Noch nie war richtiges Schreiben so preiswert
(bikl) Derweil Hans Zehetmair noch unter dem Motto "Dem Volk aufs Maul schauen!" mit dem Rat für deutsche Rechtschreibung um den Konsens zur Reform der Reform ringt, wird bei den Wörterbuchverlagen nichts auf die lange Bank geschoben. Wie sie denn richtig zu schreiben haben, das soll den Deutschen auch in Zeiten offener Findungsprozesse des Rates nicht verborgen bleiben und die Erfahrung lehrt seit nunmehr 125 Jahren, dass ihnen dazu ein Wörterbuch optimale Hilfestellung leistet.
12.07.2005 ArtikelSo hatte die Mutter aller deutschen Wörterbücher, der Dudenverlag in Mannheim, bereits im Sommer vergangenen Jahres den Beschluss der Kultusminister zur Einführung des neuen Regelwerks zum 1. August dieses Jahres zügig umgesetzt und den Duden in Auflage 23 sowohl mit der neuen deutschen Rechtschreibung und den auslaufenden Varianten der alten Regeln aufgelegt. Die Deutschen hatten offensichtlich nach sechs Übergangsjahren genug von weiteren Diskussionen um die Rechtschreibung und kauften den Duden gleich in die Spitzenpositionen der Sachbuch-Bestsellerliste. Solch munter sprudelnde Umsatzquellen bleiben auch für andere Verlage nicht unentdeckt und folgerichtig stellte sich auch die Redaktion des WAHRIG auf das Zeitfenster des endgültigen Inkrafttretens der neuen Regeln ein und kündigte aus Gütersloh für den August 2005 ein neues Wörterbuch an.
Die Entwicklung
So weit ganz normale Vorgänge im Wettbewerb des Marktes. Inzwischen hatte aber der niedersächsische Landesfürst Wulff mit satter Medienunterstützung genug Mitstreiter gefunden, um den Beschluss der eigenen Kultusminister auszuhebeln und die Diskussion ums richtige Schreiben erneut loszutreten. Damit war die Partie wieder offen, ein Rat für deutsche Rechtschreibung aus der Taufe gehoben und Stoff für Spekulationen darüber, was am Ende dabei wohl raus kommen würde, reichlich vorhanden. Die Kultusminister bewiesen in der verfahrenen Situation viel Mut zur Schadensbegrenzung und erklärten in einem erneuten Anlauf wenigstens die unstrittigen Teile des Regelwerks zum vorgesehen Termin, dem 1. August 2005 für verbindlich. Die Verlage blieben also bei ihren Planungen, denn gerade in Zeiten des Übergangs nimmt die Rechtschreibunsicherheit zu und der Griff zum Wörterbuch wird umso notwendiger.
In Nachbars Garten
Für den Vertrieb des WAHRIG hatten die Bertelsmänner sich inzwischen mit dem führenden Schulbuchverlag Cornelsen zusammen getan. Diese Kooperation kam den Berlinern gerade recht, hatte sich doch erst im September vergangenen Jahres der Duden- mit dem Paetec-Verlag verbunden und nicht ganz unbescheiden ein Drittel des Schulbuchmarktes für sich beansprucht. Kein Wunder also, dass Cornelsen sich jetzt umso mehr für die Domäne der Mannheimer interessierte, den Wörterbuchmarkt. Für ein Wörterbuch von der Qualität des WAHRIG sah man sich bestens positioniert im angestammten Terrain, nämlich in den Schulen. Hilfreich bei diesem Einstieg würde ein entsprechend schülerfreundlicher Preis sein, der immerhin 25% unter dem des Duden liegen sollte.
Purzelnde Preise
Das wiederum mundete den Mannheimern nicht so richtig und eingedenk des Jubiläumsjahres 125 Jahre Duden wollte man den Käufern auch einen Grund zum Feiern geben und drückte den Preis auf das Jubiläumsniveau von 15 Euro - also just auf den WAHRIG-Preis. Die Allianz Gütersloh/Berlin sah durch diese Aktion den Vorteil des schulfreundlichen eigenen Preises schwinden und fackelte nicht lange mit einer Antwort: Zur Einführung wird der neue WAHRIG jetzt für Euro 12.95 zu haben sein.
Ein Lob auf die Gesetze des freien Marktes wird so manchem Käufer des WAHRIG oder des Duden durch den Kopf gehen. Aber ist das nicht nur eine ökonomische Umschreibung der Zehetmair'schen Phrase, der dem Volk bekanntlich aufs Maul schaut? Aufs Maul schaut der Markt nun wahrlich nicht, er schaut auf den Beutel, in diesem Fall zum Nutzen der Käufer und des richtigen Schreibens. Da wünscht man der Zehetmair'schen Runde doch ähnlich effektive Ergebnisse zum Nutzen der Schüler und der Einfachheit.
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