Bildung: Geld falsch angelegt?

(bikl) Die Versäumnisse des deutschen Bildungssystems kommen Staat und Gesellschaft teuer zu stehen. Das zumindest erklärt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Nach einer Untersuchung des Instituts zielten im Jahr 2004 knapp 3,7 Milliarden Euro oder 7 Prozent des Schul- und Berufsschulbudgets ins Leere, weil die Jugendlichen die Ziele des Bildungssystems nicht erreichten.

12.01.2006 Artikel
  • © bikl.de

Akribisch hat das Institut die Zahlen zusammengetragen: Lege man die jeweiligen jährlichen Ausgaben je Schüler in den einzelnen Schularten zugrunde, dann kosteten allein die 82.000 Jungen und Mädchen, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verließen, sowie die 246.000 Berufsschulabgänger ohne Abschluss den Staat fast 1,5 Milliarden Euro, heißt es in der Untersuchung. Weitere gut 1,2 Milliarden Euro würden dadurch vergeudet, dass mehr als 250.000 Schüler eine Klasse wiederholen mussten. Und 815 Millionen Euro erfüllten nicht ihren Zweck, weil 154.000 Schüler am Ende der Sekundarstufe I nicht die erforderlichen Grundfähigkeiten hatten, um eine Ausbildung erfolgreich absolvieren zu können.

Vorbeugen statt reparieren

Statt diesen Problemen vorzubeugen, so das Institut, werde hierzulande lieber repariert: Schätzungsweise 3,4 Milliarden Euro dürfte es im Jahr 2004 zusätzlich gekostet haben, jungen Menschen über nachschulische Qualifizierungsmaßnahmen überhaupt ansatzweise eine Chance am Arbeitsmarkt zu verschaffen.

Die Verfasser der Studie schlagen stattdessen vor, Kinder früher und individuell zu fördern, ähnlich wie in Finnland, Südkorea, Kanada, Australien, Neuseeland und Schweden. Dort richte sich der Unterricht nach dem individuellen Potenzial der Schüler, ihrer Leistungsmotivation, ihren Fähigkeiten und Interessen sowie den unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten. So könnten auch schwächere Schülerinnen und Schüler die nächste Stufe erklimmen, weil man ihnen gezielt dabei helfe. Anders hierzulande, wo die Schüler von hohem Leistungsdruck berichteten und sich damit allein gelassen fühlen: Denn drei von fünf Schülern in Deutschland berichten, dass sich ihre Lehrer niemals oder lediglich während einiger Unterrichtsstunden für den Lernfortschritt der einzelnen Schüler interessieren.

Systemfehler

Der Fehler liege im System, so das IW. Denn nach wie vor seien Schulen und Lehrer nicht verpflichtet, den Erfolg ihrer pädagogischen Bemühungen nachzuweisen. Für Abhilfe sorgten schließlich viele Eltern selbst – mittels privater Nachhilfe. Die kostet die Eltern nach Schätzung des Statistischen Bundesamt etwa 4,6 Milliarden Euro im Jahr. In den skandinavischen Ländern hingegen müssten die Schulen selbst für Nachhilfe sorgen. In Deutschland würden die "Problemfälle" an die nächste Instanz weitergereicht. Eigentlich dürfte das Kind gar nicht erst in den Brunnen fallen – würde schon im Kindergarten und zu Beginn der Schullaufbahn dort gegengesteuert, wo es offensichtlich schief läuft.

Verhaltene Zustimmung

Bildungsverbände fühlen sich durch die neue Studie in ihren Reform-Forderungen bestätigt, berichtete die Frankfurter Rundschau, warnten allerdings vor einer rein ökonomischen Analyse. Kritik an der IW-Studie, so die FR, kam vom Deutsche Philologenverband zum Thema Siitzenbleiber: Eine Ehrenrunde sei "keine Vergeudung", wurde hier der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger zitiert. Vielen böte sich dadurch die Chance, doch noch einen guten Schulabschluss zu machen.

Links:


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden