Wildwuchs in Frühpädagogik – Harmonisierung gefordert
(dpa) – Lange war die frühkindliche Bildung ein Stiefkind der Bildungspolitik. Doch inzwischen macht sie Schlagzeilen. Erst kürzlich ermahnte die OECD in ihrem Familienbericht auch Deutschland, die Bildungsausgaben zugunsten der ersten Lebensjahre umzuschichten. "Es kommt auf den Anfang an", betont der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Bernd Althusmann (CDU/Niedersachsen), in einem Gespräch mit dem dpa-Dossier Bildung Forschung. Er setzt sich für mehr Harmonisierung und ein gezieltes, abgestimmtes Vorgehen bei der frühkindlichen Bildung in den 16 Bundesländern ein.
23.05.2011 ArtikelNachdem Deutschland lange das Lernpotenzial der Kleinsten verschlafen hatte, schreckte die erste PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2000 die Politiker auf. Seitdem ist viel geschehen: Bildungspläne für die Kleinsten ab 0 Jahren, Sprachförderprogramme für Vorschulkinder, breit angelegte Weiterbildungsinitiativen, weiterbildende Studiengänge für Erzieherinnen oder ein Hochschulstudium in Frühpädagogik zählen zu den bildungspolitischen Neuerungen im vergangenen Jahrzehnt. Dabei hat sich eine fast unüberschaubare Vielfalt entwickelt. Pädagogen fordern jetzt mehr Einheitlichkeit.
Der Direktor des Deutschen Jugendinstituts (München), Thomas Rauschenbach, plädiert für eine Art Runden Tisch. "Wir brauchen eine Bundeskonferenz Frühpädagogik", sagt Rauschenbach dem dpa-Dossier Bildung Forschung. "Alle politisch und fachlich Verantwortlichen sind aufgefordert, sich zusammenzusetzen und zu einem gemeinsamen Vorgehen zu kommen." Dazu zählen Bund, Länder, Kommunen und die freien Kita-Träger wie Kirchen und Wohlfahrtsverbände. "Eine solche Bundeskonferenz muss dringend eine steuernde, zumindest orientierende Funktion übernehmen", sagt er. Bundesweit harmonisiert werden müssten zum Beispiel die Ausbildungskonzepte der erzieherischen Fachkräfte und ihre künftige tarifliche Einordnung.
Althusmann nennt den Vorstoß Rauschenbachs einen "überdenkenswerten Vorschlag". Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Kultusminister im Laufe dieses Jahres die Anregung aufgriffen. Er setzt sich vor allem für eine Annäherung der Länder bei der frühen Sprachförderung, den Sprachstandsfeststellungsverfahren und den Inhalten der Erzieherausbildung ein.
"In den 16 Ländern gibt es inzwischen 17 Programme zur Sprachstandsfeststellung", berichtet der KMK-Präsident. "Bei einer so großen Zahl ist es sinnvoll, im Rahmen der KMK über den besten Weg der Länder nachzudenken und sich anzunähern." Das setze aber eine Evaluation der verschiedenen Wege voraus. Auch die Frage, in welchem Alter die Kinder die Sprachstandtests machen sollten, werde verschieden gehandhabt, ebenso die Umsetzung der Sprachförderung. "Ein gemeinsamer Weg in dieser Frage wäre eine Initiative wert", meint Althusmann.
Er ist überzeugt: "Die Anforderungen an die Erzieher werden in den nächsten Jahren weiter anwachsen. Auch hier brauchen wir eine Qualitätsoffensive vergleichbar den Exzellenzinitiativen im Hochschulbereich." Ein Grund dafür ist der Wandel von Krippen und Kitas von einer Betreuungs- zu einer Bildungseinrichtung. Diese müssen zudem einen steigenden Anteil von Migrantenkindern auf die Schule vorbereiten – vor allem in den Großstädten. Zudem sollen in einigen Ländern wie Nordrhein-Westfalen die Kitas zu Familienzentren weiterentwickelt werden.
Hinzu kommt das Ziel von Bund und Ländern, vom Jahr 2013 an jedem Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Betreuungsplatz zur Verfügung zu stellen. Die SPD-Bundestagsfraktion fordert jetzt einen neuen "Krippengipfel", um den künftigen Bedarf an Plätzen für unter 3-Jährige zu ermitteln. Nach Experteneinschätzung sei die Nachfrage größer als bislang angenommen, heißt es zur Begründung (vgl. 20/2011, S. 16). Dabei sind viele Erzieherinnen nicht für die Arbeit mit den Kleinsten ausgebildet.
