Lehrerausbildung im Wandel

(db) Die Lehrerausbildung wurde in den letzten 100 Jahren immer stärker professionalisiert. Durch eine Verzahnung von Studium und Praxis sowie eine besser strukturierte Weiterbildungsstrategie soll sie nun weiter optimiert werden.

21.10.2004 Artikel

Die öffentliche Diskussion um die Reformbedürftigkeit deutscher Schulen beinhaltet auch die Frage, welchen Ansprüchen der "moderne Lehrer" genügen muss und welche Schwächen die Lehrerausbildung an Deutschlands Hochschulen hat. Bei aller Kritik wird gern übersehen, dass die Lehrerausbildung in Deutschland eine lange Geschichte der inhaltlichen und institutionellen Niveausteigerung hinter sich hat. In dem selben Maß, in dem sich die deutsche Gesellschaft zu einer Wissens- und Bildungsgesellschaft entwickelte, hat auch der Lehrerberuf an Ansehen gewonnen. Die Ausbildung der Lehrer wurde durch ihre Verlegung an Universitäten und Fachhochschulen professionalisiert. Des Weiteren haben sich die ursprünglich weit getrennten Lehrämter für Grund- und Hauptschule und Gymnasien in den letzten Jahrzehnten angenähert, indem die traditionell nicht universitär organisierten "niedrigeren" Lehrämter eine Akademisierung erfuhren, während das Gymnasiallehrerstudium an den Universitäten mit pädagogischen Fachelementen und Praktika im Schulbetrieb angereichert wurde.

So entwickelte das heutige Lehramtstudium bundesweit eine relativ einheitliche Struktur, die auf zwei zentralen Ausbildungsschritten beruht: Die erste Phase der Ausbildung findet an den Hochschulen statt. Ihr kommt die Aufgabe der Vermittlung akademischen Fachwissens und erziehungswissenschaftlicher Grundkenntnisse zu. Die hohe fachliche Kompetenz deutscher Lehrer ist im internationalen Vergleich vorbildlich. In der zweiten Phase soll im so genannten Vorbereitungsdienst oder Referendariat dieses Wissen im Schulalltag umgesetzt und parallel dazu im Studienseminar pädagogisch-didaktisches Wissen vertieft werden.

Expertenkommission eingesetzt

Als Reaktion auf die anhaltende Kritik aus Fachwelt und Öffentlichkeit setzte die Kultusministerkonferenz im September 1998 eine Expertenkommission ein, um Perspektiven einer zukunftsorientierten Lehrerausbildung zu erarbeiten. Zentraler Kritikpunkt des unter Federführung von Ewald Terhart, Professor für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik an der Universität Münster und Experte für Lehrerbildung, veröffentlichten Kommissionsberichts ist die Praxisferne und Zerstückelung der Lehrerausbildung. Die Inhalte der universitären Ausbildung der Lehramtsanwärter und die realen Anforderungen des Berufs in der Praxis klaffen weit auseinander. Lehramtsstudenten sitzen gemeinsam mit Diplom- und Magisterkandidaten in den Vorlesungen, wobei die Seminarinhalte nur selten an den Bedürfnissen der späteren Lehrer ausgerichtet sind. "Die Universitäten müssen sich der vielfach ¸marginalisierten´ Lehrerausbildung ernsthaft und verantwortungsbewusst annehmen", so die Forderung der Kommission. Für jeden Fachbereich solle ein "Kern-curriculum" erstellt werden, das diejenigen Inhalte festhält, die Lehramtsstudenten regelmäßig angeboten werden müssen. Außerdem sollten, so die Kommission weiter, Fächer, Fachdidaktiken, Erziehungswissenschaften und Praktika besser verzahnt und auf die spätere Berufspraxis ausgerichtet werden.

Viele Studenten bestätigen das derzeitige Manko: "Ich fühle mich auf das Referendariat und die Arbeit mit Schülern völlig unvorbereitet", so Cornelia Kühne, Studentin der Anglistik und Germanistik an der Universität Freiburg und kurz vor dem ersten Staatsexamen. Sie begann ihr Studium noch vor Einführung des verbindlichen Schulpraxissemesters an baden-württembergischen Universitäten. Außer einem vierwöchigen Praktikum an einem Gymnasium in Stuttgart, einem Schein in Pädagogik und einem in Fachdidaktik kann sie keine weiteren praxisorientierten Schulungen nachweisen. "Ich hoffe darauf, dass ich im anschließenden Referendariat den Umgang mit den Schülern und die Stoffvermittlung lernen werde und versuche mich nicht zu sehr verunsichern zu lassen", meint die 27-Jährige desillusioniert.

