Erstmalige Evaluation der Erziehungswissenschaften

"Die Pädagogischen Hochschulen des Landes besitzen - sowohl aufgrund ihres Auftrags als auch ihrer institutionellen Struktur - im Prinzip gute Voraussetzungen für eine moderne, berufswissenschaftlich orientierte Lehrerbildung. Dennoch werden die vorhandenen Ressourcen an den Pädagogischen Hochschulen und auch an den Universitäten nicht immer und überall in entsprechender Weise genutzt. Die Erziehungswissenschaft an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen muss deshalb in ein System der Qualitätssicherung einbezogen werden." Dies sind nach den Worten von Wissenschaftsminister Prof. Dr. Peter Frankenberg wesentliche Ergebnisse der erstmals in Baden-Württemberg durchgeführten Evaluation der Erziehungswissenschaften.

17.09.2004 Baden-Württemberg Pressemeldung Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

"Den Gutachtern ist für ihr außergewöhnliches Engagement, mit dem sie das außerordentlich anspruchsvolle Verfahren betrieben haben, sehr zu danken", erklärte der Minister zur Entgegennahme des Evaluationsberichts am 17. September in Stuttgart. Die Empfehlungen der Kommission sollen im Dialog mit den Hochschulen und im Rahmen von Zielvereinbarungen umgesetzt werden. Ziel der vom Ministerium durchgeführten Strukturevaluation war es, eine Bestandsaufnahme, Überprüfung und Bewertung der wissenschaftlichen Qualität und der Strukturen der Erziehungswissenschaften an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen vorzunehmen, so der Minister. "Die Evaluation sollte zeigen, ob das Fach auf die aktuellen und künftigen Anforderungen in Forschung und Lehre, insbesondere aber in der Lehrerbildung angemessen ausgerichtet ist."

Vorsitzender der Gutachterkommission war Prof. em. Dr. Wynand H. F. W. Wijnen, Universität Maastricht, stellvertretende Sprecher waren Prof. Dr. Jürgen Baumert, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, und Prof. Dr. Marianne Horstkemper, Universität Potsdam. Insgesamt wirkten 19 Gutachter, darunter Wissenschaftler aus den Niederlanden, der Schweiz, Belgien und Großbritannien, sowie ein Vertreter des Kultusministeriums an dem Evaluationsverfahren mit. Die Evaluationsagentur Baden-Württemberg war mit der organisatorischen Durchführung des Verfahrens betraut.

"Eine systematische und umfassende Analyse der gesamten Lehrerbildung, also auch aller Lehramtsfächer, konnte und sollte in diesem Rahmen nicht geleistet werden", erläuterte der Minister. Die Kommission besuchte alle betroffenen 9 Universitäten und 6 Pädagogischen Hochschulen und führte Gespräche mit der Hochschulleitung, mit den Studierenden, mit den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mit den Professorinnen und Professoren. Sie erstellte aufgrund dieser Informationen einen Mantelbericht, der übergreifende Strukturempfehlungen für die Erziehungswissenschaft an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten enthält, sowie für jede Hochschule einen Standortbericht mit standortspezifischen Empfehlungen.

Grundaussagen des Berichts

An den Pädagogischen Hochschulen bestehen nach Feststellungen der Kommission gute Rahmenbedingungen für die Lehrerbildung. Die personellen Ressourcen sind ausreichend und bieten ein erhebliches qualitatives Entwicklungspotential. Dies gilt insbesondere für die Sonderpädagogik. Die Ressourcen entwickeln allerdings nicht überall die inhaltliche Ausstrahlungswirkung, die erwartet werden kann.

An den Universitäten ist die personelle Ausstattung sehr viel begrenzter als an den Pädagogischen Hochschulen. Dies führt tendenziell zu einem Zielkonflikt zwischen den Anforderungen in der Lehrerbildung und dem Wunsch des Fachs, sich durch grundständige Hauptfachstudiengänge zu profilieren. Die Gutachterkommission hält mindestens zwei ausgestattete Lehrstühle für eine angemessene gymnasiale Lehramtsausbildung für notwendig. Wird diese Ausstattung nicht erreicht, hält die Kommission die Aufrechterhaltung der gymnasialen Lehrerbildung nicht für vertretbar und votiert für deren Schließung.

Im Bereich der Forschung gibt es eine Vielzahl von engagierten Einzelinitiativen, dennoch bestehen nach dem Urteil der Gutachterkommission an den Standorten der Pädagogischen Hochschulen und Universitäten erhebliche Leistungsunterschiede.

Die vielfältigen Aktivitäten in der Forschung sollten vernetzt und Forschungspläne erstellt werden. Forschungsfelder in der empirischen Bildungsforschung sollten unterstützt werden, insbesondere auch Fragestellungen der Schul- und Unterrichtsforschung sowie der Lehrerbildung.

In der Sonderpädagogik sollte eine Konzentration des Grund- und Hauptfachstudiums auf die Standorte Heidelberg und Ludwigsburg/Reutlingen geprüft werden.

Insgesamt ergeben sich an den unterschiedlichen Standorten der Universitäten einerseits und der Pädagogischen Hochschulen andererseits erhebliche Leistungsunterschiede, die nicht allein durch Ressourcen- oder Überlastprobleme etc. erklärbar sind. Die Kommission legt deshalb kein einheitliches strategisches Konzept vor, sondern hält standortspezifische Maßnahmen für notwendig.

"Hochschulen und Politik gefordert"

"Die Empfehlungen der Kommission sollen nun im Zusammenwirken mit den Hochschulen umgesetzt werden. Hier sind beide Seiten gefordert", erklärte Minister Frankenberg zu den Konsequenzen der Evaluation. "Bei der Beratung über die Möglichkeiten einer Umsetzung der Empfehlungen geht es vor allem um standortspezifische Lösungen und nicht um ein pauschales, einheitliches Rezept." Dabei sei, nach kritischer Überprüfung der Ausstattung der Erziehungswissenschaft an den Universitäten, eine Konzentration der gymnasialen Lehramtsausbildung nicht auszuschließen.

In Zielvereinbarungen des Wissenschaftsministeriums mit den Hochschulen sollen konkrete Schritte festgelegt werden. "Auf diese Weise können wir geeignete Anreizsysteme für Lehre und Forschung schaffen" (Frankenberg). Kooperationen zwischen den Hochschulen sollten die bessere Nutzung vorhandener Ressourcen ermöglichen. Der Handlungsbedarf, den die Evaluation ergeben habe, "sollte von den Hochschulen als Chance für eine moderne Lehrerbildung verstanden werden", so der Minister. "Die Hochschulen müssen - das haben die Gutachter betont - ihre internen Systeme der Qualitätssicherung in Forschung und Lehre und bei der Nachwuchsförderung ständig verbessern und internationalen Maßstäben angleichen. So werden sie ihr Profil schärfen und eine qualitativ hochstehende und wirkungsvolle Lehrerbildung gewährleisten."

Hinweise an die Redaktionen: Ein Foto von der Übergabe des Evaluationsberichts steht auf der Website des Ministeriums zur Verfügung. Es ist abrufbar unter: www.mwk-bw.de/presse/erz-wis-bericht.zip
Der Evaluationsbericht steht als pdf-Datei unter www.mwk-bw.de in der Rubrik "Publikationen-Forschung".


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