WiFF – seit zwei Jahren Motor für Weiterbildung
Hier setzt die im März 2009 gestartete Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) an, eine Initiative des Bundesbildungsministeriums und der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut. "Nur über eine Weiterbildungsinitiative werden wir wesentliche Veränderungen für die bereits berufstätigen Fachkräfte hinbekommen", sagt Rauschenbach. Nach Angaben von Althusmann wurden allein seit 2008 rund 45 000 Erzieherinnen in etwa 3000 Maßnahmen für die Betreuung von Kinder unter drei Jahren qualifiziert. Bund und Länder hätten erhebliche Investitionen im Kita- Bereich getätigt und ihre Ausgaben seit 1995 um 60 Prozent auf 14 Milliarden Euro in 2010 erhöht, betont er. "Langfristig rentiert sich dort jeder investierte Euro mehrfach." Hinzu kommen etliche Initiativen von Stiftungen und Unternehmen, die speziell das naturwissenschaftliche Interesse der Kleinen fördern wollen, so das "Haus der kleinen Forscher"
Im Mai 2004 hatte die Jugendministerkonferenz in Abstimmung mit den Kultusministern erstmals einen "Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen" verabschiedet. Der Wille zum Konsens reichte nur für den gemeinsamen Rahmen, nicht für detaillierte Bestimmungen. So haben inzwischen zwar alle 16 Länder entsprechende Orientierungspläne, aber diese unterscheiden sich. So beschreiben die meisten Pläne Bildungsziele für Kinder bis zu sechs Jahren; in Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen gehen sie bis zum Alter von zehn Jahren.
Novum: Studiengänge für Kindheitspädagogik
Parallel dazu richteten die ersten Hochschulen Studiengänge für Frühpädagogik ein – die akademische Ausbildung dieses pädagogischen Personals ist ein Novum in Deutschland! Bislang wurden Erzieherinnen nur an Fachschulen ausgebildet. Inzwischen gibt es bundesweit über 70 solcher Studiengänge, allerdings mit unterschiedlichen Inhalten und Bezeichnungen, darunter "Bildung und Erziehung im Kindesalter", "Elementare Pädagogik" oder "Pädagogik der Kindheit und Familienbildung". Rauschenbach hält es für denkbar, dass sich der Begriff "Kindheitspädagogik" für das neue Studienangebot durchsetzen wird. Unklar ist aber auch die genaue Berufsbezeichnung der Absolventen und ihre Bezahlung. Ein Großteil der Studierenden (44,4 Prozent) hat bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung, meist als Erzieherin, wie eine WiFF-Studie im vergangenen Jahr ergab. Diese Gruppe muss sich erstmal durch einen Regelungs-Dschungel kämpfen. "Es herrschen hohe Intransparenz und eine unüberschaubare Vielfalt von Studienangeboten", sagt die Hochschullehrerin Elke Kruse von der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Eine große Hürde für Studieninteressierte sei zum Beispiel die von Bundesland zu Bundesland, von Hochschule zu Hochschule unterschiedliche Anrechnung von Vorleistungen, berichtet Kruse, eine der Leiterinnen des vom Bundesbildungsministeriums geförderten Projekts "Anrechnung von beruflichen Kompetenzen auf das Hochschulstudium von Erzieherinnen" in Berlin, das bis 2008 lief.
Fächer-Boom in Kindheitspädagogik
Auch Rauschenbach sieht hier Handlungsbedarf. "Die Studienangebote in der Kindheitspädagogik sind explodiert – und das in einer Phase, in der die Hochschulen in die Freiheit entlassen wurden und es keine Rahmenordnung für diesen neuen Bereich gegeben hat." Aber jetzt müssten die Hochschulen eine stärkere Vereinheitlichung anstreben, auch bei der Anerkennung der Vorleistungen. Der Direktor des Deutschen Jugendinstituts schlägt eine Kombination aus einer pauschalen Anerkennung zum Beispiel der Erzieherausbildung und einer individuellen Prüfung von Vorkenntnissen wie Praxiserfahrung vor. Das müsste sich in einer generellen Studienzeitverkürzung niederschlagen.
