Online Educa 2004: Espresso-Maschine und bequeme Stühle als Lernhilfen
(bikl) Am Freitag ging die Online Educa 2004 zu Ende. Die größte Internationale Konferenz zum Thema E-Learning feierte ihr 10-jähriges Bestehen mit rund 1600 Teilnehmern aus 66 Nationen. Als Konferenz mit flankierender Ausstellung ausgelegt, bietet sie der internationalen E-Learning Gemeinde eine Plattform, um neue Entwicklungen zu überschauen und Best Practices zu teilen.
06.12.2004 ArtikelInformal Learning
In der Session zum Thema 'Corporate Learning' stellte Jay Cross (CEO eLearning Forum) das Konzept des 'Informal Learning' vor. Für ihn steht dieser Begriff für jede Art des informellen Lernens, wie z.B. "andere beobachten" oder "den Kollegen im nächsten Büro fragen". Es habe sich gezeigt, dass diese Form des Lernens besonders effektiv sei: "80% des Lernens findet informell statt. Gleichzeitig geben Firmen aber 80% ihres Bildungsbudgets für formelles Training aus." Cross weiß auch warum Informal Learning meist leider kein großes Thema ist: "Man kann damit kein Geld verdienen." Informal Learning zu fördern sei hingegen sehr simpel: "Stellen sie eine Espresso-Maschine auf und kaufen sie bequeme Stühle. Geben sie den Leuten die Möglichkeit zu kommunizieren."
Natürlich kann auch Technologie dem Informal Learning zugute kommen. So genannte Plogs (Project-Logs) - eine Abwandlung der populären Blogs - können dazu eingesetzt werden, das vorhandene Wissen in Projekt-Teams besser zu nutzen. Lernt ein Mitarbeiter z.B. wie er die Funktion der neuen Buchhaltungssoftware ausführt, die heraus zu finden er so lange brauchte, schreibt er es in sein Plog. Nun hat jeder andere Mitarbeiter im Team Zugriff auf dieses Wissen.
Ad-hoc-Learning
Lernen passiert in diesem Fall ad-hoc, also genau dann, wenn das Wissen gebraucht wird. Statt Mitarbeiter im Voraus auf Schulungen zu schicken, von denen sie sowieso die Hälfte vergessen würden, solle man die Kommunikation in der Gruppe stärken.
Ein eindringliches Beispiel für Situationen in denen ad-hoc Lernen unabdingbar ist, skizzierte Fabrizio Cardinali (CEO Giunti Interactive Lab) in der Session "Future Of E-Learning": Erste-Hilfe bei einem Verkehrsunfall. Eine Schulung in Wiederbelebungsmaßnahmen wird im eingetretenen Notfall kein Passant mehr absolvieren können. Cardinali denkt daher, dass Anwendungen, die in Echtzeit dieses Wissen auf dem Mobiltelefon vermitteln können, bald dazu beitragen werden, Leben zu retten.
Open-Source / Open-Content
Die Bewegung auf der Software-Seite von bezahlter Software hin zu bezahltem Service ist in vollem Gange. Auf der Ausstellung fanden sich einige Anbieter, die entweder genau dies als Geschäftsmodell praktizieren ( MMBase Foundation, Mediator Group) oder als Bildungsanbieter von Open-Source profitieren (Open University of the Netherlands).
Aber auch im Bereich des Content scheinen sich die alten Business-Modelle aufzulösen. "In Zukunft werden sich Bildungsanbieter über Service differenzieren und nicht über den Content", meint Paul Stacey (BCCampus), in einer Session zum Thema Open Source. Auch Gerry White (CEO education.au limited) meint: "In Zukunft wird es auf Services ankommen, z.B. wie die einzelnen Contentmodule zusammengepackt und angeboten werden."
So geht der BCCampus als Verbund von 27 Universitäten in Kanada schon jetzt diesen Weg. Kreiert eine Universität einen E-Learning Kurs für den Verbund, so hat jede teilnehmende Uni das Recht, diesen ebenfalls zu nutzen oder auch weiterzuentwickeln. Der Content ist somit für alle partizipierenden Universitäten frei zugänglich. Nur durch unterschiedliche Darbietung, Kombination mit anderen Kursen und begleitende Services können die Institutionen konkurrieren.
E-Learning in Deutschland
Die FH Lübeck präsentierte sich als Partner des Projektes Baltic Sea Virtual Campus. Dieser Verbund von Anrainern der Ostsee startete im Oktober seine beiden ersten E-Learning Studiengänge: Master of Industrial Engineering und Master of Transregional Management. Ausgerichtet auf Angestellte, erleichtert es der E-Learning Ansatz den Teilnehmern, das Studium mit ihrem Berufsleben zu vereinbaren.
Die Initiative ich-will-schreiben-lernen.de ist seit dem 8. September online und schon jetzt ein großer Erfolg: "Die User-Zahlen, die wir für ein Jahr geplant hatten, waren schon nach wenigen Wochen übertroffen." (Ignatz Heinz, Availlan) Technisch ist die Anwendung besonders innovativ: "Daran, wie Sie ein Wort falsch schreiben, findet das System heraus, was Sie noch lernen müssen."
Exportgut Bildung
iMOVE als Einheit des Bundesinstituts für Berufsbildung arbeitet daran, Bildung als deutsches Exportgut zu etablieren. Unterstützt werden Bildungsanbieter unter anderem durch Marktstudien über potenzielle Zielländer und Delegationsreisen in diese sowie eine Datenbank, die eine zentrale Anlaufstelle für interessierte ausländische Nachfrager darstellt.
"Know-how auf Spezialgebieten wie der Umwelttechnik gibt deutschen Anbietern international entscheidende Wettbewerbsvorteile", so Sigrid Meiborg (iMOVE). Die in der Dualen Ausbildung verwurzelten praktischen Elemente vieler Bildungsangebote würden diese zusätzlich interessant machen.
Kreativität
Ein nicht ganz so gutes Schlaglicht warf Stephen Hepell (Director Ultralab) in der Session "Future Of E-Learning" auf die Bildungsambitionen europäischer Länder insgesamt. Hepell unterteilte die Welt in zwei Arten von Ländern. Zum einen in solche, die Produktivität im Bildungssektor bevorzugen. Sie würden versuchen, die Kosten zu drücken. Zum anderen in die, die Kreativität bevorzugen. Sie vernachlässigen die Kosten, weil sie wüssten, "dass sie die sowieso in Steuern wieder zurückbezahlt bekommen". Das Zeichen für Kreativität setzte Happel auf seiner Karte bei einigen wenigen Ländern in Nord-Europa und Südostasien. Deutschland war (noch) nicht dabei.
Keine Kommentare vorhanden