Das Wissen über das Gehirn in die Schulen tragen
(Manfred Spitzer) Im April wurde das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in Ulm eröffnet. Es handelt sich dabei um ein von den Kultusministerien Baden-Württembergs und Bayerns gefördertes interdisziplinäres Forschungsprojekt der psychiatrischen Universitätsklinik, in dessen Rahmen pädagogische, psychologische und neurobiologische Erkenntnisse zusammengeführt und angewendet werden sollen. ZNL-Leiter Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer skizziert im Folgenden den Hintergrund des Projekts und seine Ziele.
22.06.2004 ArtikelSeit der Publikation der PISA-Studie und dem verhältnismäßig schlechten Abschneiden der deutschen Schülerschaft im internationalen Vergleich besteht ein breites Interesse an Fragen des Lernens und der Bildung. Die Berichte und Kontroversen in den großen deutschen
Print-Medien zeigen immer wieder, dass dieses Interesse nachhaltig ist und kein Strohfeuer darstellt.
Die Stadt Ulm hatte bereits im Frühjahr 2002 ihr großes bildungspolitisches Engagement durch die Ausrichtung eines viel beachteten Bildungskongresses bekundet. Bereits dort war von Kultusministerin Dr. Annette Schavan der Idee, Neurowissenschaft und Pädagogik zu verbinden, Ausdruck verliehen worden. Zwar gibt es an der Universität Ulm keine geisteswissenschaftliche Fakultät, jedoch besteht ein großes Interesse am Problemfeld Lernen und an der Integration neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in die pädagogisch-psychologische Ausbildung zukünftiger Lehrer. Als Vorteil kann es sich erweisen, dass hier - wie schon bei der Neugründung der psychiatrischen Universitätsklinik - jenseits überkommener Denkschemata die Dinge ganz neu und anders als bisher angepackt werden können.
Aufschwung kognitiver Neurowissenschaft
Zieht man den Kreis der Betrachtung etwas weiter im Hinblick auf die Situation der Wissenschaftslandschaft, dann ist die Gründung des Zentrums nur zu verstehen vor dem Hintergrund des beispiellosen Aufschwungs der ko-gnitiven Neurowissenschaft im letzten Jahrzehnt. Dieser jüngste Bereich der Gehirnforschung befasst sich mit höheren geistigen Leistungen und deren Entstehung in Netzwerken neuronaler Strukturen. Wesentlich mitverursacht wurde der Erkenntnisfortschritt durch neue Methoden, insbesondere die der funktionellen Bildgebung. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) ist es heute möglich, dem Gehirn beim Vollbringen höherer geistiger Leistungen gleichsam zuzuschauen. Hierdurch lassen sich Antworten auf Fragen finden, die vor zehn Jahren noch keiner zu stellen gewagt hatte. Ein Beispiel dafür sind Halluzinationen. 1988 schrieb ich darüber, dass man den subjektiven Eindruck von Halluzinationen wohl nie neurobiologisch wird fassen können. Heute sind Aufnahmen innerer Bilder verschiedenster Art an der Tagesordnung, und auch Halluzinationen wurden schon funktionell bildgebend im Gehirn gesehen. Damit nicht genug: Es wurde sogar von außen durch Magnetfelder versucht, sie zu beeinflussen, sprich: zu behandeln.
Seit der Eröffnung der Abteilung für Psychiatrie III des Universitätsklinikums Ulm im Juni 1998 liegt der Forschungsschwerpunkt dieser Abteilung dezidiert auf der kognitiven Neurowissenschaft, d. h. auf dem Studium höherer geistiger Leistungen mit den heute zur Verfügung stehenden Methoden der nichtinvasiven Gehirnforschung am Menschen. Ermöglicht durch Spenden sowie durch ein auf fünf Jahre angelegtes Kooperationsprojekt mit der Firma Daimler-Chrysler wurde vor wenigen Wochen ein Magnetresonanztomograph angeschafft, der vor allem Forschungszwecken dienen soll. Damit steht hier vor Ort neben den bereits existierenden Labors für EEG, TMS und Neuropsychologie eine wesentliche Methode für die Erforschung auch von Lernprozessen zur Verfügung.
