Lernen könnte so schön sein
(bikl/pm) Nie wieder in seinem späteren Leben, hier sind sich Pädagogen und Neurobiologen einig, ist ein Mensch so neugierig, aufnahmefähig und kreativ wie während der Phase seiner frühen Kindheit. Diese wertvolle Basiskompetenz scheint den Kindern jedoch auf rätselhafte Weise im Laufe ihrer Ausbildungszeit abhanden zu kommen.
20.09.2005 ArtikelDiesem und anderen Phänomenen des Lernens und der Lernforschung geht der heutige ARTE-Themenabend nach: Welchen Beitrag leistete die in den letzten 15 Jahren boomende Hirnforschung? Wie steht es um den Dialog zwischen den Disziplinen der Pädagogik und der Neurobiologie? Welches sind die Qualitätskriterien, mit denen der Erfolg einer sogenannten "erfolgreichen Bildung" in Zukunft gemessen werden soll? Drei Dokumentationen präsentieren Wissenswertes über den für alle lebensnotwendigen Lernvorgang, erzählen von seinem Gelingen und wie Kinder sich ihre Lernwelt wünschen.
20.45 Uhr: Das Wissen vom Lernen
Dokumentarfilm von Erika Fehse
In den letzten Jahren wurden bei der Erforschung des Gehirns rasante Fortschritte gemacht. Mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren sind die Wissenschaftler in der Lage, dem Gehirn beim Sprechen, Fühlen und Rechnen zuzuschauen. Zwar sind längst noch nicht alle neuronalen Prozesse entschlüsselt, doch die Hirnforscher haben erste Erkenntnisse wie das Lernen funktioniert.
Der Film "Das Wissen vom Lernen" begibt sich an die Schnittstelle zwischen Pädagogik und Hirnforschung. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage "Wie kann Lernen gelingen?" wissen Schlafforscher, Biologen, Psychologen und Erziehungswissenschaftler Erstaunliches zu berichten. Es werden bemerkenswerte Verbindungen zwischen den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung und alten reformpädagogischen Strategien sichtbar.
21.35 Uhr: Aus Erfahrung klug
Dokumentarfilm von Heide Breitel
1990 war die Ferdinand-Freiligrath-Schule noch eine ganz normale Hauptschule in Berlin Kreuzberg, eine Schule mitten in einem "sozialen Brennpunkt", offene Gewalt war an der Tagesordnung, hohe schulische Ineffektivität kennzeichnete den Schulalltag. Die Institution Schule selbst war an ihre Grenzen geraten. 80 Prozent der Kinder waren nichtdeutscher Herkunft.
Die für Schüler und Lehrer gleichermaßen katastrophale Situation forderte die Schulleiterin Hildburg Kagerer geradezu heraus, neue Wege zu beschreiten - und sie initiierte das Projekt "KidS" - Kreativität in der Schule. Das Konzept ist einfach und einleuchtend zugleich. Durch sogenannte "Dritte", damit sind Menschen aus unterschiedlichen Berufs- und Lebensbereichen gemeint, wurde die traditionelle Schulstruktur aufgelöst. Bildhauer, Maler, Filmemacher, Fotografen, Theaterregisseure, Schauspieler, Musiker, Computerfachleute, Handwerker und Sporttrainer erarbeiten nun in sogenannten "Arenen" gemeinsam mit den Lehrern und den Schülern ihre Sachgebiete und zwar Fächer und Jahrgangsstufen übergreifend.
"Schule muss der Ort sein, wo junge Menschen herausfinden, mit welcher Fähigkeit sie in der Gesellschaft bestehen können", sagt die Direktorin. Die "Dritten", das ist an jeder Stelle des Filmes zu beobachten, bringen die echte Welt in die Schule und die Kinder machen begeistert Erfahrungen, die ihr Selbstbewusstsein stärken und das Lernklima in den anderen Fächern verbessern. Wie die Kreativität in einer Schule wiederbelebt werden kann, das faszinierte auch den Gehirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther, der sich deshalb bereit erklärte, hier selbst als "Dritter" in einer Arena mitzuarbeiten. Die Fragen, die er sich gemeinsam mit den Jugendlichen beantworten wollte: Wie lernt man? Wie verliert man die Lust am Lernen? Wie gewinnt man innere Haltungen und innere Überzeugungen? Was macht einen stark als Kind und was schwach? Wie können neue Wahrnehmungen in das schon Vorhandene im Gehirn integriert werden, wann klappt das und wann nicht? Die Schulpflicht wird hier zum Schulrecht, es geht um aufrichten statt unterrichten.
22.25 Uhr: "Ich bau'mir ein Schloss". Ein Kindertraum?
Dokumentarfilm von Elfi Mikesch
Leander weiß genau, wie seine Traumschule aussehen würde: "Ich bau´ mir ein Schloss". Ein richtiges Paradies eben, wie er sagt. Die Wirklichkeit um ihn herum sieht ganz anders aus: Im Hof vor seinem Fenster brüllen häufig Betrunkene und vor kurzem hat sich einer aus dem Haus vom Balkon gestürzt. Seine Mutter hat auch schließlich eine Wohnung in einer ruhigeren Gegend gefunden. Doch Leander liebt seine alte Heimat, er liebt die Bäume hier und dass man dort so schön spielen kann. Leander, ein neunjähriger Junge aus Berlin, zeigt den Zuschauern seine Sicht auf die Welt, was er von ihr lernt. Und er steht stellvertretend für viele Kinder in den Großstädten.
Es fällt schwer, den Orten, wo Leander und seine beiden Freunde Moritz und Pablo spielen, einen besonderen Reiz abzugewinnen. Doch die Kinder haben sie sich erobert. Sie arrangieren sich mit diesen reduzierten Handlungsräumen, sie erfinden die Welt neu und erproben ihre Stärke. Sie "hangeln"sich durchs Leben - und sehen sehnsüchtig durch eine Papprolle in eine von ihnen gestaltete Welt. Denn die Sehnsucht der Kinder nach Veränderung, nach ganz anderen realen Erfahrungs- und Erlebnisräumen bleibt. Nach einer anderen Welt, in der ihre Ideen respektiert und gefördert werden. Wo sich durch Träumen und Zaubern so manches verwirklichen lässt. Wo ihnen die Erwachsenen beim Bau ihrer Schlösser helfen. "Mit ganz viel Lernraum", wie Leander das nennt.
Der Themenabend wird am 21. September ab 15.15 Uhr wiederholt.
Links
ARTE
Weitere Informationen zum Film "Das Wissen vom Lernen"
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