Unterschiedliche Vorstellungen bestehen über den künftigen Einsatzbereich der Hochschulabsolventen. Rauschenbach sieht für sie "wunderbare Chancen" als Leitungskräfte, in Forschung und Lehre, als Referenten in Verbänden und in der Weiterbildung. Dagegen ist es Kruse wichtig, die Studierenden auch "für die praktische Gruppenarbeit in den Kitas auszubilden, um die Bildungspläne umzusetzen". "Die Akademisierung des Basispersonals ist eine Forderung aus den PISA-Studien", betont die Hochschullehrerin.
Einig sind sich die Fachleute aber darin, dass einheitliche Standards für die Ausbildung sowie die Weiterbildung geschaffen werden müssen. Denn auch auf dem Weiterbildungsmarkt mit überwiegend privaten Anbietern herrscht einer WiFF-Studie zufolge "ein undurchsichtiges Dickicht an Angeboten unterschiedlichster Qualität".
Übereinstimmung besteht ferner in dem Ziel, mehr Männer und junge Menschen mit ausländischen Wurzeln für den Erzieherberuf zu gewinnen. Auch die neuen Studiengänge an den Hochschulen konnten den WiFF-Untersuchungen zufolge bislang kaum mehr Männer für den Kita-Job begeistern. Mehr Einheitlichkeit ist nach Auffassung von Rauschenbach zudem bei den in den Ländern unterschiedlichen Voraussetzungen für den Zugang zum Arbeitsfeld notwendig. Die weitaus meisten der derzeit rund 340 000 frühpädagogischen Fachkräfte in Deutschland werden auch künftig von Fachschulen kommen. Sie stellen zwei Drittel des Kita-Personals; die zweitgrößte Gruppe bilden mit etwa 16 Prozent die deutlich geringer qualifizierten Kinderpflegerinnen. Eine Ausnahmerolle spielt Bayern: Dort arbeiten überdurchschnittlich viele Kinderpflegerinnen in den Kitas.
Mahnung: Ältere Kinder nicht vernachlässigen
Bei der gegenwärtigen Konzentration auf die frühkindliche Bildung besteht die Gefahr, dass die älteren Kinder zwischen 6 und 10 Jahren aus dem Blick geraten. "Erzieher werden auch in Ganztagsschulen benötigt", sagt Rauschenbach. "Dieses Thema ist in den Fachschulen noch nicht angekommen. Das ist ein Riesendefizit." Auch Kruse plädiert dafür, nicht nur in der Fachschulausbildung sondern auch an der Hochschule ausreichend Studienangebote im Sinne einer "Breitbandausbildung" zu schaffen, für ältere Kinder in Horten und Heimen sowie für Mitarbeiter in den geplanten Familienzentren. Dagegen hätten die meisten neuen Studiengänge vor allem jüngere Kinder im Blick. Die Bezahlung des Personals dürfte bei Kommunen und privaten Kita-Trägern noch heftige Diskussionen auslösen. Nach Worten von Rauschenbach gibt es keine fachlichen, nur historische Gründe, Erzieherinnen schlechter zu bezahlen als beispielsweise Grundschullehrer. Er rechnet damit, dass es mit steigender Zahl von Studienabsolventen "spätestens in 5 bis 10 Jahren" eine politische Debatte darüber geben wird. Althusmann hält eine höhere Bezahlung von Erzieherinnen in der Zukunft zwar für "wünschenswert, aber finanziell nur schwer umsetzbar". Der KMKPräsident: "Wir dürfen den Kommunen nicht noch mehr aufbürden, wobei deren Bedeutung im Hinblick auf gute Bildung zunehmen wird."
Der Vater des "Kindergartens", der Pädagoge Friedrich Fröbel (1782-1852), sah im kindlichen Spiel eine Quelle für Erkennen und Begreifen der Welt. Kindheit sollte möglichst lange bewahrt werden. Der deutsche Kindergarten wurde lange als "buchstabenfreie Zone" organisiert. Mit der Entscheidung der Reichsschulkonferenz von 1920, den Kindergarten nicht zum Schul- sondern zum Wohlfahrtsbereich zu zählen, kam er nicht unter bildungspolitische Verantwortung. 50 Jahre später forderte zwar der Bund-Länder-Bildungsgesamtplan von 1972 einen größeren Stellenwert für die frühkindliche Bildung. Doch es sollte noch einmal nahezu drei Jahrzehnte dauern, bis diese Forderung zu Konsequenzen führte.
Ursula Mommsen-Henneberger (dpa-Dossier Bildung Forschung 21/23.05.2011)
Weiterführende Links
- Studienangebote
- WiFF
- Robert Bosch Stiftung
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