Gehirnforscher lehren das Lernen
Im Hinblick auf die internationale politische Landschaft ist zudem Folgendes von Bedeutung: Das Zentrum für Bildungsforschung und Innovation der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) hat am 23. November 1999 das Projekt Erziehungswissenschaften und Gehirnforschung ins Leben gerufen, an dem die Universitätsklinik Ulm seit dem Jahr 2000 aktiv beteiligt ist. Die Zusammenarbeit zwischen Erziehungswissenschaftlern und Gehirnforschern soll dadurch begründet und gefördert werden. Gleichzeitig wurde der Kontakt zwischen Wissenschaftlern und den für Bildungspolitik Verantwortlichen hergestellt, um über Möglichkeiten der Kooperation und des Wissenstransfers zu beraten. Hierbei wurde schnell deutlich, dass die Gehirnforschung bereits heute Ergebnisse aufweist, die man in die Praxis umsetzen kann und sollte bzw. muss, wenn man die Bildungssysteme effizienter gestalten will.
Die Idee des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) wurde im Rahmen der Regierungserklärung von Ministerin Schavan am 27. März 2003 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. In seiner Regierungserklärung vom 29. Oktober 2003 formulierte Ministerpräsident Erwin Teufel das Projekt noch einmal sehr klar: "Wir werden zudem an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm ein Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen einrichten .. Die gewonnenen Erkenntnisse dieser bundesweit einzigartigen Einrichtung sollen vor allem für die Ausbildung und Fortbildung von Lehrkräften und Erzieherinnen nutzbar gemacht werden."
Ziele des Ulmer ZNL
Von der Landesstiftung Baden-Württemberg sowie vom Kultusministerium Bayern wurden im Spätherbst 2003 bzw. im Frühjahr 2004 Mittel zur Verfügung gestellt, die zur Realisierung der Idee führten. Im ZNL sollen drei Ziele verfolgt werden:
Es geht erstens um die Erforschung von Lernprozessen beim Menschen mit den neuen, heute zur Verfügung stehenden Mitteln.
Zweitens geht es um die Umsetzung dieser Erkenntnisse in den Alltag konkreter Lernsituationen, vom Kindergarten über Schule und Hochschule bis hin zur beruflichen Aus- und Weiterbildung.
Drittens soll dieser Transfer der Forschung in die Praxis auch durch Projekte im Bereich der Schulentwicklung sowie der Ausbildung von Multiplikatoren für die Fortbildung von Lehrkräften in den verschiedensten Bereichen begleitet werden.
Diese Dreiteilung von Forschen, Anwenden und Lehren entspricht damit sehr alten, nicht zuletzt auf Wilhelm von Humboldt zurückgehenden Idealen. Die Arbeit am Zentrum wird durch eine kleine Zahl von festen Mitarbeitern sowie von Doktoranden und motivierten assoziierten Lehrkräften aus der Praxis bewältigt. In Zusammenarbeit mit Vorschulen, vor allem aber mit Schulen und (derzeit noch geplant) mit Institutionen der beruflichen Weiterbildung werden die Grundlagen wissenschaftlich gewonnener Einsichten unmittelbar in anwendungsbezogene Projekte umgesetzt.
In der Medizin hat sich die enge Verzahnung von Grundlagenwissenschaft und klinischer Anwendung eindeutig bewährt. Dieses Modell wird im Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen auf die Pädagogik übertragen. Die Zusammenarbeit mit motivierten Lehrenden, Schulen bzw. Schulbehörden und Betrieben ist unabdingbar. Es ist zu hoffen, dass das sehr ungewöhnliche und weltweit einmalige Projekt ZNL bald Früchte trägt und zu einer nachhaltigen Verbesserung des Lernens in vielen Bereichen führt.
Autor
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer
Universität Ulm Abteilung Psychiatrie III
Leimgrubenweg 12
89075 Ulm
Telefon: 07 31-5 00-2 14 51
Fax: 07 31-5 00-2 67 51
<manfred.spitzer@medizin.uni-ulm.de >
(Erstveröffentlichung: Klett Themendienst)
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