Kongress

Heterogenität in der Schule

(red/idw) Rund 350 Forscher aus ganz Deutschland stellen vom 23. bis 25. September 2013 an der Uni Hildesheim aktuelle Forschungsergebnisse zum Schwerpunktthema Heterogenität in Bildung und Entwicklung (Tagungsmotto "gemeinsam verschieden") vor und skizzieren Herausforderung für Schulen und Kitas.

19.09.2013 Artikel

Allein 27 Arbeitsgruppen, 140 Beiträge, über 100 Forschungsreferate nehmen die frühe Kindheit und Schulzeit in den Blick. Neben dem Themenschwerpunkt ist die gesamte Breite der pädagogisch-psychologischen Forschung vertreten. Die Hildesheimer Professorin Dr. Claudia Mähler leitet die Konferenz.

Modellprojekt "Schulreifes Kind"

Kinder kommen mit unterschiedlichen Startbedingungen in die erste Schulklasse. Forscher verweisen auf eine zunehmende Zahl von Kindern, bei denen bereits vor der Einschulung schulrelevante Entwicklungsrückstände zu beobachten sind. In Baden-Württemberg sollen mit einem flächendeckenden Modellprojekt "Schulreifes Kind" Verzögerungen in der Entwicklung frühzeitig erkannt und durch gezielte Fördermaßnahmen ausgeglichen werden. Bereits etwa zwei Jahre vor der Einschulung legen Erzieher fest, ob Förderbedarf bei einem Kind besteht. Schule, Kindergarten, Gesundheitsamt und die betroffenen Eltern beraten über das Förderangebot für das jeweilige Kind und entscheiden. Dann folgen beispielsweise eine Sprachförderung, Schulung der Feinmotorik oder Übungen zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit. Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), hat das Projekt wissenschaftlich begleitet und berichtet in einem öffentlichen Hauptvortrag von Forschungsergebnissen und wie Entwicklungsrückstände, wenn sie früh erkannt werden, erfolgreich kompensiert werden können.

Inklusive Bildung in England

Mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von Grundschülern und dem Übergang von der Kita in die Schule befasst sich auch Prof. Dr. Kathy Sylva vom Department of Education der University of Oxford. Prof. Dr. Peter Farrell von der School of Education der University of Manchester geht in seinem Hauptvortrag auf Forschungsergebnisse zur inklusiven Bildung in England ein. Für Deutschland liegen noch wenige Ergebnisse vor. In Niedersachsen gilt seit August 2013 ein Rechtsanspruch, Eltern können wählen, ob ihr Kind eine Förder- oder Regelschule besuchen soll.

Verkannte Potenziale junger Migranten

Prof. Dr. Haci Halil Uslucan vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung der Universität Duisburg-Essen spricht in einem weiteren Hauptvortrag über "verkannte Potenziale von jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte". Unter dem Titel "Stark, begabt, aber unerkannt" zeigt der Integrationsforscher, wie der Diskurs über mehrsprachige Kinder im Bildungswesen nach wie vor auf deren angebliche Defizite hervorhebt. Es gibt "psychisch ziemlich robuste und hoch begabte Migranten – und zwar unabhängig vom symbolischen Kapital der Eltern –, doch sie sind kaum im öffentlichen Diskurs wahrnehmbar und werden zu wenig gefördert", sagt Uslucan.

Langzeitstudie "KoKo"

Mit der Verschiedenheit vor Schuleintritt befasst sich eine Forschergruppe um Claudia Mähler, Professorin für Pädagogische Psychologie und Diagnostik an der Universität Hildesheim. In mehreren Projekten gehen die Forscher der Frage nach, wie bereits vor der Einschulung schulrelevante Entwicklungsrückstände erkannt werden können. Inwieweit sind Schulleistungen vorhersagbar? Im Vorschulalter unterscheiden sich Entwicklungsverläufe erheblich, so das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung. Forscher der Universität Hildesheim haben über fünf Jahre rund 200 Kinder in einer Langzeitstudie "KoKo" begleitet, sie gehen heute in die dritte Klasse. Ziel war es herauszufinden, welche kognitiven Kompetenzen in der frühen Kindheit für spätere Schulleistungen entscheidend sind. Für das Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen spielen die sogenannten Vorläuferfähigkeiten eine Rolle – kann das Kind zum Beispiel hören, dass im Wort "Auto" kein "i" enthalten ist? Erkennt es Laute und Reime? Hat es ein Verständnis für Mengen und Zahlen entwickelt und kann einschätzen, was "mehr" oder "weniger" ist? Diese kann man trainieren. Außerdem, das zeigt die Untersuchung, spielt das Arbeitsgedächtnis in der frühen Kindheit eine wichtige Rolle bei der Vorhersage von späteren Schulleistungen. Intelligenz ist weniger entscheidend. "Risikokinder" können früh erkannt und gefördert werden – was bislang zu wenig beachtet wird, sagt Mähler. Die Studie gibt Auskunft über Entwicklungsstadien, -tempi und über individuelle Vorsprünge und -rückstände im Vor- und Grundschulalter. In einer zweiten Studie prüft das Psychologenteam derzeit, ob das Arbeitsgedächtnis bei Schulkindern trainiert werden kann.

Forschungsambulanz "Kind im Mittelpunkt"

In Hildesheim hat das Forscherteam um Claudia Mähler die Lehr- und Forschungsambulanz "Kind im Mittelpunkt" aufgebaut. Diagnostik, Beratung und Intervention bei Lernstörungen werden von Eltern und Kindern in der Region stark nachgefragt. Bisher konnten etwa 400 Kinder mit Entwicklungsstörungen aus der Region in der Uni Hildesheim untersucht und begleitet werden. Eltern suchen die Ambulanz gezielt auf. Zudem nehmen zahlreiche Kinder an Forschungsprojekten teil und werden begleitet, wie zum Beispiel etwa 600 Babys an der FREDI-Studie. Die Forscher entwickeln derzeit einen Test, der die Bereiche Sprache, Motorik, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung von Unter-Dreijährigen erfasst und in der Praxis eingesetzt werden kann.

"Wir stellen fest, dass die Aufklärung von Lehrern und Erziehern greift. Vor vier Jahren kamen eher Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe in unsere Forschungsambulanz. Heute sind es vermehrt Grundschüler. Lehrer entwickeln zunehmend einen Blick dafür, dass sie Lernstörungen früh erkennen und handeln müssen", sagt Claudia Mähler. Um Grundschulkinder gezielt zu fördern, unterstützt die Universität zum Beispiel in einem gemeinsamen Projekt mit den Jugendämtern von Stadt und Landkreis Hildesheim Schulen bei der Erstellung und Umsetzung von Fördermaßnahmen. Seit 2011 nehmen neun Grundschulen teil. Klassen- und jahrgangsübergreifend erhalten Dritt- und Viertklässler wöchentlich Unterstützung im Bereich Lesen und Rechtschreiben. Risikokinder mit ausgeprägtem Förderbedarf erhalten eine Legasthenie-Therapie durch externe Fachkräfte. Die Kosten für diese Förderung werden vom Jugendamt und den Schulen getragen.

An der Universität Hildesheim ist der Bereich Lern- und Verhaltensstörungen ein Schwerpunkt im Lehramtsstudium: Studierende sammeln Kenntnisse über Symptomatik, Ursachen, Diagnostik und Interventionsmöglichkeiten bei Lernstörungen. Studierende der Psychologie werden in der Ursachenforschung und praxisnah in der Diagnostik und Begutachtung von Lernschwierigkeiten ausgebildet und sind in den Forschungsprojekten beteiligt.


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