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Zwischen Erschöpfung und Engagement: Wie Bildungssysteme Resilienz lernen

Personalmangel, hohe Krankenstände, Fluktuation und nicht zuletzt die Corona-Pandemie: Gesundheit und Wohlbefinden pädagogischer Fachkräfte geraten zunehmend unter Druck. Welche Faktoren die Resilienz im Bildungssystem stärken können, ist ein wichtiges Diskussionsthema auf der didacta 2026.

22.01.2026 Bundesweit Artikel Stefany Krath
  • Ein Mann steht an eine Wand gelehnt und hält seine Brille in der Hand. Der Mann wirkt gestresst und erschöpft. © www.pexels.com Die Befunde aus Schule und frühkindlicher Bildung zeigen ein gemeinsames Muster: Belastung entsteht nicht allein durch die Intensität pädagogischer Arbeit, sondern durch das Zusammenspiel aus hohen Anforderungen und begrenzten strukturellen Ressourcen.

Die gesundheitliche Situation pädagogischer Fachkräfte rückt zunehmend in den Fokus der Bildungsforschung. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass emotionale Erschöpfung, hohe Arbeitsbelastung und Zeitmangel für viele Sozialarbeitenden, Lehrkräfte und Kita-Mitarbeitenden zum Berufsalltag gehören.

Im Deutschen Schulbarometer 2025 gibt fast ein Drittel der befragten Lehrkräfte an, sich mehrmals pro Woche erschöpft zu fühlen, zehn Prozent sogar täglich. Neben Erschöpfung werden auch Distanzierung und Zynismus gegenüber der Arbeit genannt – typische Belastungsindikatoren. Als größte berufliche Herausforderung nennen Lehrkräfte das Verhalten der Schülerinnen und Schüler: Verhaltensauffälligkeiten, psychische Belastungen, mangelnde Motivation und Konzentrationsprobleme prägen den Schulalltag. Direkt dahinter folgen jedoch mit 34 Prozent Arbeitsbelastung und Zeitmangel – ein Problemfeld, dessen Bedeutung im Vergleich zum Vorjahr um 6 Prozent zugenommen hat.

Lehrkräfte-Coach Isabel Probst, die regelmäßig mit Lehrerinnen und Lehrern im Austausch steht, beschreibt die Situation im Interview mit dem SWR nüchtern: „Was am meisten auf der Seele brennt, ist die absolute Überlastung. Viele Lehrkräfte erleben eine Diskrepanz zwischen ihrem pädagogischen Anspruch und dem, was im Alltag umsetzbar ist.“ Diese Spannung wirke sich häufig auch auf Gesundheit und Privatleben aus.

Im Kita-Bereich ist die Situation ähnlich. Eine Auswertung der Bertelsmann-Stiftung von Krankenkassendaten zeigt, dass der Krankenstand bei Kita-Mitarbeitenden mit knapp 30 Tagen pro Jahr gegenüber 20 Tagen bei allen Berufsgruppen besonders hoch liegt. Dabei sind die Arbeitsunfähigkeitstage beim Kita-Personal allein zwischen 2021 und 2023 um etwa 26 Prozent gestiegen. In der Rangfolge der Ursachen liegen psychische Erkrankungen auf Platz 2 hinter Atemwegsinfektionen – was auf Belastungsfaktoren hinweist, die über eine rein körperliche Beanspruchung hinausgehen.

Resilienz: nicht nur individuell, sondern systemisch

Die Befunde aus Schule und frühkindlicher Bildung zeigen ein gemeinsames Muster: Belastung entsteht nicht allein durch die Intensität pädagogischer Arbeit, sondern durch das Zusammenspiel aus hohen Anforderungen und begrenzten strukturellen Ressourcen. Genau an dieser Stelle setzt die aktuelle Resilienzforschung an – und rückt den Blick weg von individuellen Bewältigungsstrategien hin zu den Bedingungen, unter denen pädagogische Arbeit stattfindet.

Prof. Dr. Karla Verlinden, Professorin für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Resilienz an der Katholischen Hochschule NRW, sowie Dr. Teresa Frank und Jennifer Malek vom Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität zu Köln forschen zum Thema Resilienz. Auf der didacta 2026 stellen die drei Wissenschaftlerinnen die Ergebnisse ihrer NRW-weiten Befragung von über 1.100 Lehrkräften vor. Im Vergleich aktueller Lehrkräfte mit solchen, die den Schuldienst verlassen haben, zeigt sich: Abwanderungsabsichten hängen weniger mit der pädagogischen Arbeit selbst zusammen als mit mangelnder Teamresilienz und organisationaler Resilienz. „Natürlich lässt sich an der individuellen Widerstandsfähigkeit arbeiten. Das sind psychologische Prozesse, die beispielsweis mit Selbstwirksamkeitstraining zu tun haben“, erklärt Verlinden. „Unsere Interviews und Fragebögen-Analysen zeigen aber auch: Wenn Gestaltungsspielräume fehlen oder innovative Ansätze von der Schulleitung und dem Kollegium konstant nicht unterstützt werden, dann entsteht eine Art stille Kündigung, ein Rückzug des eigenen Engagements. In diesem Punkt können das Kollegium, aber vor allem auch die Schulleitung, viel einzahlen in die Bleibeabsicht von Lehrkräften, wenn sie sagen: ‚Mach du mal, ich vertraue dir‘.“

Dr. Teresa Frank ergänzt: „Was Lehrkräfte in unseren Interviews als entlastend beschreiben, ist gemeinsame Arbeit, gegenseitige Wertschätzung und das Aufbrechen des weit verbreiteten Einzelkämpfertums.“ Lehrkräfte, die ihre Arbeit als Teamaufgabe erlebten, berichteten häufiger von Stabilität und beruflicher Zufriedenheit.

