Vierjährige Mathematiker

(bikl/mm) Mit den „Entdeckungen im Zahlenland“ begeistert Professor Gerhard Preiß international schon Vierjährige für Mathematik. Der ehemalige Professor für Didaktik der Mathematik an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg lässt die Kinder mit lustigen Abenteuern, Bewegung und verschiedenen Sinnen die Welt der Zahlen entdecken. Im Zahlenhaus, auf dem Zahlenweg und in den Zahlenländern können die Kinder ihrem natürlichen Entdeckungsdrang folgen und lernen Zahlen und Formen spielerisch kennen und verstehen. Das Preiß-Konzept zur frühen mathematischen Bildung wird bereits in vielen Kindergärten und Tageseinrichtungen erfolgreich angewandt. Für fröhliche Spielrunden zuhause hat er zusammen mit dem Autor Kai Haferkamp das Abenteuerspiel Ritter Kunibert im Zahlenland für Ravensburger entwickelt. Im Interview erläutert Prof. Preiß sein Konzept.

11.05.2006 Artikel
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Professor Preiß, Sie haben die frühe mathematische Bildung von Kindern umgekrempelt. Um was geht es bei Ihrem Konzept Entdeckungen im Zahlenland, das dem Spiel zugrunde liegt?

Prof. Preiß: Kinder zeigen früh ein ausgeprägtes Interesse für Zahlen. Entdeckungen im Zahlenland geben dieser Neugier reichhaltig Nahrung. Schon vor der Schule können sie sich grundlegende und positive Erfahrungen mit Zahlen aneignen.

Im Zahlenhaus beispielsweise richten sie je eine Wohnung für die Zahlen von 1 bis 10 ein. Dabei lernen sie genaues Hinschauen und erfassen auf einen Blick die wesentlichen Eigenschaften der Zahlen. Mit dem Zahlenweg von 1 bis 10 verbinden die Kinder das Zählen mit Bewegung und Wahrnehmung. Sie erfahren die Ordnung der Zahlen aktiv mit ihrem ganzen Körper. In den verschiedenen Zahlenländern, also im Einerland, Zweierland usw., sehen sich die Kinder um und denken nach, wo überall Zahlen vorkommen: der Vogel hat zwei Flügel, das Dreirad drei Räder, die Blume vier Blütenblätter usw. Dort hören sie Geschichten, lösen Rätsel, singen passende Lieder und sind fröhlich.

Was ist neu daran bzw. wodurch unterscheidet sich Ihr Konzept von bisherigen Lern-Ansätzen?

Prof. Preiß: Das Konzept macht Mathematik erlebbar. Die Zahlen treten spielerisch als Personen auf und werden als Freunde begrüßt. Dieser narrative Aspekt entspricht dem Bedürfnis, den abstrakten Zahlen eine Bedeutung zu geben, die mit uns Menschen tun hat. Neu und überraschend für viele Erzieherinnen ist daher die Konzentration und Begeisterung, mit der sich die Kinder über eine Stunde lang im Zahlenland bewegen und es mit ihrer eigenen Phantasie erleben.

Welchen Vorteil haben Kinder, die im Zahlenland Zugang zur Mathematik bekommen, gegenüber anderen, die auf herkömmliche Weise rechnen lernen?

Prof. Preiß: In der Zeit vom 3. bis zum 6. Lebensjahr verfügt das Gehirn des Menschen über eine besonders hohe Formbarkeit. Mit den Entdeckungen im Zahlenland wird diese wertvolle Zeit genutzt. Spielerisch wird ein tragfähiges Netz für den Umgang mit mathematischen Dingen angelegt. Die Kinder erleben durch das Projekt die Welt der Zahlen als wertvolles und erreichbares Ziel, das mit fröhlichen Erlebnissen verbunden ist. Das verhindert auch die Angst vor Mathematik, die bisher viele Menschen hatten.

Warum sind die Entdeckungen im Zahlenland so wichtig für die Zukunft unserer Kinder?

Prof. Preiß: Wir können es uns als moderne Industrie- und Wissensgesellschaft nicht mehr leisten, Mathematik als seltene und naturgegebene Begabung aufzufassen. Die erstaunliche Fähigkeit des menschlichen Gehirns, Mathematik zu verstehen und anzuwenden, entfaltet sich am besten, wenn die Kinder sich frühzeitig im Lernen üben und ihre Neigungen erproben können. Daher ist es wichtig, eine anregende Lern-Umwelt zu schaffen, in der sich alle Kräfte des kindlichen Gehirns entwickeln können.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die abstrakte Welt der Zahlen in eine fröhliche Welt voller Abenteuer zu verwandeln?

Prof. Preiß: Das hat sich aus meiner Beschäftigung mit Hirnforschung entwickelt, die ich vor fast 20 Jahren mit geistig Behinderten erprobt habe. Dies machte einen konsequent ganzheitlichen Ansatz notwendig, der Kopf, Herz und Hand umfasst. Deshalb sind die Entdeckungen im Zahlenland wesentlich mehr als nur Mathematik. Sie verstehen sich als mathematische Bildung, sind also eng mit der kindlichen Lebenswelt verflochten. Mein Ziel ist es, das Lernen von Mathematik als lebendiges Erlebnis zu gestalten.

In Südkorea erlernen die Kinder nach Ihrer Methode Zahlen und Formen. Gibt es daraus Erkenntnisse, die auch bei uns in Deutschland Schule machen könnten?

Prof. Preiß: Zunächst einmal bin ich stolz darauf, dass im PISA-Siegerland Südkorea (zweiter Platz nach Finnland) mein Projekt eingesetzt wird. Meine Partner zeigten sich davon überzeugt, dass die Zukunft ihres Landes durch die Lernbereitschaft und die Lernerfolge ihrer Jugend bestimmt wird, wobei Südkorea einer frühen mathematischen Bildung einen besonders hohen Stellenwert beimisst. Für Deutschland habe ich den Eindruck, dass der Staat in seiner schwerfälligen Größe und der bürokratischen Struktur überfordert ist, um allein Bildung effektiv zu gestalten. Wir alle müssen selbst und schnell handeln: mit Initiativen von Verlagen, Akademien und privaten Einrichtungen – vor allem in praktischen Projekten. Entdeckungen im Zahlenland bieten eine Struktur an mit zahlreichen Beispielen, wie wir im Kindergarten und im Anfangsunterricht der Grundschule unsere Kinder für Zahlen und Formen begeistern können. Wir sollten immer davon ausgehen, dass alle Kinder Mathematik verstehen können. Helfen wir ihnen, diese für das moderne Leben so wichtige Kompetenz zu entdecken und zu entfalten.

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