulabsolventen brauchen. Da ist inzwischen vieles in den Hochschulgesetzen der einzelnen Bundesländer in Bewegung geraten. Auch in Schleswig-Holstein, wo der Übergang aus einer beruflichen Ausbildung ins Studium im neuen Hochschulgesetz mittlerweile klar geregelt worden ist.

Apropos Durchlässigkeit im Bildungssystem – ist dieses Thema eins der wichtigsten auf der bildungspolitischen Agenda der nächsten Jahre?

Ute Erdsiek-Rave: Auf jeden Fall. Es ist klar, dass die Durchlässigkeit und die Anschlussfähigkeit im gesamten Bildungssystem in Deutschland wirklich verbessert werden muss. Das gilt auch zwischen den Schularten, denn da haben wir noch erheblichen Nachholbedarf. Das ist eine der wichtigsten Fragen künftiger Bildungspolitik.

Nach dem Blick in die Zukunft, noch ein kurzer Abstecher in die Vergangenheit: Welches war die für Sie bildungspolitisch wichtigste Entscheidung in Ihrer Amtszeit als KMK-Präsidentin?

Ute Erdsiek-Rave: Da gibt es einige, etwa die Ausrichtung der KMK nach der Föderalismusreform, der gemeinsame Bildungsbericht mit dem Bund, die Erklärung "Fördern und Fordern" mit den Lehrerverbänden. Für mich persönlich aber war es ein Anliegen, das Thema geschlechtergerechte Schule auf die Tagesordnung zu setzen und das Augenmerk auf die besonderen Probleme von Jungen in unserem Bildungssystem zu legen.


Weiterführende Links

  • Ministerium für Bildung und Frauen, Schleswig-Holstein
  • Kultusministerkonferenz

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