Über Schulkarrieren wird immer früher entschieden

(jd) In Deutschland werde ein unglaublich bürokratischer Aufwand getrieben, um Schüler zu sortieren, erklärte der Bildungswissenschaftler Klaus Klemm heute in Berlin. Die Gesetzestexte, so die GEW-Schulexpertin Marianne Demmer, enthielten viele Aussagen zur Selektion, zur Förderung aber fast gar nichts.

18.11.2004 Artikel

Auf einer Pressekonferenz hatte die GEW die Studie "Selektivität und Durchlässigkeit im deutschen Schulsystem" der Bildungsforscher Gabriele Bellenberg, Gertrud Hovestadt und Klaus Klemm von der Uni Duisburg-Essen vorgestellt.

"Abstieg: ja, Aufstieg: nein. Ist ein Kind erst einmal in eine Schulform einsortiert, ist das System fast nur noch in eine Richtung 'durchlässig', nämlich nach unten. Über 75 Prozent der Schüler, die die Schulart in der Sekundarstufe 1 wechseln, werden abgestuft", unterstrich Demmer. Lediglich ein knappes Viertel schaffe den Aufstieg in eine höherwertige Schulform. Zwar sei es später möglich, nicht erreichte Schulabschlüsse nachzuholen. "Das Gymnasium bleibt aber das Maß aller Dinge. Viele Arbeitgeber nehmen lieber einen Realschüler mit schlechten Noten als einen Hauptschüler mit guten", sagte die Gewerkschafterin.

Über Schulkarrieren wird immer früher entschieden. Denn, so der Bericht, "wo es in den letzten Jahren Veränderungen gab, war dies in allen Fällen mit der Herabsetzung des Selektionsalters verbunden." So wurde in Niedersachsen die Orientierungsstufe abgeschafft und die Schulformentscheidungen auf Klasse 4 vorverlegt und in Bayern finden nun ebenfalls alle Schulformentscheidungen nach Klasse 4 statt. Lediglich in Berlin und Brandenburg besuchen die Kinder gemeinsam eine sechsjährige Grundschule.

Die Mobilität zwischen den Schulformen hat, so die Studie, zwar zugenommen, allerdings handelte es sich dabei nur um wenige Wechsel zu höheren Schulformen (3,2 %) und um vergleichsweise viele Wechsel zu niedrigeren Schulformen (11,2%).

Seit Jahren, so stellten die Wissenschaftler außerdem fest, steige die Quote der Sonderschulbesuche ungebrochen. Im Schuljahr 2000/01 besuchten 4,6% der Schülerinnen der Klassen 1 bis 10 der allgemein bildenden Schulen eine Sonderschule. Im aktuellen Schuljahr 2004/05 dürfte die 5%-Marke bereits erreicht und somit jedes 20. Kind an eine Sonderschule überwiesen sein. Fazit: Der Ausschluss aus dem allgemeinen Schulsystem nimmt zu.

Weiterführender Link

Die Studie "Selektivität und Durchlässigkeit im deutschen Schulsystem" (.pdf-Format)


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