Bericht

Der Blick über den nationalen Tellerrand: EUROSTUDENT IV-Bericht zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Europa

Auf welchen Wegen gelangen Studierende an die Hochschulen? Wer sind diese Studierenden? Wie finanzieren sie sich, wie wohnen sie? Unter welchen Bedingungen studieren sie? Wer geht ins Ausland, wer nicht? Aktuelle Antworten auf diese Fragen bietet für 25 europäische Länder der EUROSTUDENT IV-Bericht, der heute auf einer Konferenz des Projekts in Kopenhagen vor Forscher(inne)n, Hochschulpolitiker(inne)n und Studierenden präsentiert wird.

15.06.2011 Pressemeldung HIS Hochschul-Informations-System GmbH

"Besonders bemerkenswert an den Ergebnissen dieses Berichts ist, dass sie die Heterogenität der Studierenden in Europa aufzeigen. Dies ist in allen Phasen augenscheinlich, beginnend beim Übergang in die Hochschule, über die Untersuchung der charakteristischen Eigenschaften der Studierendenschaft, ihre Studien- und Arbeitserfahrungen, ihre finanziellen Mittel und Lebensbedingungen bis hin zu ihren Mobilitätserfahrungen", kommentiert Prof. Patrick Clancy vom University College in Dublin in seinem Vorwort zur neuen "Synopsis of Indicators". Die Synopse bildet den Abschluss der vierten Runde des EUROSTUDENT-Projekts, mit dem seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre Schlüsseldaten zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden in Europa erhoben werden. 25 europäische Länder haben sich an der vierten Runde, die seit 2008 läuft, beteiligt. Die Konsortialführerschaft liegt beim HIS-Institut für Hochschulforschung (HIS-HF) in Hannover. Die heute erschienene "Synopsis of Indicators" präsentiert die Ergebnisse der vierten Runde in international vergleichender Perspektive.

Die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft gilt als eine der wichtigsten Herausforderungen für die Hochschulen und die Hochschulpolitik in der Zukunft. Die EUROSTUDENT-Ergebnisse zeigen, wie differenziert die Wirklichkeit in Europa schon heute ist. So stellen die Anfang 20-Jährigen zwar in den meisten Ländern die Mehrheit der Studierenden, in einigen Ländern sind beachtliche Anteile der Studierenden aber auch 25 Jahre und älter. Dies gilt insbesondere für Österreich, Dänemark, Norwegen und Finnland, wo etwa die Hälfte der Studierenden älter als 24 ist. In Norwegen ist ein gutes Drittel der Studierenden sogar 30 Jahre oder älter. Im Vergleich dazu hat Deutschland einen niedrigen Anteil von Studierenden, die 30 Jahre und älter sind.

Die Analysen von EUROSTUDENT haben gezeigt, dass sich unter den älteren Studierenden in den meisten europäischen Ländern besonders häufig Studierende niedriger sozialer Herkunftsgruppen befinden. Initiativen, die den Zugang zur Hochschule für ältere Studierende erleichtern, die häufig auf alternativen Wegen an die Hochschule gelangen, können somit auch einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit leisten. Dies ist besonders vor dem Hintergrund eines weiteren Ergebnisses aus der "Synopsis of Indicators" relevant: Der internationale Vergleich zeigt einmal mehr die soziale Selektivität des deutschen Hochschulsystems, in dem Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern deutlich unterrepräsentiert sind. Anders die Situation in der Schweiz und den Niederlanden: Hier gibt es kaum sozialgruppenspezifische Unterschiede in der hochschulischen Bildungsbeteiligung.

Schlechtere Chancen haben Studierende aus bildungsfernen Schichten auch mit Blick auf die Auslandsmobilität. Sie gehen nicht nur seltener ins Ausland und planen auch seltener, dies zu tun, sondern sind darüber hinaus in stärkerem Maße mit Hindernissen und hemmenden Faktoren bei der Planung und Durchführung von Auslandsaufenthalten konfrontiert. Studierende gehen zu verschiedenen Zwecken ins Ausland, sei es um einen Teil ihres Studiums an einer ausländischen Hochschule zu verbringen, ein Praktikum in einem Unternehmen im Ausland abzuleisten oder einen Sprachkurs zu besuchen. Unter deutschen Studierenden ist das Auslandspraktikum vergleichsweise beliebt. Häufiger als in anderen Ländern erwerben sie bereits während des Studiums Erfahrungen auf dem internationalen Arbeitsmarkt.

Für diejenigen deutschen Studierenden, die sich gegen ein Auslandsstudium entscheiden, ist die erwartete finanzielle Mehrbelastung der Haupthindernisgrund. Dies gilt ebenso für die meisten EUROSTUDENT-Länder. Lediglich in den skandinavischen Ländern wird ein anderes Hindernis häufiger als Grund gegen einen Studienaufenthalt im Ausland angeführt: die hierzu erforderliche Trennung von Familie und Freunden. Von deutschen Studierenden wird des Weiteren relativ häufig auf den befürchteten Zeitverlust als Argument gegen ein Auslandsstudium verwiesen. Der Zugang zu Informationen über Auslandsaufenthalte stellt für sie hingegen kein wesentliches Problem dar.

Projektleiter Dr. Dominic Orr vom HIS-Institut für Hochschulforschung beschreibt die Herausforderungen eines so umfangreichen internationalen Projekts: "Wir versuchen die Daten vergleichbar und zugleich relevant zu halten – relevant nicht nur für die europäische Ebene, sondern auch für die nationale Ebene. Hierzu arbeiten wir sehr eng mit unseren Partnern in den Teilnehmerländern zusammen. Das europäische Hochschulsystem ist extrem vielfältig. Trotzdem sieht man: Es gibt ähnliche Probleme und alle Länder versuchen, Antworten zu finden. Für uns in Deutschland wird durch den internationalen Vergleich deutlich, wo im Hochschulsystem die Herausforderungen liegen. Zugleich kann uns die Situation in den anderen Ländern Lernanstöße geben, wie wir diese Herausforderungen erfolgreich bewältigen können." Prof. Patrick Clancy betont: "Die Synopsis of Indicators ist zusammen mit den Länderberichten und der Online-Datenbank eine wichtige Quelle für Hochschulpolitiker und Forscher."

Die Ergebnisse der vierten EUROSTUDENT-Runde werden gegenwärtig auf der Abschlusskonferenz von EUROSTUDENT IV in Kopenhagen vorgestellt. Weitere Informationen zur Konferenz erhalten Sie unter www.eurostudent.eu/conferences/copenhagen/home/index_html.

Download Synopsis of Indicators
EUROSTUDENT-Website


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