Abraham, Moses, Jesus – interreligiöse und interkulturelle Erziehung in Kitas verbessern

Jedes achte Kind in einer deutschen Kindertagesstätte stammt aus einer muslimischen Familie; in Ballungsgebieten sind es wesentlich mehr. Viele Defizite in Sachen inter­religiöser Bildung in Deutschlands Kitas diagnosti­ziert eine von der Stiftung Ravensburger Verlag finanzierte und begleitete reli­gionspädagogische Studie. Aus den repräsentativen Daten entwickelte das Forschungsteam der Universität Tübingen einen Katalog von Empfehlungen für die Praxis. Diese wurden bei einer Fach­tagung, die Stiftung und Wissenschaftler in Zusammen­arbeit mit dem baden-württem­bergischen Ministerium für Kultus, Jugend und Sport in Stutt­gart veranstalteten, vor­gestellt und diskutiert. An der Tagung nahmen mehr als 200 Verant­wortli­che aus Kita-Trägerorganisationen, Bildungs-, Sozial- und Jugend-Politik teil.

04.07.2012 Pressemeldung Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag
  • © Ingo Heine/Stiftung Ravensburger Verlag

Wenn Schinkenbrot und Gummibärchen tabu sind

Das breit angelegte bundesweite Forschungs- und Ent­wicklungs­pro­jekt ermittelte erstmals repräsenta­tive Daten zur interreligiösen und interkul­tu­rellen Situ­ation in deutschen Kitas. Das Wissenschaftler­team an der Universi­tät Tübin­gen be­frag­te deutschlandweit über 2.800 Erzieher/innen an 487 Kitas, interviewte Eltern und Kinder und entwickelte Emp­feh­lungen für Praxis und Politik. Den Ergebnissen der Studie zufolge findet in den Kindergärten in Deutschland interreligiöse und inter­kulturelle Bil­dung nicht in der notwendigen Verbreitung statt, wobei interkulturelle Bildung deutlich anerkannter ist als interre­ligi­öse Bildung. In der repräsentativen Erzieher/innenbefragung gaben 84 Pro­zent an, in ihrer Gruppe Kinder mit Migrati­onshintergrund zu betreuen; mit Blick auf verschie­dene Religionszugehö­rigkeiten waren es 77 Pro­zent. 58 Prozent der Erzieher/innen berichteten, dass Kita-Kinder aus religiö­sen Gründen oft bestimmte Lebensmittel nicht essen dürfen.

Bildungspolitik muss reagieren

"Nicht nur in Ballungsgebieten, auch in ländlichen Regionen steigt das Bewusstsein, in einer multi­reli­giösen und multikulturellen Welt zu leben. Das verlangt von den Menschen Respekt füreinan­der, Akzep­tanz der Vielfalt und vor allem Toleranz. Die frühkindliche Erziehung und Bildung kann einen maß­geb­lichen Beitrag dazu leisten." Mit diesen Worten eröffnete Stiftungsvorsitzende Dorothee Hess-Maier die Stuttgarter Fachtagung. Konfessionelle und auch kommunale Kitas stünden vor neuen An­for­derungen interreligiöser und interkultureller Erziehung. Die aus den Forschungsergebnis­sen re­sul­­tie­renden Empfehlungen richteten sich auch an die Bildungspolitik; die Orientierungs- und Bil­dungs­­pläne müssten auf die Empfehlungen reagieren, sie ergänzen und bekannt machen. "Die Um­setzung für die Praxis muss mit allen politischen Möglichkeiten unterstützt und beim anstehenden Aus­­bau der Einrichtungen konsequent berücksichtigt werden", so der Appell der Stiftungsvorsitzen­den.

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Kinder brauchen Vertrauen in das Leben und Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft – egal welchen Glauben sie haben

Dr. Frank Mentrup MdL, Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, sprach über den interreligiösen Bildungsauftrag in der frühkindlichen Erziehung. Er sagte: "Unser Ziel muss sein, dass Kinder lernen, Menschen mit anderem Glauben offen und ohne Vorurteile zu begegnen und die Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrzunehmen. Im Kern des Themas geht es darum, Kinder im Vertrauen in das Leben auf der Basis lebensbejahender religiöser bzw. welt­anschaulicher Grundüberzeugungen zu erziehen. Sie sollen in der Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft und ein gutes Miteinander gestärkt werden. Nach dem Bildungsauftrag des Orientierungs­plans sollen sie dabei sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede der verschiedenen Religionen differenziert entdecken, wahrnehmen und schließlich wertschätzen lernen."

Erzieher-Teams mit unterschiedlichen Konfessionen bilden

Erwachsene als Eltern, Erzieherinnen, Erzieher und Tageseltern haben nach Auffassung von Staatssekretär Dr. Mentrup für Kinder die wichtigste Vorbildfunktion. Er erläuterte dies: "Dazu braucht es nicht nur eine entsprechende Einstellung und Verhaltensweise. Erzieherinnen und Erzieher sowie Tageseltern müssen auch durch passgenaue Ausbildungsinhalte darauf vorbereitet werden, konkrete religiöse Inhalte zu vermitteln. Wenn möglich sollten auch Teams aus Erziehenden mit un­terschiedlichen Konfessionen eingesetzt werden. Über allen organisatorischen Vorbereitungen steht aber, dass wir Kindern Respekt und Wertschätzung für andersgläubige Menschen vorleben. Dann werden sie lernen, zu unterscheiden, ohne zu werten. Sie werden die Fähigkeit erwerben, sich zu orientieren, ihren eigenen Weg zu suchen und diesen dann auch finden."

