Bürokratie zum Wohl des Kindes?

"Das vom Schulministerium geplante Verfahrung zur Feststellung des Sprachförderbedarfs vierjähriger Kinder ist das Gegenteil des von der Landesregierung immer wieder propagierten Bürokratieabbaus", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW). "Hier scheint vielmehr ein neues bürokratisches Monstrum zu entstehen, das Grundschullehrerinnen und –lehrer ohne zwingend Grund erheblich belasten wird."

12.10.2006 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW

Auf der Basis des § 36 des Schulgesetzes sollen nach den Vorstellungen des Schulministeriums künftig die etwa 175.00 Kinder des entsprechenden Jahrgangs in einem formalisierten Verfahren auf ihren Förderbedarf getestet werden. Diese Tests werden voraussichtlich im März 2007 stattfinden und sollen von Grundschullehrerinnen und –lehrern durchgeführt werden. Etwa 160.000 der zu testenden Kinder besuchen Kindertageseinrichtungen. Im Schulministerium rechnet man damit, dass von diesen 160.000 Kindern etwa 120.000 definitiv keinen Förderbedarf haben werden. Für die restlichen 40.000 soll es dann voraussichtlich im Mai 2007 einen weiteren Test zur endgültigen Ermittlung des Förderbedarfs geben. Diese sollen dann zusammen mit den 15.000, die keine Kindertageseinrichtung besuchen, von etwa 1500 bis 2000 besonders geschulten Grundschullehrerinnen und –lehrern gestestet werden. Die Förderung übernimmt anschließend die jeweilige Kindertageseinrichtung.

Dem VBE liegt ein Vorschlag des Landkreistages vor, der dieses Verfahren erheblich vereinfachen, Kosten sparen und darüber hinaus Grundschullehrerinnen und –lehrern nicht ohne Not zusätzliche Aufgaben aufbürden würde. Dieser Vorschlag beinhaltet, dass das pädagogische Personal in den Kindertageseinrichtungen die Kinder bereits als förderbedürftig bzw. nicht förderbedürftig einstuft. Zum einen konnten Erzieherinnen und Erzieher die Kinder bis zum vierten Lebensjahr bereits eine Zeitlang beobachten und dabei feststellen, ob ein Kind Förderbedarf hat oder nicht. Zum anderen sind sie für die Förderung zuständig und brauchen daher ohnehin entsprechende Fortbildungen. Standardisierte Tests müssten dann nur noch bei den Kindern durchgeführt werden, deren Eltern die Sprachförderung verweigern wollen, und bei denen, die keine Kindertagesstätte besuchen. Der VBE ist dabei der Auffassung, dass auch diese Tests von den Erziehrinnen in den Kindertageseinrichtungen durchgeführt werden könnten.

"Der VBE unterstützt den pragmatischen und realistischen Vorschlag des Landkreistages und fordert die Landesregierung auf, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen", so Beckmann weiter. "Seine Umsetzung würde dazu führen, dass Erzieher/innen und Lehrer/innen auf gleicher Augenhöhe arbeiten. Es ist aber darüber hinaus für uns auch nicht nachvollziehbar, warum die Landesregierung ein so aufwendiges Verfahren anstrebt, wenn mit weniger Aufwand und geringerer Belastung der Schulseite der gleiche Effekt erzielt werden kann. Die Landesregierung wäre gut beraten, auch an dieser Stelle das Schulgesetz zu ändern."


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