Supervision: ein struktureller Unterschied

Die Bedeutung kollegialer Unterstützung ist in anderen pädagogischen und sozialen Arbeitsfeldern, wie der Sozialen Arbeit, der Psychotherapie oder der Heimerziehung, seit langem strukturell verankert. Dort gelten Austausch, Reflexion und professionelle Begleitung nicht als individuelle Option, sondern als Bestandteil institutioneller Qualitätssicherung. Lehrkräfte hingegen verfügen selten über vergleichbare Angebote. „Lehrkräfte sind keine Therapeuten oder Psychologinnen – trotzdem wird von ihnen erwartet, hochkomplexe Beziehungs- und Konfliktsituationen eigenständig zu reflektieren“, so Verlinden. Externe Supervision oder Coaching könnten helfen, Rollen zu klären, Überforderung frühzeitig zu erkennen und professionell gegenzusteuern.

Multiprofessionelle Teams als Entlastungsfaktor

Supervision ermöglicht es, Belastungen im Schulalltag professionell zu reflektieren. Eine nachhaltige Entlastung entsteht jedoch dort, wo Verantwortung im Alltag breiter verteilt wird und zusätzliche Fachkompetenzen dauerhaft in die schulische Arbeit eingebunden sind.

Diese strukturelle Perspektive spiegelt sich auch in den Einschätzungen von Schulleitungen wider. In der Cornelsen Schulleitungsstudie 2025 benennen sie Gesundheit zwar als eine der zentralen Herausforderungen, verknüpfen diese jedoch vor allem mit organisatorischen Lösungen. Entsprechend sehen 95 Prozent der Befragten multiprofessionelle Teams als zentral für die Schule der Zukunft. Die Zusammenarbeit mit Schulsozialarbeit, Schulpsychologie oder weiteren pädagogischen Fachkräften erweitert Handlungsspielräume und entlastet Lehrkräfte im schulischen Alltag.

Verlinden und Frank verweisen zudem auf die Bedeutung von Stabilität im Kollegium. Studien zeigen, dass häufige Personalwechsel mit Unterbrechungen in pädagogischen Beziehungen einhergehen – mit Auswirkungen auf Lernprozesse und schulische Entwicklungsarbeit. Diese Effekte beschränken sich nicht auf die Grundschule, sondern lassen sich auch in weiterführenden Schulen beobachten. „Wenn wir wirklich erfolgreiche Bildungsbiografien fördern wollen, müssen wir dafür sorgen, dass Lehrkräfte gerne zur Schule kommen und dort auch konstant bleiben“, so Verlinden.

Systemische Resilienz als bildungspolitische Aufgabe

Über die einzelne Schule hinaus verweisen aktuelle Untersuchungen, wie zum Beispiel der „Education Policy Outlook 2025“ der OECD, auf die bildungspolitische Dimension von Resilienz. Die Forschung zur organisationalen und systemischen Resilienz zeigt, dass stabile Rahmenbedingungen entscheidend dafür sind, ob Einrichtungen langfristig handlungsfähig bleiben. Dazu zählen verlässliche Personalplanung, Ressourcenpuffer für Vertretungen, feste Zeitkontingente für Kooperation sowie Qualifizierungsangebote für Führungskräfte. Auch die systematische Erfassung von Belastungslagen – etwa durch regelmäßige Befragungen von Fachkräften – gilt in der Organisationsforschung als zentrales Frühwarninstrument. Verlinden und Frank betonen in diesem Zusammenhang, dass man sich nicht erst dann mit dem Konzept von Resilienz befassen sollte, wenn Fachkräfte ausfallen oder das System verlassen, sondern es als Qualitätsmerkmal strukturell und damit dann auch präventiv verankert werden müsse.

Ein Thema für die didacta 2026

Die Frage, wie Bildungssysteme resilienter werden können, ist längst keine Randnotiz mehr. Sie betrifft Schulen, Kitas, die Berufliche Bildung ebenso wie Hochschulen – und sie entscheidet darüber, ob Fachkräfte im System bleiben oder es verlassen. Genau dieses Spannungsfeld diskutieren Expertinnen und Experten auf der didacta 2026.

Vom 10. bis 14. März 2026 findet die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse unter dem Leitthema „Alles im Wandel. Bildung im Fokus“ statt. Ideeller Träger und Kurator des Rahmenprogramms ist der Didacta Verband, der Verband der Bildungswirtschaft.

Bringen Sie sich aktiv ein, entdecken Sie Best Practices und nehmen Sie frische Impulse für Ihren Berufsalltag mit durch einen Besuch der didacta 2026 in Köln. Sichern Sie sich hier Ihr Ticket für die Bildungsmesse.

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2026 finden Sie unter www.didacta-messe.de, auf Facebook, Instagram und LinkedIn.

Information für Redaktionen: Interviews, Videos, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Quellenangabe: Dieser Beitrag erschien zuerst im didacta-Themendienst.

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