Interview

"Man zwingt uns in eine universitäre Logik"

Micha Teuscher, Präsident der HAW Hamburg, im Interview zum Thema Hochschulpolitik. In der Wissenschaftspolitik geben Menschen den Ton an, die keine Fachhochschule von innen kennen, kritisiert Micha Teuscher, Präsident der HAW Hamburg. Von Jeannette Goddar

27.06.2019 Bundesweit Artikel Deutsche Universitätszeitung (duz)
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Die HAW Hamburg, an die Sie 2017 von der recht kleinen FH Neubrandenburg wechselten, stellt sich in Zahlen so dar: Je fast 40 BA- und MA-Studiengänge, 400 Professoren, 17 000 Studierende, 190 internationale Kooperationen. Was unterscheidet eine solche Hochschule noch von einer Universität wie der TU Hamburg-Harburg?

Eine ganz andere Herangehensweise in Lehre, Forschung und Entwicklung. Unsere Kolleginnen und Kollegen kommen alle aus der Praxis. Selbst wenn sie zu ähnlichen Themen lehren und forschen wie die TU Hamburg-Harburg – etwa zu Thermodynamik, Mobilität oder Flugzeugbau – geschieht das vor einem völlig anderen Hintergrund und mit einer anderen Perspektive. Wer 30 Jahre bei Siemens, Bosch oder in einem mittelständischen Unternehmen gearbeitet hat, hat schon biografisch ein ganz anderes Verhältnis zur angewandten Forschung. Und damit auch zu der Frage, wie Transfer von akademischer Lehre und Forschung in die Praxis geht und umgekehrt.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der Ausgabe 05/2019 der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Nun gehört zur Wahrheit auch, dass viele FH-Professoren nur drei Jahre, also das benötigte Minimum, in einem Unternehmen gearbeitet haben – und seit 30 Jahren an der Hochschule sind.

Das ist richtig und uns bewusst. Deswegen ist um so wichtiger, ein Anreizsystem zu schaffen, das immer wieder ermöglicht, Forschungsphasen einzubauen; sei es mit einer Reduzierung des Deputats etwa von 18 auf acht Stunden oder auch durch Forschungssemester.

Also wie an einer Universität.

Aber mit einer ganz anderen Ausrichtung! Wir legen, übrigens auch seitens der Hochschulleitung, viel Wert darauf, dass diese Zeit für angewandte Forschung genutzt wird. Nur ein Beispiel dafür ist, dass mehrere Professorinnen und Professoren der HAW Hamburg mit der Umsetzung der Energiewende in Norddeutschland beschäftigt sind; beispielsweise mit der Frage, wie es gelingt, in Stromnetzen gleichmäßige Spannung zu erzeugen und so Windenergie besser nutzen zu können. Auch mit der Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs sind wir befasst. Oder, es gibt ja nicht nur technische Studiengänge: Auch die Frage des Case Management im Gesundheits- oder Sozialsektor – also zum Beispiel daran zu arbeiten, wie Verwaltungsprozesse so gestaltet werden können, dass sich nicht ständig wechselnde Bearbeiter mit Patienten oder Familien befassen – ist ein ausgesprochen anwendungsorientiertes Forschungsbeispiel.

Inwieweit profitieren davon die Studierenden?

Zum einen sind Kontakte zu Unternehmen ein wesentlicher Grund dafür, dass die Aufnahme in den Arbeitsmarkt so reibungslos verläuft. Zum anderen ermöglicht der Bezug zur Praxis in Kombination mit den überschaubaren Lerngruppen – außer in Sozialer Arbeit nehmen wir in keinem Studiengang mehr als 60 Studierende auf – ganz andere Lern- und Lehrformate. Durch unsere anwendungsorientierte Herangehensweise ist uns möglich, auch beim Lernen theoretischer Grundlagen gleichsam ein Licht am Ende des Tunnels aufzustellen, das den Weg weist, indem es deutlich macht, warum dieses oder jenes für die Praxis wichtig ist. Das ist insbesondere deswegen hilfreich, weil wir als HAW eine weit breitere Klientel erreichen als eine Universität: mehr Erststudierende, mehr Migrantinnen und Migranten, mehr Studierende, die aus dem Beruf ohne Abitur zu uns kommen. Sie alle profitieren zudem davon, dass sich, wenn Professoren 18 Stunden in der Woche lehren, ein ganz anderes Verhältnis zwischen Lehrendem und Lernenden einstellt. Auf der anderen Seite schafft die vielfältigere Studierendenschaft auch eine andere Nähe zu gesellschaftlichen Themen. Das wirkt sich wiederum positiv auf Forschungsprojekte aus: Menschen verschiedener Herkunft sind nicht in erster Linie Objekte der Forschung. Sondern, weit stärker als an Universitäten, Subjekte eines vielfältigen Miteinanders.

Nun gibt es Befürchtungen, dass genau diese breitere Studierendenschaft der zunehmenden „Universitätisierung“ der Fachhochschulen – denen immer wieder vorgeworfen wird, an den Toren der Unis zu rütteln, anstatt sich auf eigene Stärken zu besinnen – es künftig auch dort schwerer hat.

Wer will denn, dass aus Fachhochschulen Universitäten werden? Ich höre solche Stimmen nur sehr, sehr vereinzelt. In Wahrheit wollen wir das, was wir machen und gut können, besser machen. Dazu allerdings würde eine stärkere Berücksichtigung und Anerkennung seitens der Wissenschaftspolitik und ihrer Fördertöpfe gehören. Und um dorthin zu kommen, sollten wir zunächst einmal ähnlich stark wahrgenommen werden wie die Universitäten. Im Grunde meinen viele, die „Hochschulen“ sagen, bis heute nur die Unis. So wird eine Leitwährung geschaffen, die nicht nur Auswirkungen auf die Wahrnehmung, sondern auch auf die Förderung von HAWs hat. Davon müssen wir wegkommen.