Neue Zentren für Lehrerbildung

Organisatorisch unterstützt werden könnte eine Optimierung der Ausbildung durch den Aufbau von Zentren für Lehrerbildung und Schulforschung, welche die Interessen der Lehrerbildung an den Instituten vertreten. An der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen besteht seit Oktober 1999 ein Lehrerbildungszentrum mit integriertem Praktikumsbüro. Das Grundanliegen dieser wissenschaftlichen Einrichtung liegt nach eigenen Angaben darin, "fachübergreifend an einer professionsorientierten Lehrerausbildung mitzuwirken". Im Januar 2004 wurde ein solches Zentrum für Lehrerbildung auch an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gegründet.

Des Weiteren müssen die Lerninhalte der Studienseminare besser mit denen der Universität koordiniert werden, Ausbildungsschulen und Studienseminare intensiver zusammenarbeiten und die Junglehrer besser von ihren Ausbildungsleitern begleitet und beraten werden. Nur so kann der Praxisschock junger Lehrer verhindert werden.

Bachelor und Master

Durch die Einführung der internationalen Studienabschlüsse Bachelor und Master an den Universitäten stehen der akademischen Lehrerausbildung in den kommenden Jahren ohnehin große Veränderungen bevor. Vorreiter ist die Universität Bielefeld: Sie nimmt seit Wintersemester 2003 an einem Modellversuch teil, der diese neue Form der Lehramtsausbildung testen soll.

Seit Wintersemester 2003/04 ist das Lehramtsstudium an der Uni Bielefeld gestuft, d. h. es beginnt mit einem Bachelor-Studiengang, der sechs Semester dauert. Die Stu-dienwahl umfasst jeweils ein Kern- und ein Nebenfach. Ebenfalls bietet das Bachelor-Studium die Möglichkeit, den Studienschwerpunkt auf das Berufsfeld Schule zu legen. Damit kann die Entscheidung für das Berufsbild Lehrer zu Beginn des Studiums oder auch erst studienbegleitend getroffen werden. Das Bachelor-Studium schließt mit einem berufsbefähigenden Abschluss ab. Wer sich für den Beruf des Lehrers entscheidet, muss ein Masterstudium anschließen, dessen Länge vom angestrebten Lehramt abhängt. In dieser Studienphase erfolgt durch spezielle pädagogische und didaktische Schwerpunkte die Ausbildung für den Schulbetrieb. Der Masterabschluss entspricht dem traditionellen ersten Staatsexamen.

Allroundtalent Lehrer

Der Lehrerberuf steht heute durch den schnellen gesellschaftlichen Wandel vor neuen, großen Herausforderungen. Dem kann nicht nur durch eine Optimierung der universitären und berufspraktischen Phasen der Ausbildung beigekommen werden. Die Pluralisierung von Lebens- und Familienformen, die Liberalisierung der familiären Erziehungspraktiken und der vermehrte Einfluss von Medien aller Art auf Kinder und Jugendliche zwingen den Lehrer in seinem Schulalltag zu einer ständigen Auseinandersetzung und Reaktion auf diese Phänomene. Das heute geforderte "Allroundtalent" Lehrer sollte neben dem üblichen fachlichen und didaktischen Wissen auch über Know-how im Krisenmanagement verfügen, um die fehlenden finanziellen Mittel der Schulen durch Kreativität und Zusammenarbeit mit Kollegen und Eltern aufzufangen. Es sollte pädagogisch-psychologische Kompetenzen ebenso mitbringen wie solche für den Umgang mit verhaltensgestörten und lernbehinderten Kindern. Daneben wird von Lehrern erwartet, dass sie sich über die Weiterentwicklung der pädagogischen Forschung informieren, um neue pädagogische Maßnahmen im eigenen Unterricht umsetzen zu können.

Dies alles zu vermitteln ist nicht die alleinige Aufgabe der Erstausbildung. Nur durch den Ausbau von gut organisierten und abgestimmten Weiterbildungsangeboten können die wachsenden Anforderungen dieses Berufsfeldes gemeistert werden. Diesbezüglich schlüssig ist auch die Forderung der Expertenkommission, die das Lernen im Beruf als "dritte Phase" der Lehrerausbildung ansieht: "In einer berufsbiografischen Perspektive ist die Lehrerbildung als Einheit des Lernens in der Universität, im Vorbereitungsdienst sowie schließlich als Lernen im Beruf zu betrachten."

Erstveröffentlichung
Klett Themendienst


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