Bildungspläne

Im Interview: Anja Karliczek

Bundesministerin für Bildung und Forschung: "Wir wollen einen Kulturwandel unterstützen." Von Angelika Fritsche und Gudrun Sonnenberg.

01.02.2019 Bundesweit Artikel DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft
  • © Rauß Fotografie

Frau Ministerin Karlizcek, Deutschland lebt von Innovation. Wie zufrieden sind Sie damit, dass wir auf dem Global Innovation Index nur auf Platz 9 stehen und Länder wie die Schweiz, Niederlande, Singapur, Schweden, Großbritannien besser abschneiden als wir?
Im Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums haben wir hervorragend abgeschnitten: Platz 1 bei Innovationen, noch vor den USA. Man muss genau schauen, was bewertet wird. Dass die USA und China uns stark auf den Fersen sind, hat zum Beispiel damit zu tun, dass diese Länder bei disruptiven Innovationen beziehungsweise Sprunginnovationen führend sind, die sich durch neue marktverändernde Geschäftsmodelle oder radikale technologische Neuerungen auszeichnen. In Deutschland sind wir stark in der evolutionären Weiterentwicklung, gerade auch in unserer sehr mittelständisch geprägten Wirtschaft. Marktverändernde, radikale technische Neuerungen und Geschäftsmodelle beobachten wir derzeit zum Beispiel zunehmend auf der anderen Seite des Atlantiks. Da müssen wir mithalten.

Sie haben eine Agentur für Sprunginnovationen geplant. Viele Wissenschaftsvertreter können das Vorhaben nicht richtig einordnen. Was genau soll es sein?
Deutschland ist ein bedeutender Innovationsstandort. Über unsere gute Position im internationalen Wettbewerb haben wir gerade gesprochen. Da wollen wir die Nase vorn behalten. Die Welt wandelt sich, nicht nur durch die Digitalisierung. Dort, wo Innovation absehbar Mehrwert schafft, wo das Risiko kalkulierbar ist, da gehen die Unternehmen selber voran. Da entwickeln sie selber weiter, nicht nur, aber gerade die Großen. Zurückhaltung können wir aber da erkennen, wo das Risiko zu scheitern hoch ist. Hier gibt es eine Lücke. Diese wollen wir mit der Agentur für Sprunginnovationen schließen. Denn die deutsche Wirtschaft hat hier großes Potenzial: Komplexe Anwendungsfelder und die Entwicklung und Produktion hochwertiger Güter sind ihre Stärke. Aus hochinnovativen Ideen, die oft in Deutschland ihren Ursprung haben, sollen marktverändernde Produkte und Dienstleistungen werden. Das wollen wir mit der neuen Agentur anregen und fördern. 

Zahlt dann der Steuerzahler dafür, dass am Ende ein Unternehmen ein Geschäft macht? Oder dass das Geld verloren geht? Wer mit öffentlichen Mitteln forscht, muss normalerweise relativ genau sagen, wofür er sie einsetzt. Wollen Sie daran etwas ändern? 
Mit der Agentur für Sprunginnovationen wollen wir einen Mentalitätswandel – im Grunde einen Kulturwandel – unterstützen. Dafür stecken wir den Rahmen ganz klar ab: zehn Jahre, eine Milliarde Euro. Währenddessen wird evaluiert. Aber innerhalb dieser zehn Jahre soll es in dieser Agentur für Sprunginnovation hohe Freiheitsgrade und auch Möglichkeiten geben, jemanden, der sich da eine Zeit lang engagiert, anders zu bezahlen. 

Haben wir in Deutschland denn die nötigen Köpfe dafür, die in so einer Agentur so etwas vorantreiben können?
Jede Struktur ist immer nur so gut, wie die Innovationskraft der Köpfe, die sie vorantreiben. Die richtigen Innovationsmanager zu finden, ist die Schlüsselfrage. Wichtig ist: Wir wollen kein starres System, sondern ein dynamisches. Deshalb werden die Innovationsmanager ausdrücklich auf Zeit in der Agentur arbeiten.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Um Innovation zu befördern, könnten Sie auch die Grundlagenforschung stärken – was auch alle Hochschulen fordern.
Wir tun das eine, ohne das andere zu lassen. Mit der Agentur für Sprunginnovationen beschreiten wir einen neuen Weg, der auch Mut zum Scheitern verlangt. Deshalb ist eine Evaluation vorgesehen. Die Bundesregierung wird außerdem weiterhin die Grundlagenforschung kraftvoll unterstützen, da sind wir auch zuständig. In den Hochschulen ist die Grundfinanzierung Aufgabe der Länder. Ein gesunder Mix ist wichtig. Eine solide Grundlagenforschung und beständige Forschung immer wieder in den Wettbewerb zu schicken, ist übrigens in den USA viel ausgeprägter als hierzulande. Uns haben die internationalen Gutachter bei der Exzellenzstrategie zu unserem ausgewogenen System gratuliert. Der daraus entstehende Wettbewerb entfaltet eigene Innovationskräfte. 

