Die Allgemeine Sekundarschule - Anforderungen an eine moderne Schule

"Rückläufige Schülerzahlen müssen nicht zwangsläufig zum Verlust eines wohnortnahen Bildungsangebots führen. Sie können auch als Chance dafür angesehen werden, die dringend erforderliche Schulreform voranzutreiben", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW) anlässlich des diesjährigen Bildungspolitischen Symposiums des VBE in Düsseldorf. "Allerdings hilft hier keine ´Augen zu und durch-Mentalität´, wie sie die Landesregierung an den Tag legt."

11.05.2006 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW

Durch rückläufige Schülerzahlen sind in NRW insgesamt 499 Hauptschulen und 113 Realschulen in ihrem Bestand bedroht. Diese Zahlen beziehen sich auf das Schuljahr 2005/06. Im Vergleich zum Vorjahr ist dabei die Zahl der gefährdeten Hauptschulen um 21% gestiegen, die der gefährdeten Realschulen sogar um 47%.

Nicht nur die rückläufigen Schülerzahlen werden mittelfristig dazu führen, dass das Schulsystem in seiner jetzigen strikt gegliederten Form nicht erhalten bleiben kann. Die aktuelle Schulstatistik des Landes NRW weist aus, dass die Anmeldezahlen zur Hauptschule im laufenden Schuljahr mit 16,3% ihren historischen Tiefstand erreicht haben. Auch die Zahl der Übergänge zur Realschule ist im Vergleich zum Schuljahr 2003/04 von 28,7% auf 27,5% gesunken. Damit haben die Realschulen in diesem Zeitraum 6000 Schülerinnen und Schüler verloren. Das sind etwa 200 Schulklassen.

"Die Landesregierung muss sich dieser Entwicklung stellen und sollte sie als Chance zum Umdenken in Schulstrukturfragen ansehen", so Beckmann weiter. "Es hilft nichts, immer wieder zu betonen, dass das gegliederte Schulsystem in der jetzigen Form auf jeden Fall erhalten bleiben soll. Es wird schon allein angesichts dieser Zahlen nicht zu erhalten sein. Wer diese Entwicklung nicht zur Kenntnis nimmt, handelt fahrlässig."

Die Möglichkeiten, die der neue Schulgesetzentwurf den Schulträgern bietet, um auf diese Entwicklung rechtzeitig und adäquat reagieren zu können, gehen an der Wirklichkeit vorbei. Um eine Hauptschule und eine Realschule zu einem Schulverbund zusammenschließen zu können, müssen diese mindestens drei Parallelklassen pro Jahrgang haben. Da das Gymnasium laut Schulgesetzentwurf grundsätzlich nicht für Schulverbünde zur Verfügung stehen darf, hilft dieser Paragraph vielen Schulträgern aber nicht. Die Schulträger wollen flexiblere Lösungen. Der Städte- und Gemeindebund fordert beispielsweise in seiner Stellungsnahme zum Schulgesetzentwurf eine Experimentierklausel, um ein Modell wie die Allgemeine Sekundarschule einrichten zu können.

"Auftrag einer demokratischen Schule ist die Integration und zwar nicht nur die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund", so Beckmann weiter. "Das Kollegium der Rütli-Hauptschule Berlin hat es kürzlich auf den Punkt gebracht. "Hauptschule in der jetzigen Form isoliert Schülerinnen und Schüler. Das spüren sie und benehmen sich entsprechend." Zu behaupten, Hauptschülerinnen und Hauptschüler würden ihre Probleme dann in andere Schulformen tragen, wenn sie nicht mehr unter sich bleiben, ist zynisch. Eine solche Argumentation zeigt nur, dass die Hauptschule offenbar nur das Sammelbecken für problematische Fälle sein soll, damit die anderen Schulformen sich damit nicht auseinandersetzen müssen. Das kann kein Pädagoge, aber auch kein Schulpolitiker allen Ernstes wollen."

Der VBE bleibt dabei, dass ein längeres gemeinsames Lernen allen Schülerinnen und Schüler mehr Anregungen bieten kann als eine strikte Trennung nach Schulformen. Das verhindert eine frühe Stigmatisierung und das Gefühl, sowieso keine Perspektive zu haben. Zu einem anregungsreichen Lernklima gehört auch, dass Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlicher Leistungsfähigkeit und unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund zusammen und voneinander lernen können. Die modernsten und erfolgreichsten Bildungssysteme Europas machen uns das vor.


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