Was Kinder in den ersten Lebensjahren leisten
(red) Was haben eine Wäscheklammer und im Sonnenlicht tanzende Staubkörner mit frühkindlicher Bildung zu tun? Was ist zu tun, wenn Kinder die pädagogischen Fachkräfte mit ihrem Verhalten herausfordern? Und welche Rezepte gibt es für einen gelungenen Übergang vom Kindergarten in die Grundschule? Antworten dazu hatten die Referentinnen des Kita-Symposiums "Vom Kind aus denken" am 16. März auf der Leipziger Buchmesse.
26.03.2012 ArtikelIm Einführungsvortrag und den drei Workshops ging es um ein Zurück zu den Wurzeln. Darum nämlich, das Kind und seine Fähigkeiten in den Mittelpunkt zu stellen. Und darum, die Erzieherinnen als die Expertinnen für frühe Bildung zu stärken. Was das bedeutet, erklärt Dorothee Kroll vom FamilienForum Agnesviertel, Köln: "Mir persönlich ist unbehaglich, dass heutzutage Kindern so viel beigebracht werden soll, obwohl sie ein solches Potenzial haben und vieles aus sich heraus können. Ein Beispiel, das ich gern zeige: Ein Kind, das im Zimmer steht und starr in den Raum, ins Nichts blickt und dabei spastisch in die Luft greift. Das ist zunächst beunruhigend, das war auch für die Mutter dieses Kindes beunruhigend. Aber sie hat etwas sehr Kluges gemacht, sie ist zu ihrem Kind gegangen, ist in die Hocke gegangen und hat in die gleiche Richtung geguckt, wie ihr Kind. Dabei hat sie gesehen, dass durch die Sonnenstrahlen, die in einem bestimmten Winkel in den Raum fielen, in der Luft lauter bunte Staubflöckchen tanzten und diese Staubflöckchen hat ihr Kind gesehen versucht, sie zu fangen. Das heißt mit anderen Worten, dieses zunächst mal befremdliche Verhalten des Kindes hatte durchaus einen Sinn. Dazu will ich einladen, dass man sich bemüht, den Sinn des kindlichen Verhaltens zu begreifen, auch wenn es nicht auf der Hand liegt."
<iframe width="484" height="276" src="http://www.youtube.com/embed/hyEwCaAjmWw" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> Doch was, wenn das kindliche Verhalten für die Erwachsenen nicht nur schwer nachvollziehbar ist, sondern als störend und unangenehm empfunden wird? Wenn Erzieherinnen es also mit Verhaltensauffälligkeiten zu tun haben. Auch darauf gab es Antworten in Leipzig. Und zwar von Maja Nollau vom Bildungsinstitut für Mitteldeutschland der Johanniter Akademie Leipzig: "Das ist ein Thema, was viele Erzieherinnen berührt und beschäftigt. Wir sind sehr defizitorientiert und sehen immer ganz schnell all die Defizite, die Schwierigkeiten. Ich habe versucht, den Erzieherinnen den positiven Blick, den ressourcenstarken Blick mitzugeben. Häufig ist es so, dass diese Kinder mehr Ruhe, mehr Rückzugsmöglichkeiten kleinere Rahmenbedingungen brauchen und mehr Aufmerksamkeit.