Kitas gegenüber Grundschulen benachteiligt

Nur 7 Prozent der untersuchten Einrichtungen hätten einen Moscheebesuch im Programm, berichtete der katholische Religionspädagoge Professor Dr. Albert Biesinger. "Neben den üblichen Ausflügen zur Feuerwehr, in Backstube und Kirche sollte ein Moschee- und Synagogen­besuch ebenso selbstver­ständlich sein." Der evangelische Religionspädagoge Professor Dr. Friedrich Schweitzer mahnte seinerseits, man dürfe nicht aus Angst vor Konflikten die Religionen aus den Kitas verbannen. "Reli­gion ist eine positive Ressource, nicht ein Problemfaktor!" Weder Erzieherinnen noch Eltern seien auf die Herausfor­de­rungen interreligiöser Bildung in Kitas vorbereitet, obwohl bereits vier- und fünfjäh­rige Kinder reli­gi­öse Fragen stellen. Forschungsteamkollegin Akademi­sche Rätin Dr. Anke Edelbrock erweiterte den bil­dungs­po­litischen Blickwinkel noch: "Es macht keinen Sinn, mög­lichst vielen Grundschul­kindern, seien sie christlich, muslimisch oder jüdisch, eine religiöse Begleitung zu garan­tie­ren, sie den Kindern im Elementarbereich aber zu verweigern."

Empfehlungen zur interreligiösen Bildung in Kitas für Praxis und Politik

Die Wissenschaftler entwickelten einen Katalog von Empfehlungen zur interreligiösen Bildung in Kindertagesstätten, unter anderem:

  • Religiöse Feste im Kita-Alltag: Advent, Weihnachten, Ramadan, Opferfest und Chanukka;
  • Geschichten aus Bibel und Koran erzählen;
  • Gemeinsame Personen aus Bibel und Koran wie Abraham, Moses und Jesus sichtbar machen und Unterschiede erklären;
  • Kirchen, Moscheen, Synagogen mit allen Kindern besichtigen;
  • Eltern im Erstgespräch auf religiöse Fragen und familiäre Prägungen ansprechen;
  • Religiöse Kompetenz der muslimischen, christlichen und jüdischen Eltern nutzen;
  • Vorurteilsbelastete Einordnungen nach der Religionszugehörigkeit vermeiden;
  • Interreligiöse und interkulturelle Bildung fester Bestandteil der Erzieherinnen-Ausbildung;
  • Klare Zielbeschreibungen für Erzieher/innen in nicht-konfessionellen Kitas.

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Best-Practice: Vorreiter-Kitas in Reutlingen und Karlsruhe

Das Praxis-Buch zum Thema erschien unter dem Titel "Religiöse Vielfalt in der Kita" (Cornelsen-Verlag). Darin werden 17 deutsche Kitas vorgestellt, in denen vorbildliche interreli­giöse und inter­kultu­relle pädagogi­sche Arbeit bereits heute geleistet wird. Diese Kitas befinden sich in Aachen, Augsburg (2), Bad Segeberg, Berlin, Bremen, Brühl, Dresden, Frankfurt am Main, Hamburg, Karlsruhe, Lübeck, Marl, Mainz, München, Offen­bach und Reutlingen.

Buchtitel zum Forschungsprojekt:

PRAXISBUCH: Anke Edelbrock / Albert Biesinger / Friedrich Schweitzer (Hrsg.): Religiöse Vielfalt in der Kita. So gelingt interreligiöse und interkulturelle Bildung in der Praxis. Mit Fotos von Ingo Heine. Gefördert durch die Stiftung Ravensburger Verlag Cornelsen / Scriptor 2012. 16,95 Euro

FORSCHUNGSERGEBNISSE: Friedrich Schweitzer / Albert Biesinger / Anke Edelbrock (Hrsg.): Interreligiöse und Interkulturelle Bildung in der Kita. Eine Repräsentativbefragung von Erzieherinnen in Deutschland – interdisziplinäre, interreligiöse und internationale Perspektiven. Interreligiöse und Interkulturelle Bildung im Kindesalter Band 3. Gefördert durch die Stiftung Ravensburger Verlag. Waxmann Münster 2011. 24,90 Euro

FORSCHUNGSERGEBNISSE: Albert Biesinger / Anke Edelbrock / Friedrich Schweitzer (Hrsg.): Auf die Eltern kommt es an. Interreligiöse und Interkulturelle Bildung in der Kita. Interreligiöse und Interkulturelle Bildung im Kindesalter Band 2. Gefördert durch die Stiftung Ravensburger Verlag. Waxmann Münster 2011. 24,90 Euro

FORSCHUNGSERGEBNISSE: Anke Edelbrock / Friedrich Schweitzer / Albert Biesinger (Hrsg.): Wie viele Götter sind im Himmel? Religiöse Differenzwahrnehmung im Kindesalter. Interreligiöse und Interkulturelle Bildung im Kindesalter Band 1. Gefördert durch die Stiftung Ravensburger Verlag. Waxmann Münster 2010. 29,90 Euro

PILOTSTUDIE: Friedrich Schweitzer / Albert Biesinger / Anke Edelbrock (Hrsg.): Mein Gott – Dein Gott. Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten. Beltz Pädagogik (Stiftung Ravensburger Verlag) 2008/9. 26,90 Euro

VORLÄUFERPROJEKT: Biesinger / Kerner / Klosinski / Schweitzer (Hrsg.): Brauchen Kinder Religion? Neue Erkenntnisse – Praktische Perspektiven. Beltz Pädagogik (Stiftung Ravensburger Verlag) 2005. 26,90 Euro

Flyer Tagungsprogramm

Ansprechpartner

Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag
Postfach 1860
88188 Ravensburg
Web: http://www.stiftung.ravensburger.de

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