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„Eine neue Vielfalt“: Wie sich das deutsche Hochschulwesen strukturell verändert

Bildungsexpansion, Teilzeitstudenten, Migration und Integration: Das deutsche Hochschulwesen wird vielfältiger. Dr. Christian Kerst vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung erklärt, warum und wie.

12.12.2016 Bundesweit Artikel Pia Behme
  • © Petra Nölle, DZHW Die Arbeits- und Forschungsschwerpunkte von Dr. Christian Kerst liegen in der Bildungsberichterstattung, auf dem Verhältnis von Hochschul- und Berufsbildung sowie alternativen Studienwegen.

Herr Dr. Kerst, wie hat sich das Hochschulsystem in den vergangenen Jahren verändert?

Neben vielen anderen Entwicklungen – man denke nur an die Einführung der gestuften Studienstruktur – gibt es Hinweise auf eine neue Vielfalt im deutschen Hochschulsystem. Beispielsweise ist die Zahl privater Fachhochschulen gestiegen. Hier werden häufig Studienangebote für Zielgruppen entwickelt, die von den staatlichen Hochschulen noch außen vor gelassen werden: zum Beispiel ältere, berufstätige Studierende, die eher auf Teilzeitstudiengänge oder Fernstudiengänge angewiesen sind, um berufliche und familiäre Verpflichtungen vereinen zu können.

Generell geht natürlich weiterhin die große Mehrzahl der Studienanfänger – beispielsweise mit Abitur – im vergleichsweise jungen Alter an die Hochschulen. Dennoch entwickeln sich neben diesem „Kerntyp“ des Studierenden eine Menge anderer Typen.

Die neue Vielfalt der Studierenden zeigt sich auch an der starken Nachfrage ausländischer Studentinnen und Studenten. Im letzten Jahr sind ungefähr 99.000 internationale Studierende an deutsche Hochschulen gegangen. Das macht knapp 20 Prozent aller neuen Studienanfänger aus, durchaus eine große Gruppe.

Man kann also sagen, dass die institutionelle Struktur, die Zusammensetzung der Studierenden und das Studienangebot vielfältiger geworden sind.

Welche Entwicklungen beobachten Sie beim Studienangebot?

Allein durch die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem hat sich die Zahl der Studiengänge stark erhöht. Damit besteht eine große Optionsvielfalt, die gleichzeitig die jungen Leute vor gewisse Orientierungsprobleme stellt. Teilweise unterscheiden sich Studiengänge thematisch nur minimal, heißen aber anders. Schaut ein potenzieller Studierender in die Datenbank, dann hat er über 18.000 Studienangebote vor sich, davon etwa die Hälfte im grundständigen Bereich. Die kann er natürlich versuchen zu filtern, aber trotzdem bleibt am Ende ein großes Angebot übrig. Gerade im Bachelor-Bereich können weniger spezialisierte Angebote sinnvoll sein, die die Orientierung erleichtern. Eine Spezialisierung kann dann im Master stattfinden.

Welche Folgen hat die neue Vielfalt?

Sie führt zum einen zur institutionellen Variation mit neuen Hochschultypen und Studienangeboten. Zum anderen differenzieren sich die Ansprüche an das Studium. Viele Studierende sind stark an beruflicher Qualifizierung interessiert und nicht nur an einer wissenschaftlichen Ausbildung. Nur ein kleiner Teil von ihnen strebt eine wissenschaftliche Laufbahn an. Darauf müssen sich die Hochschulen sicherlich einstellen. Gerade bei der beruflichen Orientierung haben die Fachhochschulen im Moment einen kleinen Vorsprung.

Mit der hohen Nachfrage internationaler Studierender entsteht zudem für Hochschulen die Herausforderung, diese Gruppe in das Studium zu integrieren. Eine kleine Untergruppe sind die Schutz- und Asylsuchenden. Bisher sind von ihnen noch nicht so viele an den Hochschulen angekommen. Auch das verlangt von den Hochschulen, sich auf spezielle Gruppen einzustellen.

Insgesamt hat die Bildungsexpansion – also die langfristig seit den 1970er Jahren, aber auch zuletzt noch einmal stark gestiegene Beteiligung an akademischer Bildung – dazu geführt, dass die Hochschulen sich stärker damit beschäftigen müssen, wie man die Studieneingangsphase verbessert und Informationen über Studiengänge gut organisiert.

Über die neue Vielfalt im Hochschulsystem spricht Dr. Christian Kerst auch auf der didacta 2017 in Stuttgart:

Schule/Hochschule

Hochschultag 2017
Die neue Vielfalt im deutschen Hochschulsystem und ihre Folgen
Dr. Christian Kerst, Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung
16. Februar 2017
10:30 – 10:45 Uhr
Halle 5, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Hochschultag 2017
Podium: Wie muss das Studium gestaltet und wie der Absolvent für den Weg in die Zukunft sein?
Darüber diskutieren:

  • Stefan Dietl, Festo Didactic GmbH Co. KG
  • Dr. Christian Kerst, Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung
  • Prof. Dr. Wolfgang Reinhart, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg (angefragt)
  • Ulrike Weber, Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart

16. Februar 2017
11:45 – 12:45 Uhr
Halle 5, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Hochschultag 2017
Podium: Wie gelingt der optimale Einstieg und was macht ein gutes Studium aus?
Darüber diskutieren:

  • Gabriele Hägele, Zentrale Studienberatung der Universität Stuttgart
  • Alexander Haridi, Deutscher Akademischer Austauschdienst, DAAD
  • Prof. Dr. Iris Lewandowski, Universität Hohenheim
  • Felix Wolff, Studierendenvertretung Uni Stuttgart

16. Februar 2017
10:45 – 11:45 Uhr
Halle 5, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Berufliche Bildung/Qualifizierung

Forum Unterrichtspraxis
Hochschulzugang durch berufliche Bildung
Dr. Veronika Nölle, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Leiterin des Referats Berufliche Gymnasien
14. Februar 2017
11:00 – 12:00 Uhr
Halle 1, Stand E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Podium: Akademisierung der beruflichen Bildung: Duale Hochschule vs. duale Berufsbildung?
Darüber diskutieren:

  • Professor Dr. phil. habil. Ulf-Daniel Ehlers, Duale Hochschule Baden-Württemberg
  • Georg Eisenreich, Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
  • Dr. Volker Born, Zentralverband des Deutschen Handwerks
  • Dr. Martin Frädrich. Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart
  • Kathrin Anandasivamv, Trumpf GmbH + Co. KG

16. Februar 2017
14:30 – 15:30 Uhr
Halle 6, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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