Philologenverband: Folgen einer Komplettrückkehr zur alten Rechtschreibung sind für Schüler nicht zumutbar!

Den Versuchen, die Folgen einer vollständigen Rückkehr zur Rechtschreibung von 1991 an den Schulen zu bagatellisieren, tritt der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, entgegen. "Ein komplettes Zurück zur alten Rechtschreibung ist für die Schüler nicht zumutbar", sagte er. Er widersprach damit ausdrücklich auch dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der eine Rückumstellung als weitgehend unproblematisch bezeichnet hatte.

11.08.2004 Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)

Im Einzelnen würde ein Komplettrückkehr die Schulen nach Ansicht des DPhV-Vorsitzenden vor folgende schwerwiegende Probleme stellen:

  1. Die gesamte Systematik des Rechtschreibunterrichts wäre gefährdet. Da in jedem Schuljahr aufbauend andere Schwerpunkte der Rechtschreibung (z. B. in der Unterstufe des Gymnasiums ss/ß-Schreibung, in der Mittelstufe Zusammen - und Getrenntschreibung) unterrichtet werden, wäre es unmöglich, der jetzigen Schülergeneration eine über Jahrgangsstufen hinweg kontinuierliche, aufbauende Kenntnis der deutschen Rechtschreibung zu vermitteln.
  2. Als weitere Folgewirkung ist zu befürchten, dass bei den Schülern die Rechtschreibsicherheit abnehmen und keinesfalls zunehmen wird. Die bei einer Komplettrückkehr wiederum unumgängliche mehrjährige Übergangsfrist ermuntere die Schüler geradezu, sich weder mit neuer noch mit alter Rechtschreibung intensiv zu befassen.
  3. Es werden auf Jahre hinaus kaum genügend Bücher in alter Rechtschreibung zur Verfügung stehen. Da die Kommunen und Länder derzeit ihre Bücherzuschüsse ständig reduzieren, könnten die Kosten für neue Bücher entweder nur komplett an die Eltern weitergegeben werden oder Neuanschaffungen müssten auf Jahre hinaus unterbleiben. Letzten Endes stellt sich damit die Frage, ob die Lehrmittelfreiheit noch aufrecht erhalten werden kann.
  4. Die Lehrer-Unterrichtsmaterialien in sämtlichen Fächern sind in neuer Rechtschreibung verfasst. Diese müssten mit hohem Aufwand ersetzt werden. Hinzu kommt, dass der in den vergangenen Jahren nötige zusätzliche Korrekturaufwand für die vorgeschriebene Kennzeichnung von Schreibweisen als "überholt" über weitere fünf bis zehn Jahre fortgesetzt werden müsste.

"Außerdem sehe ich die Gefahr, dass eine ganze Generation von Jugendlichen den Glauben an die Verlässlichkeit politischer Entscheidungen zu verlieren droht", betonte Meidinger.

Der DPhV-Vorsitzende bekräftigte die Position seines Verbandes, der deutliche Nachbesserungen bei der Zusammen- und Getrenntschreibung stets als notwendig bezeichnet hatte. Es dürfe aber nicht übersehen werden, dass große Teile der Rechtschreibreform wie etwa die neue ss/ß-Schreibung weitgehend unumstritten seien.

Meidinger richtete einen dringenden Appell an die Ministerpräsidenten-Konferenz, durch einen einheitlichen Beschluss, der Nachbesserungen in Teilbereichen auf der Grundlage der jetzigen Reform vorsehe, endgültig für "Rechts- und Rechtschreibsicherheit" zu sorgen.


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