Woran liegt es, dass die immerhin mehr als 200 Fachhochschulen häufig eher am Rande mitgedacht werden?

Ein zentraler Grund ist: Die Wissenschaftspolitik wird nahezu vollständig von Menschen bestimmt, die selbst an einer Universität ausgebildet wurden und im Grunde nur diese kennen. Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung gilt das ebenso wie für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) oder den Stifterverband.

Und woran liegt das?

Zum Teil ganz simpel daran, dass auf administrativen Ebenen meist Personal tätig ist, das qua Qualifikation nicht von einer Fachhochschule kommen kann: Juristen und Verwaltungswissenschaftler bilden wir kaum aus. Das Resultat ist allerdings, dass wissenschaftspolitische Debatten, die HAWs betreffen, häufig von Menschen geführt werden, die eine solche noch nie von innen gesehen haben – und die sich im schlimmsten Fall eine Fachhochschule wie in den 1970er-Jahren vorstellen. Im Ergebnis hat ein erheblicher Teil der Förderprogramme einen Universitäts-Bias und setzt universitäre Personal- und Organisationsstrukturen voraus. Dies zwingt uns, was die Akquisition von Drittmitteln angeht, geradezu in eine universitäre Logik – obwohl wir als Kern unseres Profils die angewandte Forschung und Lehre stärken wollen.

Nun liegt aber zum Beispiel der Fokus der DFG auf Grundlagenforschung. Da HAWs diese kaum machen, wird ihr Anteil an der Förderung über aktuell ein Prozent nicht wesentlich hinauskommen.

Richtig. Und wir sehen auch, dass die Universitäten auf die DFG-Förderungen massiv angewiesen sind – zumal in Zeiten der Exzellenzinitiative, die noch einmal verstärkt dafür gesorgt hat, dass jene, die an ihr nicht beteiligt sind, in einen nochmal verstärkten Wettbewerb um Forschungsgelder gedrängt wurden. Die DFG ist in ihrer Ausrichtung auch künftig notwendig für die universitäre Forschung. „Wer transferorientierte Forschung will, muss eine Struktur schaffen, in der es dafür Fördergelder gibt“

Immer häufiger ist eine „DTG“ im Gespräch – eine Deutsche Transfergemeinschaft, die gezielt anwendungsorientierte Forschung fördert. Ein richtiger Schritt?

Die Diskussion geht in die richtige Richtung – und zwar nicht nur, weil die HAWs, die laut Forschungslandkarte der Hochschulrektorenkonferenz in 240 Clustern forschen, darin unterstützt werden müssen. Sondern auch, weil sich die Frage stellt, wie Innovationen vorangebracht werden, die für die Gesellschaft von eminenter Bedeutung sind. Das angesprochene Fallmanagement in Gesundheits- und Sozialwesen und die Energiewende oder gesellschaftliche Mobilität sind dafür gute Beispiele. Wer will, dass transferorientiert an solchen Themen geforscht wird, muss eine Struktur schaffen, in der es dafür Fördergelder gibt. Das sehen auch immer mehr Menschen in der Deutschen Forschungsgemeinschaft so.

Was es allerdings gibt, ist das Programm FHProfUnt zur Förderung kooperativer Forschungsprojekte von Fachhochschulen und Unternehmen, und seit 2018 ein weiteres zur Personalgewinnung.

Ja, ersteres mit etwas mehr als 55 Millionen Euro im Jahr – scon das macht ja die Wertigkeit gegenüber einem DFG-Jahresetat von drei Milliarden deutlich. Das nun nach zähen Verhandlungen mit 430 Millionen Euro ausgestattete Personal-Prgramm mag zur Nachwuchsgewinnung sinnvolle und hilfreiche Anreize setzen, im Moment ist das Geld allerdings noch nicht da. Für uns wäre vor allem wichtig, dass der Hochschulpakt zügig und angemessen verstetigt wird, auf den die HAWs in noch weit stärkerem Maße angewiesen sind als die Universitäten: in der HAW Hamburg machen die Hochschulpaktgelder 30 Prozent des Etats aus!

Nun ist mit Anja Karliczek (CDU) eine Bundesministerin im Amt, die mit zwei Berufsausbildungen und einem berufsbegleitenden Studium einen deutlich berufsnäheren Hintergrund hat als ihre Vorgängerinnen. Macht sich das in einer höheren Wertschätzung der praxisnäheren Fachhochschulen bemerkbar?

Eher im Gegenteil. Die Initiative zur Einführung eines Berufsbachelors für nichtakademische Ausbildungen führt in die völlig falsche Richtung. Als Fachhochschulen sind wir da besonders sensibel: Wir haben Jahrzehnte gebraucht, um von der Perzeption wegzukommen, wir bildeten „Berufe“ aus. Wir bilden keine Berufe aus, bieten also keine Berufs-, sondern eine akademische Bildung. Und es ist ein Unterschied, ob jemand staatlich geprüfter Betriebswirt ist oder einen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an einer Hochschule absolviert hat. Das in dieselben Titel zu gießen, nützt weder denjenigen etwas, die den Berufsbachelor bekommen, noch den Arbeitgebern. Es wird auch nicht die Berufsausbildung aufwerten – sondern Bildungsinteressierte noch stärker an die Hochschulen führen. Die Menschen wählen immer das Original und nicht die Kopie. Das ist ein Bachelor an der Hochschule.

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