Auszeichnung

Faire Chancen durch digitale Lehre

Über tausend Studierende in einer Vorlesung – können dabei die Probleme von einzelnen überhaupt noch berücksichtigt werden? Dr. Stephan Krusche von der Technischen Universität München (TUM) hat ein digitales Lehrkonzept entwickelt, das eine Lösung für diese Herausforderung bietet.

26.06.2020 Bundesweit Pressemeldung Technische Universität München
  • © Astrid Eckert / TUM

Dafür erhält der junge Wissenschaftler den Ars legendi-Fakultätenpreis für exzellente Lehre in den Ingenieurwissenschaften und der Informatik an Universitäten 2020.

Sich entspannt zurücklehnen und vom Dozenten berieseln lassen, das ist bei den Vorlesungen von Stephan Krusche nicht möglich. „Es ist mir wichtig, dass wir die Studierenden dazu aktivieren, an der Lehre teilzunehmen“, erklärt er. „Besonders in der Informatik und im Software Engineering ist es von großer Bedeutung, selber etwas auszuprobieren.“

Bei über 1800 Studierenden mit unterschiedlichen Vorkenntnissen, wie es in der Vorlesung „Einführung in die Softwaretechnik“ der Fall ist, eine große Herausforderung.

Direktes Feedback zu den Aufgaben

Gemeinsam mit seinem Team entwarf Krusche das Lernmanagement-System Artemis. Es ähnelt der bekannteren Lernplattform Moodle, bietet aber mehr Möglichkeiten. „Über das System stellen wir den Studierenden Aufgaben zur Verfügung, die sie bearbeiten und dann sofort Feedback zu ihren Lösungen bekommen.“ Diese Rückmeldung soll nicht nur zeigen, ob die Übung richtig durchgeführt wurde, sondern auch an welcher Stelle die Fehler liegen – eine technisch anspruchsvolle Aufgabe.

Neben Programmieraufgaben gibt es verschiedene Quiz- oder Modellierungsaufgaben, über die das Verständnis des Lehrstoffs geprüft werden kann. „Wir bauen auch Text- und Teamaufgaben ein, die bearbeiten werden müssen“, sagt Krusche.

Studierende stellen Fragen per Chat

In den vergangenen Jahren hatte Krusche vor Studierenden im Hörsaal Vorlesungen gehalten, während einige Studierende bereits die Möglichkeit nutzten, den Livestream zu verfolgen.
„Einfach, weil 1800 Studierende nicht in einen Hörsaal passen“, so Krusche. „Und die Motivation auch nicht so hoch ist, es sich in einem zweiten Hörsaal auf der Leinwand sozusagen wie im Kino anzuschauen.“ Die Umstellung auf die digitale Lehre in Folge der Corona-Krise war daher relativ unproblematisch. „Für mich persönlich war die größte Umstellung, die Vorlesung in einem leeren Hörsaal zu halten“, sagt Krusche.

Ein Austausch mit den Studierenden ist trotzdem möglich – über einen Chat. Und hier gibt es sogar mehr Rückmeldungen als bei der Präsenzveranstaltung. „Bei einer so großen Vorlesung trauen sich nur wenige Studierende, sich zu melden“, erklärt Krusche. Beantwortet werden die meisten Fragen von Übungsleitern und Übungsleiterinnen sowie den Tutoren und Tutorinnen direkt. Fragen, die für alle interessant sind, werden gesammelt und während der Vorlesung thematisiert.

Individuelle Betreuung möglich

Um eine gute Betreuung zu gewährleisten, sind die Studierenden auf 80 Übungsgruppen verteilt, in denen auch die aktive Teilnahme im Vordergrund steht. Über 50 Tutoren und Tutorinnen betreuen die Studierenden in kleinen Gruppen. Sie kennen die Studierenden persönlich und können so besser auf deren Probleme eingehen. Dass die Leistungen der Studierenden durch dieses Lernformat besser werden, konnte das Team empirisch nachweisen.

Die digitalen Formate können aber nicht nur individuell, sondern auch barrierefrei gestaltet werden. Eine blinde Studentin konnte so sogar Modellierungsaufgaben lösen, die Diagramme enthalten. Krusche und sein Team entwickelten eine Tablet-Anwendung, mit deren Hilfe die Studentin die Elemente per Drag and Drop bewegen konnte. Dabei erkannte das System, wenn sie auf ein Element drückte: Dann vibrierte das Tablet und das Element wurde vorgelesen.

„Gesamtengagement in der Lehre“

Neben der Lernplattform lobt die Fachschaft Mathematik, Physik, Informatik, die Krusche für den Ars legendi-Fakultätenpreis für exzellente Lehre vorgeschlagen hat, auch sein Engagement bei der Entwicklung des „iPraktikums“. In diesem Praktikum erhalten Studierende einen Einblick in industrielle Softwareprozesse in Kooperation mit renommierten Firmen.
„Bemerkenswert ist, dass Herr Dr. Krusche nicht für eine einzelne, besonders herausragende Lehrveranstaltung, sondern für sein Gesamtengagement in der Lehre geehrt wird“, heißt es in der Begründung der Jury. „So steht für ihn der Lernerfolg aller Studierenden und nicht nur der Besten im Vordergrund, sowohl in der Studieneingangsphase als auch in großformatigen Lehrveranstaltungen mit bis zu 2000 Studierenden.“


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