Von Wäscheklammern, Stimmgabeln, Küchenwagen und Zahnspiegeln und ihrer Faszination für Kinder, Eltern und Erzieher berichtete die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich: "In den Dingen in den Alltagsgegenständen steckt das Wissen nicht nur von den Generationen vor uns, sondern von Jahrhunderten und Jahrtausenden vor uns und die Kinder müssen sich dieses Wissen im Zeitraffer erschließen. Das ist eine ganz enorme kognitive Leistung und Kulturleistung. Dass sie wissen, was ein Reißverschluss ist, ein Regenschirm, eine Ampel, Messer und Gabel. Das sind alles ganz große Schritte und uns ist oft gar nicht bewusst, wie viel die Kinder da in den ersten Lebensjahren leisten. Vieles passiert im Alltag ganz unwillkürlich. Die Eltern bringen ihren Kindern bei, dass es einen Schuh gibt für den rechten Fuß und einen für den linken Fuß und dass es einen sehr wesentlichen Unterschied macht ob die Ampel rot oder grün ist.. Also die Eltern sind die ersten Bildungsbegleiter. Und man meint oft, dass Erzieher sich viel stärker auf didaktische Materialien beziehen müssten. Aber ich denke, dass in Alltagsgegenständen so viel steckt, was erschlossen werden kann, wenn man noch einmal wieder nahe an sie herangeht. Das ist ein Projekt, das ich verfolge, einfach den Blick dafür wieder zu schärfen, dass man nicht unbedingt didaktisches Spielzeug braucht, sondern dass sehr viel Klugheit in den Dingen des täglichen Lebens steckt und dass die Kinder das sehr faszinierend finden. Vor allem, wenn die Erwachsenen sich ebenso darauf einlassen. Das Gespräch ist sehr wichtig. Die Kinder wollen nicht nur Sachforschung betreiben, es ist immer auch Sozialforschung."
Ein großes Thema in den letzten Jahren: der Übergang vom Kindergarten in die Schule. Und eine Schnittstelle, an der die Kompetenzen und das Wissen der Erzieherinnen gefragt sind, berichtete Prof. Dr. Marion Musiol von der Hochschule Neubrandenburg: "Es ist eine große Entwicklungsaufgabe für viele Erzieherinnen, so selbstbewusst aufgrund ihrer Profession aufzutreten und zu sagen, der entscheidende Ort für die Entwicklung eines Kindes ist die Kita, weil hier in den ersten sechs Lebensjahren die Grundlagen für lebenslanges Lernen gelegt werden. Aber für eine Lehrerin kann es nichts Besseres geben, als einer Erzieherin zuzuhören.
Zugehört in Leipzig haben rund 400 Erzieherinnen. Viele von ihnen nutzen die Buchmesse bereits seit Jahren für ihre Weiterbildung, so wie die Kita-Leiterin Ute Krämer. "Ich fahre schon das vierte Jahr mit meiner Kollegin zusammen hierher, weil uns das sehr anregt, immer wieder neue Bildungsprozesse kennenzulernen und uns weiterzubilden. Wir finden hier qualifizierte Ansprechpartner und bekommen neuen Input für unsere Arbeit." Das konnte ihre Kollegin Elke Kühne nur unterstreichen: "Wir knüpfen Kontakte mit anderen Einrichtungen, Verbänden und Initiativen. Das ist eine totale Bereicherung. Die Verbindung zu theoretischen Erkenntnissen muss immer wieder aktiviert werden, damit die neuen Erkenntnisse auch in der Praxis ihren Platz finden, sonst ist die Kluft zwischen Theorie und Praxis da und wir können sie nicht überwinden. Deswegen sind solche Zusammentreffen sehr wichtig."
Eine solche Begeisterung kann die Veranstalter – den didacta Verband, die Stadt und die Messe Leipzig – nur ermuntern, die Fortbildungsveranstaltung auch in den kommenden Jahren fortzusetzen, bestätigt Sonja Ritter vom Didacta Verband: "Ich kann das natürlich nicht vorweggreifen, ohne die Partner zu fragen, aber ich glaube, dass die Tradition sich fortsetzen wird. Wir sind sehr zufrieden und es macht Spaß, mit den Partnern zu arbeiten. Wenn man die Messe Leipzig sieht, die sich ganz klar Bildung auf die Fahne geschrieben hat, dann denke ich, dass wir auch im kommenden Jahr hier wieder zusammenkommen werden. Ich wünsche es mir auf jeden Fall."
Keine Kommentare vorhanden