Setzt der Staat mit der Agentur für Sprunginnovationen die richtigen Signale? Was ist mit unternehmerischer Initiative, Eigenständigkeit?
Ein Drittel der Forschung wird bereits bisher öffentlich generiert, zwei Drittel leisten die Unternehmen. Das ist ein gesundes Verhältnis, das wir auch weiter fördern wollen. Dafür haben wir bereits den ersten Vorschlag für eine steuerliche Forschungsförderung gemacht und sind dazu mit dem Finanzministerium in einem guten Gespräch. Wir haben gerade das Programm Forschung an Fachhochschulen um fünf Jahre verlängert. Damit wollen wir die Innovationskraft stärken, die in den Fachhochschulen auch aufgrund ihrer Nähe zu den Unternehmen steckt. Ich hätte mich gefreut, wenn die Länder auch dazu beigetragen hätten. Aber da mir die Fachhochschulen besonders wichtig sind, trägt der Bund das Programm zu hundert Prozent.

Gerade die Fachhochschulen vermissen Förderstrukturen für ihre Forschung und beklagen, dass sie oft zu sehr von Unternehmen abhängen. Sie fordern unter anderem deswegen auch die Deutsche Transfergemeinschaft. Warum haben Sie ihr eine Absage erteilt? 
Dabei käme eine weitere neue Struktur heraus. Ich glaube, die Fachhochschulen haben eher mehr Freiheit durch Grundfinanzierung im Sinn – die aber aus den Ländern kommen muss. Ich bin überzeugt, dass die Bereiche Bildung und Forschung zusammenwachsen. Zum Beispiel gewinnt das duale Studium an Stellenwert. Die Rahmenpläne in den dualen Ausbildungen, insbesondere in den techniknahen Ausbildungsberufen, wachsen immer weiter mit den akademischen Curricula zusammen. Hier können gerade die Fachhochschulen in den nächsten Jahren wertvolle Beiträge leisten. Denn sie sind in der Lage, diese Bereiche besser zu verknüpfen. Dazu kommt Auftragsforschung aus Unternehmen, die eine natürliche Beziehung zur Fachhochschule haben, weil von da eben auch die dual Studierenden kommen – die eher in die Fachhochschule schauen als in die Universität. Deswegen brauchen wir an der Stelle keine neuen Strukturen. 

Könnte man anstelle der neuen Agentur nicht die AiF, die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen, umstrukturieren? Deren grundsätzliche Aufgabe ist es ja, angewandte Forschung und Grundlagenforschung mit den kleinen und mittelständischen Unternehmen zusammenzubringen.
Bei der AiF haben wir etablierte Strukturen und Regelwerke, die schon sehr ausgefeilt sind. Bei der Agentur für Sprunginnovationen wollen wir etwas Neues: eine schlanke, schnelle Agentur, die freier ist, außerhalb etablierter Mechanismen etwas aufzubauen.

Aber wie wollen Sie denn einen Kulturwandel hinbekommen, wenn Sie ansonsten alles lassen, wie es ist? Wo ist da die Nachhaltigkeit?
Wir werden uns anschauen, ob und in welcher Form wir die Agentur nach zehn Jahren weiter brauchen. Das kann man heute noch nicht sagen. Was wir da machen, ist definitiv ein Experiment: Wir wollen das, was wir aus den USA als DARPA kennen, hier so auf den Weg bringen, dass es auch thematisch breiter aufgestellt erfolgreich sein kann. Der Erfolg wird auch an den Köpfen hängen, die die Agentur prägen. Wir haben übrigens auch bei der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur erst mal gesagt: Nach sechs Jahren evaluieren wir und entscheiden dann über die weitere Förderung nach zehn Jahren. Im Moment ist es sehr schwer, über einen langen Zeitraum zu planen. In vier, fünf Jahren kann sich schon so viel wieder entwickelt haben, dass man nachbessern muss. Deswegen sollte jetzt nicht vorschnell institutionalisiert werden. Wir bringen Initiativen auf den Weg, schauen uns ihre Entwicklung an und entscheiden dann auf Grundlage der Evaluation.

Das gesamte Interview zum Weiterlesen finden Sie hier.

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